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Guillermo del Toros Verfilmung: So sehr Horror war Frankenstein selten

Guillermo del Toros zweieinhalbstündiges Epos über Frankensteins Monster ist eine bildgewaltige Wucht.
/ Peter Osteried
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Jacob Elordi spielt die Kreatur. (Bild: Netflix)
Jacob Elordi spielt die Kreatur. Bild: Netflix

Seit seinem Film Pinocchio hat Guillermo del Toro(öffnet im neuen Fenster) eine gute Beziehung zu Netflix, aus der auch die Anthologie Cabinet of Curiosities hervorgegangen ist. Mit Frankenstein hat er nun einen der großen Klassiker der fantastischen Literatur umgesetzt. Der Film startet am 23. Oktober 2025 mit einem limitierten Release im Kino, im Streaming ist er ab dem 7. November zu sehen. Der grandiosen Bilder wegen empfiehlt sich das Erleben auf der großen Leinwand.

Mary Shelleys 1818 erschienener Roman(öffnet im neuen Fenster) wurde seit der Frühzeit des Films immer wieder adaptiert. Die erste Adaption war ein Kurzfilm aus dem Jahr 1911, die berühmteste ist wohl die Version von 1931 mit Boris Karloff. Nahe an der Vorlage blieb Kenneth Branagh in den 90ern mit Mary Shelley's Frankenstein(öffnet im neuen Fenster) , während 2015 in Victor Frankenstein die komplette Geschichte aus der Warte des Helfers Igor erzählt wurde.

Den gibt es in Guillermo del Toros fast zweieinhalbstündigem Film nicht. Der Autor und Regisseur hat sich an Mary Shelleys Buch gehalten, aber nicht zu 100 Prozent. Es gibt Veränderungen, die im Kontext von del Toros Umsetzung Sinn ergeben, so etwa eine gewisse Anziehungskraft, die zwischen der Kreatur und Elizabeth herrscht, die hier nicht Frankensteins Braut ist, sondern die seines Bruders.

Im ewigen Eis

Die Geschichte beginnt im Jahr 1859 und damit an ihrem Ende, als Baron Frankenstein seine Kreatur zum Nordpol jagt. Die Besatzung eines vom Eis eingeschlossenen Schiffs rettet ihn, woraufhin er beginnt, dem Kapitän seine Geschichte zu erzählen.

Eine Geschichte von einem strengen Vater und einer Mutter, die früh starb, was in Victor Frankenstein den Wunsch erweckte, den Tod zu besiegen. Alles hat er auf dieses Ziel ausgerichtet, Unterstützung erhielt er von einem Geschäftsmann.

Erzählt wird im Film aber nicht nur die Geschichte Frankensteins, sondern auch die seiner Kreatur. Del Toro hat den Film in drei Kapitel unterteilt: das Präludium, Victors Geschichte und die Geschichte der Kreatur.

Die ganz großen Bilder

Neu im Vergleich zum Roman ist Christoph Waltz' Figur des Finanziers und eben die gänzlich andere Beziehung von Elisabeth (Mia Goth) zu ihrem Verlobten und Victor – aber auch zur Kreatur, in der sie eine leidende, verwandte Seele erkennt. Ähnlich wie Francis Ford Coppola bei Bram Stoker's Dracula gelingt es del Toro, der Geschichte treu zu bleiben und zugleich neue, moderne Ansätze einzubringen.

Der in Glasgow und Edinburgh gedrehte Film sieht fantastisch aus, und das nicht nur in Hinblick auf den Gothic-Horror-Chic, sondern auch auf die Experimente und das Erwecken der Kreatur. Del Toro schafft es, den Schrecken dieser Experimente in seinen Bildern zu transportieren – so sehr Horror wie hier war Frankenstein selten. Zugleich erhebt er sich weit über das Genre, ist Science-Fiction, vor allem aber auch das Drama eines Mannes, der seiner Hybris erliegt.

Isaac ist großartig, Elordi eine Entdeckung

Oscar Isaac spielt das ausgesprochen eindringlich, mit einer Energie, die mitreißt, aber auch so filigran, dass die Figur immer wieder hinter die Fassade blicken lässt. Dieser Baron Frankenstein ist in jeder Beziehung das wahre Monster, was er lange nicht wahrhaben möchte.

Eine echte Entdeckung ist auch Jacob Elordi, der mit Euphoria bekannt wurde, aber als Kreatur schauspielerisch eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Er ist physisch imposant, entstellt (was durch mehr als 70 Prosthetics erreicht wurde, wegen derer Elordi bis zu zehn Stunden im Make-up-Stuhl verbrachte) und zugleich ein Wesen mit schöner Seele. Eine tragische Figur, die – anders als im Roman – zu ewigem Leben verdammt ist und die Gnade des Todes nie erfahren wird; anders als ihr Schöpfer.

Bekannte Gesichter

Del Toro hat seinen Film exzellent besetzt, nicht nur in den Hauptrollen. Der Kapitän des Schiffs, auf dem Frankenstein Zuflucht findet, ist Lars Mikkelsen, sein erster Offizier Nikolaj Lie Kaas. Frankensteins Vater wird von Charles Dance gespielt, dessen alter Game-of-Thrones-Kollege David Bradley spielt den Blinden, in dem die Kreatur erstmals im Leben einen Freund findet.

In winzigen Rollen dabei: Ralph Ineson (Galactus in Fantastic Four: First Steps) und Burn Gorman (Torchwood), mit dem del Toro schon bei Pacific Rim zusammengearbeitet hat.

Ein Frankenstein für die heutige Zeit

Del Toros Frankenstein wirkt auf eine gute Art und Weise altmodisch, weil der Regisseur so weit wie möglich auf Computereinsatz verzichtet hat. Er wollte echte Sets, er ließ das Schiff nachbauen, er wollte sehen, was er drehte, und die Schauspieler sollten spüren, wie es sich in diesem Setting lebt.

Das überträgt sich auch auf das Publikum, dem hier ein Film geboten wird, der mitunter aus der Zeit gefallen wirkt – und dann auch wieder nicht. So sieht es eine emanzipierte Frauenfigur, aber auch die Dualität des Seins als zentrales Thema: das Gute und das Schlechte, das in jedem existiert.

Vor allem ist del Toros Frankenstein das, was die Geschichte schon immer war: tragisch in jeder Beziehung und das bis zum Schluss, mit einer Art Happy End, das aber nicht für jeden gilt.


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