Herr-der-Ringe-Verfilmung: Lange vor Peter Jackson
Viele Jahre mussten die Fans von J.R.R. Tolkiens Jahrhundertwerk darauf warten, eine Adaption des Stoffes auf der Leinwand erleben zu können, der Zeichentrickfilm von Ralph Bakshi war nur ein schwacher Trost. Die wenigsten wissen jedoch, dass es Anfang der 70er-Jahre beinahe schonmal so weit gewesen wäre.
Damals, im Jahr 1969, versuchte einer der eigensinnigsten, aber interessantesten Regisseure aller Zeiten, ein Projekt zu stemmen, wie es die Welt noch nie zuvor gesehen hatte: John Boorman wollte den Herrn der Ringe verfilmen.
Boorman war von jeher an Fantasy interessiert. Seit er als kleiner Junge T.H. Whites The Once and Future King gelesen hatte, ließ ihn die Artus-Legende nicht mehr los. Er verschlang zu diesem Thema, was immer ihm in die Hände fiel, und stolperte seines Interesses an Zauberern wegen natürlich auch über den Herrn der Ringe, dessen Gandalf ihn nicht von ungefähr an die mystische Figur des Merlin(öffnet im neuen Fenster) erinnerte, die ihn bei den Stoffen der Artus-Sage am meisten beeindruckt hatte.
United Artists
Der Herr der Ringe war bereits seit einigen Jahren auf dem Markt, als United Artists die Filmrechte kaufte. Zu jenem Zeitpunkt hatte man im Grunde keine Ahnung, was man mit diesem gewaltigen Stoff machen wollte, aber man war zufrieden, ihn zumindest für das eigene Haus akquiriert zu haben.
David Picker, der damalige Produktionschef von United Artists, traf sich mit John Boorman und fragte ihn, welches Projekt er gerne als Nächstes anpacken würde.
Von Merlin zu Gandalf
Boorman nutzte die Gelegenheit und überreichte Picker direkt ein Merlin-Exposé, das dieser sich interessiert ansah. Doch Picker hatte eine gänzlich andere Idee. Er fragte Boorman beinahe beiläufig, wie es denn wohl mit Tolkien wäre.
Boorman übernimmt
Als John Boorman von David Picker dazu eingeladen wurde, die gewaltige Saga des Herrn der Ringe zu verfilmen, war der Regisseur noch ein junger Mann. Er hatte gerade mal vier Filme in seinem Oeuvre vorzuweisen.
Zum Film gekommen war der am 18. Januar 1933 in London geborene Boorman über die BBC. Nach seinem ersten Job in einer Wäscherei und einem Job als Kritiker bei einem Frauenmagazin und beim Radio gelang es ihm 1955, bei der britischen Rundfunkanstalt als assistierender Cutter unterzukommen.
Er zeichnete für verschiedene Dokumentationen verantwortlich und inszenierte 1964 für die Fernsehserie The Newcomers. Im Jahr darauf führte er bei der Komödie Fangt uns, wenn ihr könnt Regie. Das brachte ihn nach Hollywood, wo er 1967 und 1968 mit Lee Marvin Point Blank und Die Hölle sind wir drehte.
Diese Filme begründeten die lebenslange Freundschaft mit Lee Marvin. Danach schloss sich die Komödie Leo, der Letzte an, nach der UA ihm Der Herr der Ringe antrug.
Es sollte ein Quantensprung des Filmschaffens werden
Boorman war ob des Angebots begeistert. Er träumte davon, mit seiner Version von Tolkiens Werk dem Kino neue Aspekte zu verleihen. Was sieben Jahre später George Lucas mit Star Wars machte, wollte Boorman bereits Anfang des Jahrzehnts verwirklichen.
Er wollte für seinen Film Effekte aufbieten, wie sie die Welt nie zuvor gesehen hatte. Boormans Herr der Ringe sollte einen Quantensprung in den Möglichkeiten modernen Filmschaffens darstellen.
