Handelskrieg: Das globale Trump-Derangement-Syndrom

"Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten." Dieser Satz aus Kurt Tucholskys Kurzem Abriss der Nationalökonomie(öffnet im neuen Fenster) ist auch nach dem 2. April 2025 noch gültig. Allerdings könnten die teils exorbitanten Zölle, die US-Präsident Donald Trump für Einfuhren aus bestimmten Ländern erheben will, dieses enge Geflecht an vielen Stellen zerreißen. Auf jeden Fall wird die Entscheidung ein großes Durcheinander verursachen: das globale Trump-Derangement-Syndrom (TDS).
Der Begriff hat schon seit Mai 2018 einen eigenen Wikipedia-Artikel(öffnet im neuen Fenster) , erlangte aber in der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten eine neue Relevanz. Gemeint sind damit ursprünglich negative Reaktionen auf Trump, "die als irrational empfunden werden und wenig Bezug zu Trumps tatsächlichen politischen Positionen haben" . Im März 2025 brachten republikanische Abgeordnete aus dem US-Bundesstaat Minnesota sogar einen Gesetzentwurf ein(öffnet im neuen Fenster) , der das Trump-Derangement-Syndrom offiziell als psychische Erkrankung einstufen soll.
"Akuter Ausbruch von Paranoia"
Derangement bedeutet in diesem Fall nicht bloß Durcheinander und Unordnung, sondern Geistesgestörtheit. Der Gesetzentwurf definiert TDS als "den akuten Ausbruch von Paranoia bei ansonsten gesunden Menschen als Reaktion auf die Politik und Präsidentschaft von Präsident Donald J. Trump" . Zu den Symptomen könne eine durch Trump ausgelöste allgemeine Hysterie gehören, "die dazu führt, dass man nicht mehr zwischen legitimen politischen Differenzen und Anzeichen einer psychischen Erkrankung im Verhalten von Präsident Donald J. Trump unterscheiden kann" .
Diese Unterscheidung fällt in der Tat bisweilen nicht so leicht. So sagte Trump bei der Ankündigung der Zölle: "Jahrzehntelang wurde unser Land von nahen und fernen Nationen geplündert, ausgeraubt, vergewaltigt und ausgebeutet. Von Freund und Feind gleichermaßen." Ausgerechnet die USA, das wirtschaftlich größte und militärisch mächtigste Land der Welt, werden von Staaten wie Liechtenstein oder Nepal geplündert und vergewaltigt? Das lässt sich sicherlich nicht mehr mit "legitimen politischen Differenzen" erklären.
Unberechenbarkeit als politisches Konzept
Das Trump-Derangement-Syndrom kann daher auch direkt auf den US-Präsidenten bezogen werden ( Genitivus Subiectivus(öffnet im neuen Fenster) ). Das ist in der Tat eine Interpretation, wie sie von Trumps Kritikern verwendet wird. Leider scheint der US-Präsident jeden Tag Argumente dafür zu liefern.
Kein Zufall, denn das ist sein politisches Konzept. "Der Präsident ist stolz darauf, unberechenbar zu sein" , schreibt die Financial Times in einem Kommentar(öffnet im neuen Fenster) zum "Zollhammer" . In der Tat begegnen einem in den US-amerikanischen Analysen zu Trump sehr häufig die Begriffe "whim" (Laune) und "transactional" (geschäftlich), die sich eigentlich widersprechen.
Wie will Trump gute Deals machen, wenn er von seinen Geschäftspartnern als launisch und unberechenbar empfunden wird? " Pacta sunt servanda(öffnet im neuen Fenster) " laut ein Grundsatz des öffentlichen und privaten Vertragsrechts. Doch Trump schert sich einen feuchten Kehrricht um das United States Mexico Canada Agreement (USMCA), das er bei der Unterzeichnung als das "fairste, ausgewogenste und vorteilhafteste Handelsabkommen" bezeichnet hatte.
Und wie soll man nicht vor lauter TDS ausflippen, wenn man sich die Berechnungsgrundlage für die Zölle anschaut? "Jeden Morgen wird in den Staatsbanken der sog. Diskont ausgewürfelt; es ist den Deutschen neulich gelungen, mit drei Würfeln 20 zu trudeln" , schrieb Tucholsky 1931. So ähnlich lief das nun in Washington.
