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Her Story: Bei Mausklick Mord

Her Story ist eines der originellsten Indie-Spiele des Jahres. Im Mittelpunkt stehen ein vermisster Ehemann, flimmernde Verhörvideos und eine mysteriöse Protagonistin.
/ Eike Kühl (Zeit Online)
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Hannah Smith: Ehefrau, Opfer, Mörderin? (Bild: Sam Barlow)
Hannah Smith: Ehefrau, Opfer, Mörderin? Bild: Sam Barlow

Hannah Smith. H-A-N-N-A-H, von hinten wie von vorne. Ihr Name sei ein Palindrom, sagt die junge Frau, ein mattes Lächeln huscht ihr über das Gesicht. Sie sitzt aufrecht, ihre Finger bearbeiten einen dieser Kaffeebecher aus Plastik, die stellvertretend für schlechten Automatenkaffee stehen. Sie ist höflich, doch die Anspannung ist ihr anzumerken, und wer kann es ihr verübeln? Ein vermisster Ehemann ist kein Anlass für entspannten Smalltalk. Ein möglicher Mord schon gar nicht.

Her Story(öffnet im neuen Fenster) (PC, Mac, iOS, circa fünf Euro) ist eines der originellsten Indie-Spiele des Jahres. Die Spieler finden sich ohne weitere Einführung vor einem Polizeicomputer aus den neunziger Jahren wieder. Das einzig offene Programm auf dem Desktop: eine Datenbank, über die sich die Verhörvideos eines alten – wohlgemerkt frei erfundenen – Kriminalfalls aufrufen lassen. Im Juni 1994 meldet sich Hannah Smith bei der Polizei. Ihr Ehemann Simon sei seit zwei Tagen verschwunden, sagt sie. In den kommenden Wochen wird sie insgesamt siebenmal von der Polizei verhört. Was sie sagt, tatsächlich meint oder den Beamten möglicherweise verschweigt, müssen die Spieler herausfinden.

Das Videoarchiv ist das einzige Werkzeug, das Her Story ihnen an die Hand gibt. Es enthält eine Volltextsuche, über die sie die insgesamt 271 Videoschnipsel nach und nach freischalten können. Für jeden Begriff oder jede Wortkombination spuckt die Suche maximal fünf Ergebnisse aus, ebenso viele können die Spieler kurzzeitig in einer Zwischenablage ablegen. Noch nicht zuvor entdeckte Clips sind entsprechend gekennzeichnet, nach dem Anschauen werden sie in einem Datenbank-Tool mit einem grünen Feld versehen. Es ist der einzige Ort, der den Spielern so etwas wie eine Fortschrittsanzeige liefert.

Her Story – Trailer
Her Story – Trailer (01:18)

Der Rest bleibt Ermittlungs- und nicht zuletzt Interpretationssache. "Murder" , "Simon" , "Alibi" – die meisten Spieler dürften mit ganz ähnlichen Schlagworten einsteigen. Doch schon nach wenigen Clips, die zwischen wenigen Sekunden und einer Minute dauern, öffnen sich verschiedene Pfade. Die Namen von Freunden und Verwandten fallen, Ortsangaben, Tageszeiten. Fast automatisch beginnt man, sich Notizen zu machen. Der alleinige Entwickler Sam Barlow sagt, dass er in einer früheren Version des Spiels einen Texteditor mitgeliefert habe. Die meisten Spieler hätten aber lieber zu Stift und Papier gegriffen.

Observation statt Interaktion

Der Notizblock füllt sich schnell mit kleinen Details und noch größeren Fragezeichen. Je mehr Hannah Smith erzählt, desto undurchsichtiger wird ihre Geschichte. Es ist leicht, bereits nach einer halben Stunde Vermutungen über Simons Schicksal anzustellen. Etwas länger dauert es bis zur Frage, ob es sich dabei nicht von vornherein um ein Ablenkungsmanöver handelt und Her Story vielleicht doch mehr als die Geschichte eines Verbrechens erzählt. Und welche Rolle übernimmt überhaupt der Spieler? Ist es wirklich die eines Polizisten, wie man zunächst ganz automatisch vermutet?

