Haliade-X: General Electric will das größte Windrad der Welt bauen

Diese Windkraftanlage stellt alles in den Schatten: Fast 200 Meter hoch thront das Rad über dem Meeresspiegel. Seine drei Flügel malen einen 220 Meter großen Kreis in den Himmel. Der Generator liefert Strom für bis zu 16.000 Haushalte. Noch gibt es die riesige Anlage nur in Computeranimationen, doch schon im kommenden Jahr soll der erste Demonstrator getestet werden. 2021 soll dann die Serienfertigung starten.
Die Windkraftanlage namens Haliade-X(öffnet im neuen Fenster) , die der US-Mischkonzern General Electric im März vorgestellt hat, könnte - so sie denn in Serie gebaut wird - eine neue Ära in der Windstromproduktion einleiten. Bislang sind die meisten Offshore-Windfarmen mit Fünf-Megawatt-Anlagen bestückt. Die Haliade hat mit zwölf Megawatt (MW) mehr als das Doppelte. Das hat einen simplen Grund: Wenige große Anlagen produzieren Strom günstiger als viele kleine. "Für die Branche ist das wie Poker" , sagt Po Wen Cheng, Windkraftspezialist an der Universität Stuttgart. "GE hat den Einsatz verdoppelt. Die Konkurrenten müssen mitziehen oder warten, bis man die Karten offenlegt" .
Das Größenwachstum sorgte in den vergangenen Jahren bereits für drastische Preisstürze. Kostete Strom von Offshore-Windrädern vor wenigen Jahren noch rund 18 Cent je Kilowattstunde, so ist das Niveau bereits unter 10 Cent gesunken. "Wir haben spektakuläre Kostenreduktionen gesehen" , sagte Giles Dickson, Vorstand des europäischen Windindustrieverbandes Wind Europe(öffnet im neuen Fenster) , auf einer Fachkonferenz in Hamburg Anfang April. Mancher große Energiekonzern spricht schon davon, Offshore-Strom für 3,7 Cent produzieren zu wollen.

Hintergrund für derart große Anlagen sind die sogenannten "Nullrunden" . Ab den 2020er Jahren werden zahlreiche Windparks gebaut, die ohne Subvention auskommen. Um in diesem Umfeld wettbewerbsfähig zu sein, müssen die Stromgestehungskosten(öffnet im neuen Fenster) sinken. Ein probater Weg, das zu erreichen, ist, die Anlagen größer zu gestalten. Denn größere Maschinen vereinfachen die Logistikkette: Man muss nur ein Fundament und ein Windrad installieren, braucht also weniger Installationsschiffe. Zudem bedarf es weniger Verkabelungen und Umspannstationen. Ferner vereinfachen sich Betrieb und Wartung. "Größere Anlagen haben gewaltige Vorteile" , unterstreicht Windkraftspezialist Manfred Lührs vom Beratungsunternehmen 8.2(öffnet im neuen Fenster) . "Mit ihnen werden die Standorte optimal ausgenutzt."
Seit Jahren wird gemunkelt, dass in absehbarer Zeit Turbinen mit bis zu 20 Megawatt auftauchen werden. Doch bislang blieb es bei Ankündigungen. Der derzeitige Rekordhalter ist eine 9,5-Megawatt-Anlage von MHI-Vestas(öffnet im neuen Fenster) . Auch dieses Windrad ist noch ein Prototyp. Die Haliade-X wird die erste Turbine sein, die die 10-MW-Schallmauer durchbricht.
Die Rotorblätter sind größer als heutige
Die Daten des Riesenrads beeindrucken: Die Flügel werden mit einer Länge von 107 Metern fast 20 Meter länger sein als die heutigen Rekordblätter. Wie und woraus sie gebaut werden, hält der Konzern noch weitgehend geheim. Klar ist, dass das teure Karbon erstmals eine wesentliche Rolle spielen wird, auf den man bei GE bislang verzichtete, wie Alf Henryk Wulf, Chef der GE Power AG(öffnet im neuen Fenster) , verrät. Gefertigt werden die Riesenflügel direkt am Wasser, im nordfranzösischen Hafenstädtchen Cherbourg, wo der US-amerikanische Konzern bereits eine Fabrik betreibt.
Auch der direkt angetriebene Permanent-Magnet-Generator wird in Frankreich gebaut, in der Hafenstadt St. Nazaire am Atlantik. Wie groß und schwer der Generator sein wird, verrät GE nicht. Es ist das Detail, auf das die Branche gespannt schaut. Laut GE wird es eine sehr leichte Gondel. Kein Geheimnis macht der Konzern daraus, dass eine einzige Haliade-X Strom für 16.000 Haushalte produziert. Eine Windfarm mit 60 Anlagen versorgt demnach rund 1 Million Haushalte.
GE will einen weiteren Rekord brechen
Der US-Konzern will mit dieser Anlage noch einen weiteren Rekord brechen: den des sogenannten Bruttokapazitätsfaktors. Er vergleicht die erzeugte Energie mit der maximal erzeugbaren Energiemenge in einem gewissen Zeitraum. In dieser Disziplin will GE fünf bis sieben Punkte über dem aktuellen Branchen-Benchmark liegen.
In der Windbranche ist man allerdings skeptisch, was das Riesenrad angeht. GE hat zwar bereits rund 50.000 Windräder installiert. Aber fast ausschließlich an Land. Erfahrungen auf See fehlen also weitgehend. Doch das ist für Jérôme Pécresse, President und CEO von GE Renewable Energy, kein Problem. Er stellte bei der Präsentation des Windrads klar, dass diese Anlage nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Ära sei. Das zu glauben, fällt nicht schwer: GE ist einer der größten Konzerne der Welt, finanzstark und mit viel Expertise in etlichen Bereichen ausgestattet.
Laut Alf Henryk Wulf hat GE mit der Anlage die Märkte in Europa im Fokus. Genauso aber die kommenden Märkte in den USA und Asien, wo in den nächsten Jahrzehnten viele, viele Windturbinen aufgestellt werden könnten. Die Riesenräder ließen sich sogar auf schwimmenden Fundamenten errichten, heißt es bei GE. Damit kämen auch Gegenden infrage, in denen das Wasser für überdimensionale Stahlkonstruktionen zu tief ist - und das sind global gesehen die meisten.



