Halbleiterkrise: Chip-Knappheit ohne Ende

Autobauer und andere Industrien geben die Schuld für den Chipmangel gern den produzierenden Firmen. Die Lage ist aber viel komplexer.

Eine Analyse von Gerd Mischler veröffentlicht am
Ein Bild vom 14. Mai 2021: Wegen der Halbleiterkrise stehen derzeit insgesamt rund 5.000 unfertige Autos vor einem VW-Werk in Pamplona.
Ein Bild vom 14. Mai 2021: Wegen der Halbleiterkrise stehen derzeit insgesamt rund 5.000 unfertige Autos vor einem VW-Werk in Pamplona. (Bild: Ander Gillenea/AFP via Getty Images)

Vor Aktionären und Journalisten klopfen sich Volkswagen-Chef Herbert Diess und der Vorstandsvorsitzende von Daimler, Ola Källenius, gerne selbst auf die Schulter. Wenn ihre Lieferkette zusammenbricht, benehmen sich die Autobosse dagegen eher wie Jugendliche in der Pubertät. Als Diess und Källenius zu Jahresbeginn die CPUs, SoCs und GPUs ausgingen, die sie in Motorsteuerungen, Servolenkungen und Fahrerassistenzsysteme verbauen, und sie deshalb ihre Produktion anhalten mussten, schoben sie die Schuld für ihre gescheiterte Bedarfsplanung anderen zu.

Den Konzernanwälten von VW gab Diess Brancheninsidern zufolge den Auftrag, Schadenersatzklagen gegen langjährige Lieferanten wie Bosch und Continental zu prüfen. Zugleich beschwerten sich die Autobosse bei Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier über die Halbleiterindustrie.

Der Verband der Automobilindustrie forderte den Chef des Wirtschaftsressorts auf, einen Brief an die Regierung Taiwans zu schreiben. Sie solle Druck auf die taiwanischen Halbleiter-Auftragsfertiger machen und sie drängen, die Bestellungen der deutschen Automobilkonzerne vorrangig zu bearbeiten. Dass sich Deutschland sonst dem Druck der Volksrepublik China beugt und Taiwan als Staat gar nicht anerkennt, interessierte weder Diess und Källenius noch den Bundeswirtschaftsminister.

Die Haltung dahinter ist offenbar: Wenn wir nur genug Druck aufbauen, werden die Halbleiterfirmen schon mehr produzieren. Diese Denkweise verkennt aber nicht nur, dass deutsche Autobauer nicht die einzigen und wichtigsten Abnehmer sind, die unter dem Halbleitermangel leiden, sondern auch, dass die produzierenden Firmen es gar nicht alleine in der Hand haben, ihn zu beenden. Es gibt für den Mangel zahlreiche Ursachen, die von Corona über den Aufstieg von Kryptowährungen bis hin zu Naturkatastrophen reichen.

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Das Thema ist komplex. Große Firmen wie zum Beispiel Autoproduzenten sind aber pragmatisch und setzen deswegen offenbar lieber direkt den politischen Hebel an, wie im Fall von Taiwan. Zwei Drittel der weltweiten Kapazitäten für die Auftragsfertigung von Chips und Prozessoren werden von taiwanischen Foundries zur Verfügung gestellt. Als größter Auftragsfertiger der Welt stellt allein die Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation (TSMC) drei von vier weltweit für Kunden produzierte Halbleiter her.

Allerdings erwirtschaftete das Unternehmen im vierten Quartal 2020 nur drei Prozent seines Umsatzes mit Abnehmern aus der Autoindustrie. Diese beschafft die von ihr benötigten Chips meist bei europäischen und japanischen Halbleiterproduzenten wie NXP, STMicroelectronics, Bosch, Infineon oder Renesas. Nur an Microcontrollern bekommen die Autobauer bei diesen Zulieferern nicht genug. Deshalb müssen sie 70 Prozent ihres Bedarfs an dem Bauteil bei TSMC decken,wie das Marktforschungsunternehmen IHS Markit ermittelt hat.

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Halbleiter für Impfdosen - ein schmutziger Deal?

Da ist es hilfreich, dass Taiwans Wirtschaftsministerin Wang Mei-hua Verständnis für die Nöte der deutschen Autoindustrie hatte und Altmaiers Bitte erfüllte. Im Gegenzug sollte sich dieser lediglich um eine Ausfuhrgenehmigung für fünf Millionen Dosen Corona-Vakzin bemühen, die der deutsche Impfstoffhersteller Biontech der Regierung in Taipei im Dezember 2020 verkauft hatte. Das meldete die Nachrichtenagentur Reuters.

Das Pharmaunternehmen hatte die Dosen jedoch noch nicht geliefert, weil die Bundesregierung die Genehmigung dafür zurückhielt - möglicherweise auf Druck der Kommunistischen Partei Chinas, wie Taiwans Gesundheitsminister Chen Chien-jen in der Taipei Times vermutete.

Um die Auslieferung des Impfstoffs trotz der chinesischen Einflussnahme zu beschleunigen, kamen die größten Auftragsfertiger Taiwans der Bitte ihrer Regierung nach und versuchten, Produktionskapazitäten für die deutsche Automobilindustrie freizumachen. Geholfen hat dies aber anscheinend nicht. Ende März 2021 impfte Taiwan die ersten seiner Bürger mit dem Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca - nicht mit jenem von Biontech.

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Große Autohersteller verdrängen kleinere Kunden 
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maxule 08. Jun 2021

Da haben Unternehmen etwas Spielraum. Sicherlich waren eher die Mitarbeiter (nach Wahl...

UserNo.1 27. Mai 2021

Du hast die Kobolde vergessen...

bentol 26. Mai 2021

Absolut, wirklich sehr gut recherchiert. Sowas liest man sehr gerne!

Huso 25. Mai 2021

Naja, theoretisch würde dafür auch eine einzige CPU/Steuereinheit reichen. Man müsste...

Kilpikonna 25. Mai 2021

Das ist nicht paradox, sondern Marktwirtschaft. Wenn die USA mehr zahlen, bekommen sie...



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