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Herkulanensische Papyri: Mit KI und Discord Geheimnisse der Antike entschlüsseln

Beim Ausbruch des Vesuvs über Herkulaneum wurden auch antike Schriftrollen verschüttet. Ein KI -Wettbewerb führt nun zur Entzifferung.
/ Sebastian Grüner
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Eine der in Neapel archivierten Schriftrollen aus Herkulaneum (Bild: Antonio Masiello/Getty Images)
Eine der in Neapel archivierten Schriftrollen aus Herkulaneum Bild: Antonio Masiello/Getty Images

Der ehemalige Xamarin- und Github-CEO Nat Friedman hat den Gewinn des von ihm und anderen Stiftern aus dem Silicon Valley ausgelobten Wettbewerbs, der Vesuvius Challenge, bekanntgegeben(öffnet im neuen Fenster) . Vorgegebenes Ziel für den mit 700.000 US-Dollar dotierten Preis des Wettbewerbs war es, die Herculanesischen Papyri(öffnet im neuen Fenster) , die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 verschüttet und verkohlt wurden, wieder lesbar zu machen.

Die zur Erringung des Preises gesetzten Vorgaben seien dabei durch die Gewinner übererfüllt worden, heißt es in der offiziellen Ankündigung(öffnet im neuen Fenster) . Möglich gemacht haben die Arbeiten nicht nur moderne Techniken wie KI, sondern auch das Zusammenbringen von Forschern in modernen Netzwerken wie Discord.

Lange Arbeiten als Voraussetzung

Bei bisherigen Versuchen, die durch den Vulkanausbruch karbonisierten Schriftrollen wieder lesbar zu machen, wurden diese teils ausgerollt. Das führte aber direkt zum Zerfallen der Papyri zu Staub oder zumindest in sehr kleine Fragmente. Friedman, motiviert durch seine Faszination für das antike Rom, wollte dem Problem mit modernen Techniken etwas entgegensetzen.

Ausgangspunkt der Arbeiten war dabei die Forschung des Informatikers Brent Seales, der bereits seit fast 20 Jahren mit einem kleinen Team versucht, die Schriftrollen digital zu entrollen und zu entziffern, wie das Fachmagazin Nature schreibt(öffnet im neuen Fenster) . Der am Altertum interessierte Friedman erfuhr von diesen Arbeiten, nahm Kontakt zu Seales auf und begann mit der Stiftung des Preises, dem sich schnell weitere Sponsoren anschlossen. Grundlage für den nun geglückten Wettbewerb war eine Art extrem detaillierter CT-Scan einer Schriftrolle, der durch Seales und seine Mitstreiter mithilfe eines Teilchenbeschleunigers erstellt wurde.

Per Kollaboration in Discord zum Gewinn

Das bisher größte Problem dieser Arbeiten: Die verwendete organische Tinte ist - wie die Papyri - kohlenstoffbasiert, was eine Unterscheidung der Materialien in dem Scan extrem erschwert. Wie aber etwa Bloomberg berichtet(öffnet im neuen Fenster) , sei Friedman davon überzeugt gewesen, mit einem Wettbewerb dafür sorgen zu können, dass neue Methoden auch mittels aktueller KI-Technik gefunden werden, die letztlich zum Durchbruch beim Entschlüsseln der Texte führen sollte.

Viele Studenten und KI-Enthusiasten nahmen sich der Aufgabe an und tauschten sich dabei regelmäßig über ihre Fortschritte auf Discord auf, wie es in dem Bericht von Bloomberg heißt. Dabei wurden die jeweils eigenen Fortschritte schrittweise veröffentlicht und durch den Austausch systematisch verbessert.

So gewannen bereits im Herbst des vergangenen Jahres(öffnet im neuen Fenster) die Studenten Luke Farritor und Youssef Nader, der an der FU Berlin ein Promotionsstudium absolviert, den Preis für das erste entschlüsselte Wort einer Schriftrolle. Dies gelang beiden dabei unabhängig voneinander in einem kurzen zeitlichen Abstand mit verschiedenen Modellierungsansätzen für die jeweils genutzte KI.

Die beiden legten ihre Forschung zusammen und kooperierten zusätzlich mit Julian Schilliger. Letzterer arbeitet dabei an Werkzeugen, um die 3D-Abbildung der Schriftrollen so aufzuarbeiten, dass daraus eine Art planare Projektion für einzelne Seiten der Rollen erstellt werden kann.

Die drei erlangten durch die Kombination ihrer Arbeiten das beste Ergebnis im Wettbewerb und übertrafen die Erwartungen von Friedman und anderen Stiftern deutlich. Statt der verlangten mindestens vier Absätze mit je 140 Zeichen gelang es dem Dreierteam 15 Absätze zu rekonstruieren.

Vesuvius Challenge geht weiter

Trotzdem des sehr schnellen Erfolgs bei Entziffern der Schriftrollen steht das Gesamtprojekt erst am Anfang. Denn bei dem nun lesbaren Teil handelt es sich um lediglich fünf Prozent des Textes einer Schriftrolle. Ein erneut für das laufende Jahr 2024 ausgelobter Wettbewerb soll nun dafür sorgen, dass bald schon mehr als 90 Prozent der vier gescannten Schriftrollen entziffert werden können.

Für Friedman ist das eigentliche Ziel jedoch viel größer. Die schon jetzt verfügbaren und ausgegrabenen Schriftrollen umfassen etwa 16 MByte Text. Friedman schreibt: "Die Villa, in der die Schriftrollen gefunden wurden, wurde jedoch nur teilweise ausgegraben, und Forscher sagen uns, dass es unter der Erde noch Tausende von Schriftrollen geben könnte. Wir hoffen, dass der Erfolg der Vesuvius-Challenge die Ausgrabung der Villa beschleunigt, dass die Hauptbibliothek entdeckt wird und dass das, was wir dort finden, die Geschichte umschreibt und uns alle inspiriert."


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