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Hit-to-Kill-Prinzip: Flugkörperabwehr Arrow 3 für Deutschland einsatzbereit

Am 3. Dezember 2025 erreichte die Bundeswehr einen Meilenstein in der Luftverteidigung. In Brandenburg ging das Arrow-Raketenabwehrsystem in Betrieb.
/ Michael Linden
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Start einer Arrow 3 während der Operation Rising Lion (Bild: Spokesperson and Public Relations Division of the Ministry of Defense of Israel)
Start einer Arrow 3 während der Operation Rising Lion Bild: Spokesperson and Public Relations Division of the Ministry of Defense of Israel / CC-BY-SA 4.0

Deutschland verfügt erstmals über eine territoriale Flugkörperabwehr gegen ballistische Raketen großer Reichweite. Das Arrow Weapon System for Germany (AWS-G) erweitert die bestehende Luftverteidigungsarchitektur um den Bereich außerhalb der Erdatmosphäre. Die vorhandenen Patriot-Systeme sind für mittlere Höhen zuständig.

Verteidigungsminister Boris Pistorius bezeichnete das System als strategische Fähigkeit, die im europäischen Kontext einmalig sei. Deutschland übernehme damit nicht nur Verantwortung für den eigenen Schutz, sondern auch für die Sicherheit der Partner. Die zentrale geografische Lage mache Deutschland zu einer Drehscheibe für NATO-Truppen- und Materialbewegungen im Konfliktfall.

Exoatmosphärische Abwehr gegen ballistische Raketen

Das Arrow-System kann anfliegende ballistische Raketen in Höhen über 100 Kilometer abfangen und zerstören. Die Technologie basiert auf dem Hit-to-Kill-Prinzip, bei dem der Abfangflugkörper das Ziel direkt trifft. Die Zerstörung erfolgt am Rande des Weltraums, um Gefahren durch radioaktive oder chemische Sprengköpfe über besiedelten Gebieten zu minimieren.

Die Reichweite von Arrow 3(öffnet im neuen Fenster) beträgt etwa 2.400 Kilometer. Der Fliegerhorst Holzdorf in Schönewalde in Brandenburg wurde als erster Standort gewählt. Von hier aus kann das System rund um die Uhr betrieben werden.

Arrow bildet die oberste Schicht der deutschen Luftverteidigung. Darunter folgen die Patriot-Systeme und IRIS-T SLM. Für die noch tieferen Bereiche ist die Heeresflugabwehrtruppe mit Systemen wie Skyranger zuständig, die ebenfalls beschafft werden. Die Luftwaffe arbeitet bei der Dauereinsatzaufgabe mit den Heimatschutzkräften zusammen.

Das System wurde in israelisch-amerikanischer Kooperation entwickelt und ist der erste Export durch Israel. Deutschland orderte bisher drei Arrow-3-Systeme für 3,6 Milliarden Euro. Der Vertrag wurde im November 2023 unterzeichnet. Innerhalb von zwei Jahren wurde die Anfangsbefähigung erreicht.

Arrow 3: Israels exoatmosphärisches Abwehrschild gegen ballistische Raketen

Das Arrow-3-Raketenabwehrsystem ist ein gemeinsam von Israel Aerospace Industries (IAI)(öffnet im neuen Fenster) und Boeing entwickeltes exoatmosphärisches Abfangsystem, das ballistische Raketen im Weltraum zerstört. Seit Januar 2017 einsatzbereit, bewährte es sich im November 2023 erstmals im Kampfeinsatz gegen eine Houthi-Rakete – ein historischer Moment, der als "erste Weltraumkriegsführung" bezeichnet wurde. Mit einer Reichweite von 2.400 km(öffnet im neuen Fenster) und einer Abfanghöhe von über 100 km(öffnet im neuen Fenster) bildet Arrow 3 die oberste Verteidigungsschicht Israels.

Zwei Nationen entwickeln ein Weltraum-Abfangsystem

Die Entwicklung von Arrow 3 basiert auf einer israelisch-amerikanischen Kooperation, die bis ins Jahr 1986 zurückreicht. Am 6. Mai 1986 unterzeichneten beide Länder ein Memorandum of Understanding zur gemeinsamen Finanzierung des Arrow-Programms.

