Von null zur Industriemaschine in sechs Jahren?
Auf Basis des Technologievergleichs soll bis 2024 der erste Prototyp einer Maschine für den großindustriellen Einsatz gebaut werden, die bis 2026 noch einmal deutlich verbessert werden soll. Robotik soll den Durchsatz steigern. Woher die Komponenten für solch eine komplexe Maschine kommen sollen, bleibt offen.
Auch stellt sich die Frage, wie man in Russland so viel schneller sein kann als ASML, das bereits zu Beginn der EUV-Entwicklung 20 Jahre Erfahrung mit Lithografiemaschinen hatte und von diversen Partnern in Industrie und Forschung unterstützt wurde. Hierauf liefert der Artikel von Zelenograd eine Antwort: In Russland sei 2010 die Entwicklung eines EUV-Belichters begonnen worden, dem Land habe aber schlicht die weltweite Unterstützung gefehlt, sie marktreif zu entwickeln - das klingt eher nach Verschwörungstheorie.
Dass es den Wissenschaftlern in Russland gelingt, kleine Halbleiterstrukturen mittels Röntgenstrahlung zu belichten, ist nicht ausgeschlossen. Dass daraus allerdings innerhalb von sechs Jahren ein industrieller Prozess wird, ist quasi ausgeschlossen; das wird deutlich, wenn man den Blick auf den gesamten Prozess vom Wafer zum fertigen Chip weitet. Und auf Russlands östlichen Nachbarn blickt.
Lithografie macht noch keinen Chip
Selbst wenn der Plan mit der Röntgenlithografie aufgehen sollte, ist das bloß ein Schritt in der Halbleiterfertigung. Daneben sind noch etliche weitere Maschinen erforderlich, etwa zum Aufwachsen von Kristallschichten oder zum Einbringen von Atomen zur Dotierung. Ganz zu schweigen von den Hunderten Chemikalien und anderen Vorprodukten. Selbst ein Wafer ist keine simple Siliziumscheibe.
Die Halbleiterbranche ist eine globale, extrem komplexe, diversifizierte, milliardenschwere Industrie - dass ein einziges Land die nicht allein stemmen kann, zeigt China.
Hier fließen deutlich größere Summen in den Aufbau einer unabhängigen Halbleiterfertigung, getrieben durch immer umfangreichere Handelsbeschränkungen (g+) seitens der USA. Dabei zeigt sich, dass chinesische Unternehmen Probleme haben, die benötigten Maschinen im Land zu entwickeln.
Und selbst, wenn ein funktionsfähiger Prototyp existieren würde, ist unwahrscheinlich, dass alle benötigten Komponenten unabhängig vom Ausland produziert werden könnten.
Die chinesischen Wissenschaftler und Ingenieure werden kaum dümmer oder weniger kreativ sein als ihre russischen Kollegen - sie arbeiten schlicht an einer Herkulesaufgabe. Angesichts dieses ernüchternden Beispiels erinnern die jüngsten Bestrebungen Russlands an die dunkelsten Kapitel sowjetischer Planwirtschaft, als Millionen Menschen aufgrund unrealistischer Ziele verhungerten.
Die Halbleiterambitionen des modernen Russland sind ebenso unrealistisch, aber zumindest sind Computerchips nicht unmittelbar überlebenswichtig.