Handelsbilanzdefizit als Grundlage für Zölle
De facto haben die USA für die Ermittlung der Zölle, die angeblich von anderen Staaten oder der EU gegen die USA erhoben werden, lediglich den Anteil des Handelsbilanzdefizits an den gesamten importierten Gütern berechnet(öffnet im neuen Fenster) . Wirtschaftwissenschaftler zeigten sich entsetzt über diese Herangehensweise(öffnet im neuen Fenster) .
So importierten die USA im Jahr 2024 Waren im Wert von 584 Milliarden Euro aus der EU, während die 27 Mitgliedstaaten zusammen US-Güter für 357 Milliarden Euro kauften. Das Verhältnis des Handelsbilanzdefizits in Höhe von 227 Milliarden Euro zu den Importen ergibt 0,388, entspricht also dem Wert von 39 Prozent in der Tabelle(öffnet im neuen Fenster) .
Auf diese Weise kommen Länder wie Vietnam auf angebliche Zölle in Höhe von 90 Prozent, wobei die USA darunter auch nicht-tarifäre Handelshemmnisse wie angebliche Währungsmanipulationen, Umsatzsteuern und Handelsschranken zählen. Der EU-Kommission zufolge(öffnet im neuen Fenster) liegt der durchschnittliche Zollsatz beim tatsächlichen Warenhandel zwischen der EU und den USA auf beiden Seiten bei etwa 1 Prozent.
Dienstleistungsbilanz ignoriert
Doch selbst Länder, die mehr aus den USA importieren als sie exportieren, bleiben von den Vorwürfen Trumps nicht verschont. Das betrifft beispielsweise Großbritannien. Die Summe von tarifären und nicht-tarifären Hemmnissen könne dazu führen, "dass dieser Überschuss geringer ausfällt, als er ohne diese Hemmnisse gewesen wäre" , heißt es in der Durchführungsverordnung(öffnet im neuen Fenster) . Denn wie schrieb schon Tucholsky: "Export ist, wenn die andern kaufen sollen, was wir nicht kaufen können; auch ist es unpatriotisch, fremde Waren zu kaufen, daher muß das Ausland einheimische, also deutsche Waren konsumieren, weil wir sonst nicht konkurrenzfähig sind."
Die USA ignorieren in dieser Rechnung unter anderem geflissentlich, dass ihre Dienstleistungsbilanz mit der EU im Jahr 2023 einen Überschuss von 109 Milliarden Euro aufwies. Zum anderen scheint die US-Regierung davon auszugehen, dass ohne Zölle oder nicht-tarifäre Auflagen die Handelsbilanz zwischen zwei Ländern immer ausgeglichen sein muss. Völlig unabhängig davon, ob ein Land Waren produziert, die in dem anderem Land stärker als die eigenen Produkte nachgefragt werden.
Wie kann man auf die Zölle reagieren?
Doch solche rationalen oder ökonomischen Überlegungen spielen bei Trump keine Rolle. Seine Zölle lösen weltweit eine große Verwirrung aus. Für Politiker stellt sich die Frage, ob und auf welche Weise sie auf Trump reagieren sollen. Beispielsweise mit Gegenzöllen. Firmenchefs müssen entscheiden, wo und wie sie künftig für den US-amerikanischen Markt produzieren wollen.
Trump wird diese Verwirrung genießen. Denn Firmenchefs werden bei ihm um Ausnahmen von den Zöllen betteln. Das gibt dem Präsidenten die Möglichkeit, Gegenleistungen zu erwarten – in welcher Form auch immer. Die Staatschefs anderer Länder werden ebenfalls versuchen, bessere Konditionen zu erreichen. Das verschafft Trump Aufmerksamkeit und viele Gelegenheiten, vor laufender Kamera tolle Deals zu verkünden und Vereinbarungen zu unterzeichnen.
Bezahlen werden diesen Irrsinn nicht nur die US-Verbraucher durch höhere Preise für alle Produkte, die ganz oder teilweise außerhalb des Landes produziert werden. US-Produkte könnten durch Gegenzölle ebenfalls teurer werden und Verbraucher in anderen Ländern belasten. Bei exportorientierten Firmen stehen ganze Geschäftsmodelle auf dem Spiel. Nicht jedes Unternehmen wird den Ausfall der Exporte oder entsprechende Preissenkungen kompensieren können. Das Trump-Derangement-Syndrom wird die Welt noch lange beschäftigen.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).