Israel Aerospace Industries (IAI) fungiert als Hauptauftragnehmer mit Gesamtverantwortung für Systemintegration und Endmontage. Die MLM-Division entwickelt und produziert den Abfangkörper, während die Tochtergesellschaft Elta Systems das Super Green Pine-Radar(öffnet im neuen Fenster) herstellt.

Boeing steuert als Co-Entwickler 40 bis 50 Prozent der Produktionsinhalte bei, darunter Raketenmotorgehäuse, Schutzverkleidungen, Trägheitsnavigationseinheiten und Avionik – koordiniert über mehr als 150 amerikanische Unternehmen in 25 Bundesstaaten.

Weitere israelische Schlüsselunternehmen sind Elbit Systems (Kommando- und Kontrollsystem Citron Tree)(öffnet im neuen Fenster), Rafael Advanced Defense Systems (Entwicklung der Abfangrakete und Zielraketen für Tests) und Tomer (staatliches Unternehmen für Komponenten und Raketenmotoren).

Auf Regierungsseite leitet die Israel Missile Defense Organization (IMDO) auch Homa-Administration genannt, die israelischen Aktivitäten. Diese ist Teil des Directorate of Defense Research and Development im Verteidigungsministerium. Die U.S. Missile Defense Agency (MDA)(öffnet im neuen Fenster) finanziert das Programm mit, führt gemeinsame Flugtests durch und stellt Testinfrastruktur bereit. Lt. Gen. Patrick J. O'Reilly, seinerzeit MDA-Direktor, bezeichnete Arrow 3 im Jahr 2009 als fortschrittlicher als alle US-Programme(öffnet im neuen Fenster).

Technische Spezifikationen des Systems

Das Hit-to-Kill-Prinzip unterscheidet Arrow 3 vom Vorgänger Arrow 2: Statt eines Splittergefechtskopfs mit Annäherungszünder nutzt Arrow 3 ausschließlich die kinetische Energie des direkten Aufpralls zur Zerstörung – vergleichbar mit einer Kugel, die eine Kugel trifft. Der Kill Vehicle hat einen elektro-optischen Sucher, der um 90 Grad schwenken kann und damit potenziell auch Anti-Satelliten-Fähigkeiten besitzt.

Das zugehörige Super Green Pine Radar (EL/M-2080S)(öffnet im neuen Fenster) von Elta erreicht eine Erfassungsreichweite von 800 bis 900 km, kann über 30 Ziele gleichzeitig verfolgenund liefert Zielführungsdaten mit einer Genauigkeit von vier Metern. Das System ist im L-Band aktiv und mit dem amerikanischen AN/TPY-2 Radar interoperabel.

Von der Konzeptstudie zum einsatzbereiten System

Die Entwicklungsgeschichte erstreckt sich über fast ein Jahrzehnt. Zwischen 2006 und 2007 wurde zunächst eine Studie zur Notwendigkeit einer exoatmosphärischen Komponente durchgeführt. Im August 2008 initiierten die USA und Israel formell die Arrow-3-Entwicklung. Israel entschied sich für diese Eigenentwicklung und nicht für einen THAAD-Kauf.

Im Februar 2013 absolvierte das System den ersten Fly-out-Test von Palmachim, bei dem Hyperschallgeschwindigkeit und eine Höhe von 100 km erreicht wurden. Ein zweiter erfolgreicher Flugtest mit komplexen Weltraummanövern folgte im Januar 2014.

Den entscheidenden Durchbruch markierte der Dezember 2015 mit dem ersten erfolgreichen Abfang eines ballistischen Ziels über dem Mittelmeer. Am 18. Januar 2017 erreichte Arrow 3 die offizielle Einsatzbereitschaft und wurde an die israelische Luftwaffe übergeben.

Im Juli 2019 folgten die erfolgreichen Alaska-Tests (FTA-01) mit drei Abfangversuchen und der Integration des AN/TPY-2-Radars. Im Januar 2022 wurden schließlich Tests gegen simulierte iranische MIRV-Bedrohungen (Multiple independently targetable reentry vehicle) durchgeführt, die zu technologischen Durchbrüchen führten.

