Hands on Blackphone: Ein viel zu großes Fragezeichen

Das Blackphone(öffnet im neuen Fenster) ist ein VoIP-Smartphone, das mit dem Ziel entwickelt wurde, mit einem besonders sicheren Gerät die Ansprüche ambitionierter Anwender zu erfüllen. Als Betriebssystem wird Privat OS verwendet, ein modifiziertes Android, das um einige Apps erweitert wurde. Diese werden als Alternativen zu Android-Anwendungen voreingestellt verwendet. Es ist also eigentlich ein VoIP-Telefon, das nach zwei Jahren nur mit zusätzlichen Abogebühren weiter seine volle Funktion erfüllt. Das Blackphone entsteht in Zusammenarbeit mit Geeksphone und Silent Circle. Auf dem Mobile World Congress 2014 haben wir uns einen ersten Eindruck von dem Gerät verschafft.

Gleich zu Beginn machten die Blackphone-Mitarbeiter den Eindruck, nicht vorbereitet zu sein. Fragen nach der Hardware wurden konsequent abgebügelt: Die Hardware sei in einem frühen Zustand. Hier kann sich in den nächsten Monaten noch einiges ändern, wie Blackphone eingestand - allerdings auch in Bereichen, die eigentlich schon frühzeitig feststehen sollten, um überhaupt Kunden zu gewinnen. Wer das Gerät jetzt vorbestellt, der weiß nicht, ob er die LTE-Einheit überhaupt in seinem Land wird verwenden können.
Es fehlen Daten
Gute Chipsätze beherrschen um die 30 LTE-Bänder, doch die sind selbst bei Topgeräten selten. In der Regel bieten Hersteller mehrere Modelle des gleichen Smartphones für unterschiedliche Regionen und manchmal sogar Netzbetreiber an. Da das Gerät in US-Dollar verkauft wird, würde es nicht wundern, wenn für den US-Markt zwei unterschiedliche Modelle auf den Markt kommen müssen. Die Ausstattung ist eher Durchschnitt. Zwar wird das Telefon einen Quad-Core-Prozessor unbekannter Bauart mit mindestens 2 GHz haben, und auch 2 GByte RAM sind vorgesehen. 16 GByte sind hingegen wenig für ein hochpreisiges Smartphone. Zudem ist unklar, ob das Gerät Dual-Band-WLAN beherrscht.
Unklarheit herrscht auch über die bisher nicht genannten Frequenzen für GSM und UMTS. Hier gibt der Hersteller nur HSPA+ als Geschwindigkeit an. Das könnte auch als Absichtserklärung interpretiert werden. Die Auflösung des 4,7-Zoll-Displays wird als HD angegeben. Genaue Zahlen wollte Blackphone auf Nachfrage nicht nennen. Die nun vorgestellte Hardware ist also alles andere als final.
Die Sicherheit des Blackphones läuft nach zwei Jahren ab
Die Softwarelösung klingt im Vergleich zur Hardware interessant. Es handelt sich allerdings in großen Teilen um eine Bündelung verschiedener Angebote, die als Standard voreingestellt sind. Kurznachrichten und Telefonate werden beispielsweise über Apps von Silent Circle durchgeführt, einen kommerziellen Anbieter, der von dem Blackphone-Nutzer ab dem dritten Jahr rund 10 US-Dollar pro Monat verlangt. Andernfalls sind dann keine VoIP-Gespräche über den Dienst mehr möglich.
Natürlich lässt sich auch auf normalem Wege mit dem Smartphone telefonieren. Sinnvoller ist es aber, die Gespräche über Silent Circle durchführen zu lassen. Bis zu dessen Server verspricht Blackphone eine sichere Verschlüsselung. Am anderen Ende ist die Kommunikation nur sicher, wenn dort ebenfalls ein Silent-Circle-Abonnent vorhanden ist. Sonst ist die Schwachstelle dann beispielsweise der herkömmliche Festnetzanschluss. Mit dem Blackphone kann der Besitzer aber weitere Personen dazu bringen, auf eine verschlüsselte Kommunikation umzuschalten.