Die Unsicherheit der Geschehnisse im Spiel geht in eine Unsicherheit aufseiten der Spieler über. Das ist vor allem der Schauspielerin Viva Seifert zu verdanken. In jedem der sieben Interviews ist ihre Darstellung der Hannah Smith etwas anders, mal verletzlich und zurückhaltend, mal selbstbewusst und selbstverliebt und genau deshalb so schwer auszurechnen.

In L.A. Noire mussten die Spieler anhand der Gesichtsausdrücke und Reaktionen der Figuren herausfinden, ob sie lügen oder die Wahrheit sagen. Es war ein Maskenspiel, das nicht selten unfreiwillig komisch wirkte. Auch Her Story lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es sich um ein Spiel handelt, dafür sind die Aussagen zu offensichtlich konstruiert. Doch statt Lüge oder Wahrheit stellt das Spiel zusätzlich die Frage, an welchen Stellen die Schauspielerin selbst oder die von ihr porträtierte Figur stolpert. Observation tritt an die Stelle von Interaktion.

Her Story ist ein Kleinod der nichtlinearen Erzählkunst

Was nach einem anstrengenden Spielerlebnis klingt, ist in Wirklichkeit ein Kleinod der nichtlinearen Erzählkunst. Obwohl jeder Spieler einen anderen Weg einschlägt, bilden die einzelnen Clips stets eine individuelle zusammenhängende Erzählung. Die Freude, wieder unentdeckte Clips gefunden zu haben, endet nicht selten damit, dass die Protagonistin die eigenen Vermutungen prompt zerschlägt. Zuvor angesehene Schnipsel erhalten je nach Verlauf eine neue Bedeutung, und selbst wer frühzeitig das chronologisch gesehen letzte Verhör enthüllt, hat noch längst nicht alle Antworten.

Ästhetisch gesehen steht Her Story in der Tradition des Full Motion Video (FMV). Von den Achtzigern bis in die mittleren Neunziger war FMV eine Alternative zu in der Spielegrafik erstellten Videos(öffnet im neuen Fenster) . Stattdessen wurden Filmaufnahmen für Zwischensequenzen oder Intros genutzt. Für Her Story macht Sam Barlow die fast in Vergessenheit geratene Technik zum zentralen Element und kombiniert sie mit der Retro-Ästhetik einer Windows-95-Oberfläche, von flimmernden Röhrenbildschirmen und rauschenden VHS-Aufnahmen. Tatsächlich hat Barlow das Material auf alte Videokassetten überspielt, um möglichst realistische Bildfehler und Texturen zu bekommen.

Retro-Spiel für die YouTube-Generation

Aller Retro-Optik zum Trotz steckt hinter Her Story auch ein junges Phänomen: Plattformen wie YouTube und soziale Netzwerke wie Facebook haben der Faszination mit ungelösten Kriminalfällen eine zusätzliche voyeuristische Dimension gegeben. Im vergangenen Jahr etwa verfolgten Millionen Zuhörer im Podcast Serial(öffnet im neuen Fenster) , wie ein (echter) Mordfall neu aufgerollt wurde. Barlow sagt im Gespräch mit Boingboing(öffnet im neuen Fenster) , dass er bei seiner Recherche auf Polizeiverhöre auf Youtube gestoßen sei, die ihn emotional berührt haben. Auch, weil die ursprünglich in einem geschützten Raum aufgenommenen Aufnahmen den Interpretationen von Millionen Menschen ausgesetzt waren.

Hannah Smith muss sich ebenfalls den Mutmaßungen stellen und Beschuldigungen aus dem Weg räumen. Inwieweit ihr das gelingt und ob am Ende noch die gleiche, höfliche junge Frau in die Kamera guckt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Ungefähr drei Stunden dauert es, um in Her Story den Großteil der Videos aufzudecken. Drei Stunden, die in vielen Teilen spannender sind als so mancher Tatort.


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