Die Entwicklung erlebte auch Rückschläge: Im Dezember 2014 scheiterte ein Abfangversuch, weil das Radar das Ziel nicht verfolgen konnte. In den Jahren 2017 und 2018 wurden Tests wegen Zielraketen- und Kommunikationsproblemen abgebrochen.

Integration in Israels mehrschichtige Luftverteidigung

Arrow 3 bildet die oberste Schicht eines vierstufigen Verteidigungssystems:

Arrow 3 – Exoatmosphärisch (>100 km), Langstrecken-ballistische Raketen

Arrow 2 – Obere Atmosphäre (~50 km), ballistische Raketen

David's Sling – Mittlere Reichweite, Marschflugkörper

Iron Dome – Kurzstreckenraketen, Artilleriegeschosse


Alle Systeme sind über das Citron Tree Battle Management Center vernetzt. Eine Batterie kann mehr als fünf ballistische Raketen in 30 Sekunden bekämpfen, wobei ein "vorausschauender Start" möglich ist, bevor der genaue Zielort bekannt ist. Die angestrebte Trefferquote bei Entwicklungsbeginn lag bei 99 Prozent(öffnet im neuen Fenster).

Milliarden-Investitionen aus den USA bei der Entwicklung

Die Finanzierung des Arrow-Programms überstieg 3,8 Milliarden Dollar (US-Anteil bis 2020)(öffnet im neuen Fenster). Der amerikanische Beitrag beträgt 50 bis 80 Prozent der Gesamtkosten, Israel steuert jährlich etwa 65 Millionen Dollar bei..

Die Kosten pro Abfangrakete liegen zwischen zwei und vier Millionen US-Dollar(öffnet im neuen Fenster) – günstiger als vergleichbare US-Systeme wie die SM-3 Block IIA (27,9 bis 36,4 Millionen Dollar). Eine komplette Batterie kostet etwa 170 Millionen Dollar(öffnet im neuen Fenster) inklusive Starter, Radar und Kommandosysteme.

Kampfeinsätze bestätigen die Wirksamkeit

Der operative Einsatz begann im November 2023 gegen eine Houthi-Ghadr-110-Rakete Richtung Eilat und markiert den historisch ersten exoatmosphärischen Abfang in einem Konflikt.

Beim iranischen Massenangriff im April 2024(öffnet im neuen Fenster) mit 120 ballistische Raketen, 170 Drohnen und 30 Marschflugkörpern erreichte das israelische Gesamtsystem eine Abfangrate von 99 Prozent, unterstützt von den USA, von Großbritannien, Frankreich und Jordanien. Der Angriff im Oktober 2024 mit rund 180 Raketen offenbarte jedoch Grenzen: Einige Raketen durchbrachen die Verteidigung und trafen die Nevatim Air Force Base.

Im Juni 2025 während des Zwölf-Tage-Kriegs feuerte Iran über 370 Raketen(öffnet im neuen Fenster). Videoanalysen zufolge wurden dabei 34 Abfangraketen vom Typ Arrow 3 und neun vom Typ Arrow 2 eingesetzt(öffnet im neuen Fenster) – mit einer geschätzten Gesamtabfangrate von 86 Prozent. Berichte deuten zunehmende Munitionsknappheit an: Beim aktuellen Angriffsrhythmus könnte Israel zehn bis zwölf Tage durchhalten.

Deutschland als erster europäischer Betreiber

Deutschland hat im Mai 2025 bereits Interesse an der nächsten Generation Arrow 4 bekundet(öffnet im neuen Fenster). Das System wird in die European Sky Shield Initiative (ESSI) integriert, der 24 NATO-Staaten angehören. Weitere potenzielle Kunden sind Griechenland, die Golfstaaten sowie Japan, Südkorea und Indien. Jeder Export bedarf der Genehmigung der US-Regierung.

Die Kampfeinsätze zwischen 2023 und 2025 bestätigten hohe Abfangraten, offenbarten aber auch Verwundbarkeiten bei Sättigungsangriffen.

In den kommenden Monaten und Jahren werden weitere Einsatzstellungen von Arrow 3 in Deutschland aufgebaut. Neue Standorte in Schleswig-Holstein und Bayern sind geplant.

Die vollständige Einsatzbereitschaft wird ab 2030 erwartet. Auch die Integration in die NATO-Luftverteidigung steht noch aus.


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