Doch zuerst galt es, das mehr als tausend Seiten starke Werk von Tolkien zu einem verfilmbaren Drehbuch zu verarbeiten. Zu diesem Zweck unterhielt Boorman auch Kontakt mit Tolkien, dessen Werk er absoluten Respekt erweisen wollte. Das wiederum beruhigte den alten Mann, hatte er die Filmrechte an seinem Buch doch nur verkauft, weil er einen Fonds für seine Enkelkinder einrichten wollte.
Nun hegte er die schlimmsten Befürchtungen und sah in seinen Albträumen, wie Hollywood aus seinem Buch einen Zeichentrickfilm für Kinder machte. Boorman konnte Tolkien jedoch beruhigen – sein Film sollte etwas werden, worauf der Autor stolz sein konnte(öffnet im neuen Fenster) .
Drei Romane in einem Film
Für die visuelle Umsetzung von Tolkiens Ideen wählte Boorman Rospo Pallenberg(öffnet im neuen Fenster) aus, der einen der eindrucksvollsten Wolkenkratzer der Wall Street entworfen hatte. Nun sollte er helfen, Mittelerde Gestalt zu verleihen.
Boorman traf sich mit Pallenberg und beide stellten fest, dass sie absolut auf einer Wellenlänge waren. Da Pallenberg gute Ideen hatte, bot Boorman ihm sogar an, das Drehbuch gemeinsam zu schreiben. Pallenberg sagte begeistert zu und beide reisten nach Irland.
Ihr Arbeitszimmer beklebte Pallenberg mit den Seiten des Buches, so dass er und Boorman stets vom Geist der Vorlage umgeben sein würden. Gemeinsam erschufen beide Charakterskizzen, entwickelten eine Chronologie und eine Karte von Mittelerde. Diese Arbeit sowie das Entwerfen und Schreiben eines ersten Skripts dauerte sechs Monate.
Als Boorman mit den Vorarbeiten fertig war, reichte er das Material bei United Artists ein, musste jedoch feststellen, dass sich dort einiges geändert hatte. David Picker hatte das Unternehmen längst verlassen und niemand war daran interessiert, ein Projekt zu verfolgen, das dieser initiiert hatte.
Und nun hatte man ein Skript, mit dem keiner etwas anzufangen wusste. Darum entschied man sich in der Chefetage, das Projekt fürs Erste auf Eis zu legen. Boorman war enttäuscht und versuchte es bei anderen Studios, doch da UA die Rechte an dem Stoff hielt, hatte er keinen Erfolg.
Der Regisseur hat aus der Erfahrung(öffnet im neuen Fenster) gelernt: "Alles, was ich in der Zeit über die technischen Probleme gelernt habe, die ich für den Herrn der Ringe lösen musste, konnte ich später für Excalibur einsetzen. Das war meine Belohnung."
Jacksons Ring
Kurz bevor Peter Jacksons Der Herr der Ringe seine Premiere im Kino feierte, kam ein Reporter von TheOneRing(öffnet im neuen Fenster) noch einmal auf John Boorman zu und fragte ihn, was er davon halte, dass Tolkiens Stoff nun doch noch das Licht der Kinoleinwand erblicken würde: "Ich denke, es ist eine brillante Idee, drei Filme daraus zu machen. Ich bin froh, dass der Herr der Ringe nun endlich gemacht wurde, und ich freue mich darauf, ihn zu sehen. Ich bin sicher, der Film wird ein riesiger Erfolg."
Boorman sollte recht behalten. Aber so großartig Peter Jacksons Werk auch ist, ist es doch schade, dass Boormans eigenes Projekt niemals über die Drehbuchphase hinauskam. Es wäre sicher interessant gewesen, den Boormanschen Einzelfilm mit der Jacksonschen Trilogie zu vergleichen. Zumindest kann man Boormans und Pallenbergs 178 Seiten starkes Drehbuch lesen.(öffnet im neuen Fenster)
Nach seinem Schiffbruch mit dem Herr-der-Ringe-Projekt man Boorman immerhin dazu, sich einen anderen Traum zu erfüllen: Der Artus-Film Excalibur kam 1981 heraus.
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