Geschenkabos für Freunde und Kollegen
Ein Blackphone-Besitzer kann zudem insgesamt an seine Freunde oder Kollegen drei Einjahresabos verteilen. Danach müssen auch diese zahlen, um ihre iPhone- oder Android-App weiter benutzen zu können. Nach Ablauf des Jahres kostet die Weiternutzung ebenfalls 10 US-Dollar je Monat. Wichtig für die Apps ist auf jeden Fall eine Internetverbindung. Ohne geht es nicht, was im Ausland dank hoher Roaminggebühren mitunter teuer werden kann.
Auch der integrierte VPN-Service kostet nach zwei Jahren Geld. Hier sind es noch einmal 5 US-Dollar pro Monat mit einem Limit von 1 GByte. Dasselbe ist nach zwei Jahren für den Onlinespeicherdienst Spideroak zu bezahlen. Ein paar eigene Blackphone-Apps wie die Firewall sollen das Angebot abrunden.
Rechtezuteilung des Blackphones erinnert an Cyanogenmod
Zu dem Privat OS gehört weiterhin eine genaue Rechteeinteilung für Android-Apps. Anwendungen können gezielt Rechte entzogen werden. Außerdem können Voreinstellungen zur Zuweisung von Rechten eingerichtet werden. Damit wäre es etwa möglich, grundsätzlich jeder App die Nutzung der Kamera zu untersagen, ohne dass eine Einzelbearbeitung notwendig wäre. Der Anwender riskiert dadurch natürlich, dass eine App dann nicht mehr wie gewollt funktioniert. Dass einer App Zugriff auf eine Funktion entzogen wird, dürfte von sehr wenigen Entwicklern getestet werden, was zu unerwarteten Fehlern führen kann.
Eine derart feine Rechteeinteilung ist jedoch nichts Ungewöhnliches. Google selbst bot ein ähnliches System mit Android 4.3 an , bevor es mit Android 4.4 wieder entfernt wurde. Auch der Privacy Guard 2.0 in Cyanogenmod ist schon lange verfügbar.
Das Blackphone ist eine Blackbox
Insgesamt hinterließ die Vorführung bei uns ein ungutes Gefühl. Der Hersteller konzentriert sich zu sehr auf Marketingaussagen und suggeriert ein Schnäppchen, da die Zugaben wie die Abonnements mehr wert sind als der Verkaufspreis des Smartphones. Das Blackphone kann für einen Preis von 629 Dollar bei der Schweizer Firma vorbestellt werden und beinhaltet zahlreiche Abonnements für Zusatzsoftware, die sich auch auf regulären Android-Geräten installieren lässt. Zudem gehen wir davon aus, dass ein Teil des Verkaufspreises - der übrigens ein Nettopreis, also ohne Mehrwertsteuer ist - für ebenjene Abonnements abgeführt werden muss.
Noch dazu geht das Unternehmen mit dem Namen Phil Zimmermann hausieren. Er hat sich durch die Verschlüsselungslösung Pretty Good Privacy (PGP) einen Namen gemacht. Im Bereich der Datenverschlüsselung ist er eine Größe. Doch eigentlich ist er als Chef der Firma Silent Circle letztendlich nur ein Partner von Blackphone und bietet sein Angebot auch für reguläre Android- und iOS-Geräte an.
Unserer Einschätzung nach ist das Gerät außerdem kein High-End-Smartphone, wie der Hersteller es darstellt. Dafür gibt es derzeit zu viele Unklarheiten. Das Blackphone ist als Hardware derzeit eine Blackbox. Interessant ist vor allem die Bündelung der vielen kleinen Funktionen zu einem Komplettpaket mit dem Ziel besonderer Sicherheit. Wer will, kann sich bereits jetzt viele Funktionen des Blackphones selbst zusammensuchen und dann auf einem richtigen High-End-Smartphone mit Cyanogenmod installieren. Die Komplettlösung Blackphone gibt es nämlich erst frühestens ab Juni 2014.



