Hackerkongress: Remote macht Chaos keinen Spaß

rC3

Ausgerechnet wenn man sie braucht, funktionieren die Streams nicht. Ich bin frustriert, am Ende aber doch neidisch auf die privaten rC3-Besucher.

Ein IMHO von veröffentlicht am
Allein im virtuellen Bällebad
Allein im virtuellen Bällebad (Bild: Screenshot: Golem.de)

Wie vieles andere hat die Coronapandemie auch einen Chaos Communication Congress dieses Jahr unmöglich gemacht. Stattdessen findet die Remote Chaos Experience (rC3) dieses Jahr komplett online statt. Kein Problem, dachte ich, denn die Streams zu den Vorträgen haben auf den Kongressen immer super funktioniert. Kam man in eine Halle nicht hinein, schaute man eben den Stream. Doch ausgerechnet dieses Jahr funktioniert die Technik nicht und ich sehne mich nicht nur zurück in die Hallen, sondern auch zu der Technik der letzten Jahre.

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Denn eigentlich war der Chaos Communication Congress immer ein Wunderwerk der Technik. Neben gut funktionierenden Streams gab es ein flächendeckendes WLAN, Congress-Telefone mit einem eigenen DECT-Netz und teils sogar ein eigenes Mobilfunknetz - von einem Rohrpostsystem ganz zu schweigen - und die ständige Ansage an die Besucher, mehr Bandbreite zu verbrauchen. Es war immer beeindruckend, wie ein Kongress mit dieser Technik und in dieser Größenordnung von Freiwilligen und Ehrenamtlichen gestemmt wurde. An dieser Stelle: Danke dafür!

Keine Streams, wenn man sie braucht

Entsprechend freute ich mich dieses Jahr auf die Streams, die ich gemütlich an meinem Schreibtisch anschauen wollte, statt durch die Leipziger Kongresshallen zu hetzen. Doch das funktionierte schlicht nicht. Klappte der Auftakt-Stream noch problemlos, waren die folgenden Übertragungen von krassen Problemen geprägt. Der ehemalige CCC-Sprecher und Assange-Vertraute Andy Müller-Maguhn konnte nur Ausschnitte referieren, doch auch andere Vorträge brachen immer wieder ab. Eigentlich spannende Vorträge waren unkonsumierbar: laufende Tonaussetzer, nur mit Glück ein Bild.

In einem Fall am zweiten Kongresstag katapultierte mich der Livestream mehrfach ein paar Minuten zu längst gehörten Inhalten und präsentierten Folien zurück, um mich anschließend wieder in den Livestream zu holen. Die Zeit dazwischen war schlicht weg, an einen Bericht über den Vortrag nicht mehr zu denken. Mehrmals brach ich die Übertragung von Vorträgen frustriert ab. Hätte ich nicht arbeiten müssen, hätte ich das Remote-Chaos dieses Jahr hinter mir gelassen und mich mit Netterem beschäftigt. Auch Freunde und Kollegen berichten Ähnliches.

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Natürlich waren nicht alle Streams schlecht. Der Vortrag der Sicherheitsforscherin Jiska Classen zur Sicherheit von Bluetooth im Contact Tracing oder der historische Abriss zu den Crypto Wars 2.0 des Journalisten Erich Moechl funktionierten problemlos. Dennoch ist das Frustrationslevel bei mir hoch. Sehr hoch.

Die 2D-Welt macht neidisch

Immerhin die 2D-Welt funktioniert zwar wackelig, aber okay. Dass die völlig neue Entwicklung eines 2D-Abbildes der Congress-Hallen mit ihren Tischen, Assemblies, Bastelecken, Bällebädern und Bars nicht auf Anhieb rund laufen würde, war allein aus dem ambitionierten Projekt, das auf keinerlei Vorerfahrung aufbauen konnte, erwartbar. Dafür funktioniert sie sogar erstaunlich gut. Insbesondere die Adhoc-Videokonferenzen sind sogar regelrecht beeindruckend.

Das Gleiche wie ein echter Congress ist die 2D-Welt natürlich nicht, kann sie auch gar nicht sein. Immerhin hat sie es geschafft, dass ich, wie die letzten Jahre auch, neidisch auf meine Freunde bin, die den rC3 privat besuchen, anstatt dort zu arbeiten. Ich erinnere mich noch gut an eine Freundin, die mir vor ein paar Jahren am dritten Kongresstag erzählt hat, wie toll es noch war und was sie noch alles erlebt hat, nachdem ich am Abend zuvor ins Hotel gegangen war, um Artikel zu schreiben. Das wird dieses Jahr nicht passieren, dachte ich.

Doch als sich meine Freunde zur Remote Tschunk Experience verabreden, bin ich doch wieder neidisch. Tschunk ist ein Cocktail auf Mate-Basis, also perfekt für ein Hackertreffen. Ich schaue nur kurz vorbei und alle außer mir halten ihre Tschunk-Gläser in die Kamera. Ich verabschiede mich wieder und gehe Artikel schreiben. Manches ändert nicht einmal die Coronapandemie.

IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach).

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