Mehr als nur ein Ausreißer
Dass es sich um mehr als nur die übliche Abweichung von der Norm handelt, zeigt die Liste der Schäden, die neben den vielen medizinischen Notfällen, an der Infrastruktur entstanden.
In ganz Deutschland wurden Autobahnen und Landstraßen überhitzt und konnten nicht mehr befahren werden. In Leipzig schmolz das Fugenmittel der Straßenbahnschienen, bei einem immerhin seit 150 Jahren betriebenen Netz.
Am Flughafen München musste die Startbahn gekühlt werden. Die Deutsche Bahn riet vom Reisen ab, weil die Klimaanlagen für die Temperaturen nicht ausgelegt sind. In Offenbach wurde das Wasser knapp und entlang der Mosel dürfte in den nächsten Tagen ein größeres Fischsterben zu beobachten sein, weil der Fluss überhitzt ist. Noch dramatischer ist die Situation im Mittelmeer, das durch die Hitze der letzten Tage 7 °C wärmer ist als üblich.
Reflexe allein reichen nicht
Gerade die Schäden an der Infrastruktur verdeutlichen, wie weit die Hitzewelle von den erwartbaren Werten entfernt war. Verbaute Materialien müssen in den meisten Fällen extremen Bedingungen standhalten, wie sie seltener als einmal in 100 Jahren auftreten.
Bei Hochwasserschutzanlagen sind es sogar 500, manchmal 1.000 Jahre. Und dass es in ganz Deutschland zu temperaturbedingten Ausfällen an einer Vielzahl unterschiedlicher Anlagen kam, deutet zumindest darauf hin, dass derart hohe Temperaturen anhand früherer Wetteraufzeichnungen nicht zu erwarten waren.
Der Golem-Blick
Jetzt nach Klimatisierung zu rufen, Wärmedämmung zu fordern und den Hitzeschutz allgemein besser zu planen, ist natürlich richtig. So lassen sich viele medizinische Notfälle verhindern. Und gedämmte Häuser bleiben nicht nur länger kühl bei einer Hitzewelle, sie müssen auch im Winter weniger geheizt werden.
Angesetzt werden muss aber an der Ursache, und dass der Klimawandel nicht mehr abstrakt ist, hat die letzte Woche eindrucksvoll gezeigt. Längst bewahrheiten sich Berechnungen zur Erderwärmung und lassen sich nicht mehr ignorieren.
Der Prozess ist im Gange und kann nicht gestoppt werden, wohl aber verlangsamt, auch das zeigen dieselben Berechnungen. Jetzt am Klimaschutz zu sparen, führt somit noch schneller zu den prognostizierten 45, 46 oder 47 °C. Dass das nicht nur für die Gesundheit gefährlich ist, sondern die nächste Generation Milliarden bis Billionen kosten wird, zeigen die Schäden im Land.
Ein ernsthafter Ausstieg aus der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle könnte den zukünftigen Temperaturrekord in Deutschland zumindest ein wenig erträglicher machen. Dazu müsste nicht einmal mehr etwas neu erfunden, nur bestehende Pläne ernsthaft umgesetzt werden. Wie dringend das nötig ist, wird sich sicher nicht zum letzten Mal gezeigt haben.
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