Günstige Android-Smartphones: 300 Euro ist die neue Messlatte

Noch sehr gut kann ich mich an den Spätsommer 2010 erinnern, in dem ich mir ein neues Android-Smartphone kaufte. Für das damals gerade veröffentlichte Samsung Galaxy S hatte ich kein Geld, also wurde es ein Mittelklassegerät eines anderen großen Herstellers, das aber immer noch über 300 Euro kostete.





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Prägende Erfahrung mit der Mittelklasse
Um es kurz zu machen: Das Teil war schrecklich. Das Smartphone war langsam, hatte eine furchtbare Kamera, einen hässlichen Bildschirm und bald schon eine veraltete Android-Version mit kriechend langsamer Benutzeroberfläche. Das hatte immerhin den Vorteil, dass ich mich bereits nach kurzer Zeit intensiv mit alternativen Android-ROMs beschäftigte.
Nur fünf Jahre ist es also her, dass man 300 Euro und mehr ausgeben musste, um ein aus heutiger Sicht schauriges Android-Smartphone zu bekommen. Wer sich heute ein Smartphone anschaffen möchte, sich aber scheut, über 600 Euro für ein Topgerät auszugeben, ist in einer ganz anderen Situation – einer viel besseren.
Leistungsfähigere, günstigere Chips
Das Jahr 2015 hat deutlicher als die Vorjahre gezeigt: Richtig gute Android-Smartphones sind schon für 300 Euro erhältlich. "Richtig gut" heißt in diesem Fall, dass das Gerät von der Ausstattung her so viel mehr als ein Einsteigergerät kann, dass auch anspruchsvollere Nutzer damit glücklich werden – also diejenigen Nutzer, die neben Surfen und E-Mails abfragen auch mal ein qualitativ hochwertiges Foto machen oder ein grafisch anspruchsvolleres Spiel spielen möchten. Also Dinge, die mitunter mit den sehr preiswerten Geräten, auch der Windows-Phone-Konkurrenz, nicht möglich sind.
Zu verdanken haben wir Nutzer das zu einem großen Teil natürlich der technischen Entwicklung: SoCs lassen sich mittlerweile kostengünstiger und mit besserer Leistung herstellen als noch vor ein paar Jahren. Zudem verabschieden sich Hersteller wie etwa Mediatek langsam aber sicher von ihrem Billig-Image und stellen leistungsfähige, günstige Chips her.
Auch Qualcomm stellt beispielsweise mit den Modellen Snapdragon 615 und Snapdragon 617 inzwischen SoCs her, die zwar natürlich nicht die Leistungswerte eines Snapdragon 810 oder Exynos 7420 erreichen, aber für eine Vielzahl der Nutzer ausreichen. Und damit sind wieder Nutzer gemeint, die auch mal ein grafisch aufwendigeres Spiel spielen oder ein schönes Foto aufnehmen wollen.
13 Megapixel sind zum Kamerastandard geworden
Auch die fortschreitende Entwicklung anderer Komponenten trägt zu besseren, günstigen Smartphones bei: eine gute Kamera, ein gutes Display, ein Gehäuse aus Metall – all diese Ausstattungsmerkmale sind dank verbesserter und vor allem günstigerer Herstellungsmöglichkeiten keine exklusiven Features von sehr teuren Smartphones mehr.

Zu den prominenten Beispielen von guten Android-Smartphones im Preisbereich von um die 300 Euro gehören im Jahr 2015 das Oneplus X , das mittlerweile auch ohne Einladung erhältlich ist, die Neuauflage des Samsung Galaxy A3 , das Huawei G8 , das Sony Xperia C5 Ultra oder auch das ZUK Z1 . Alle diese Geräte bieten SoCs, die für mehr taugen als zum Surfen und E-Mails checken, und Displays mit mindestens 720p-Auflösung, LTE-Unterstützung und gute Kameras mit 13 Megapixeln haben. Einige verfügen sogar über Zusatzfunktionen wie einen Fingerabdrucksensor, den es bis vor einiger Zeit nur bei deutlich teureren Geräten gab.
Interessant bei einigen dieser Smartphones ist die Prozessorauswahl: Das Oneplus X und das ZUK Z1 kommen mit dem Snapdragon 801 – einem bereits betagten ehemaligen Top-SoC, das verglichen mit neueren Mittelklasse-Chips aber in der Einzelkernleistung mitunter stärker ist und kaum von seiner Klasse verloren hat. Stattdessen ist es inzwischen ein günstiges System, das sich für sehr gute, günstige Smartphones gut eignet.

Konkurrenz aus China wächst
Selbst wem 300 Euro zu viel für ein Smartphone sind, muss heute nicht mehr leiden: Im Preisbereich von 200 Euro und darunter gibt es ebenfalls tolle Android-Smartphones. Geräte wie das Samsung Galaxy J5 , das aktuelle Motorola Moto G , das Huawei P8 Lite oder das Sony Xperia M4 Aqua bieten zwar weniger Leistung als die zuvor genannten Smartphones, dürften aber immer noch die Bedürfnisse vieler Nutzer befriedigen.
Auch mit diesen Smartphones lassen sich tolle Bilder machen – alle Geräte haben für diese Preisklasse unverschämt gute 13-Megapixel-Kameras. Dank geringerer Bildschirmauflösungen sind zudem die Akkulaufzeiten ausreichend lang, um bequem über den Tag zu kommen. Teilweise gibt es auch Gehäuse aus Metall – aus der Sicht von vor ein paar Jahren ist es nahezu unfassbar, was es heutzutage für gute Geräte zu diesem Preis gibt.

Auffällig ist, wie stark chinesische Anbieter mittlerweile im Markt preiswerter und guter Smartphones mitmischen – etwa Huawei, Oneplus oder Lenovo mit seinen beiden Geräten Moto G und ZUK Z1. Diese Hersteller sind spätestens 2015 zu einem ausgewachsenen Problem für die etablierten Smartphone-Produzenten geworden: Samsung hat beispielsweise aufgrund der chinesischen Konkurrenz in diesem Jahr seine Strategie aufgegeben, auch im absoluten Niedrigpreisbereich neue Geräte anzubieten.
Selbst maximal 200 Euro reichen
Aber nicht nur für das Geschäft mit den sehr günstigen Einsteiger-Smartphones sind die guten 200- und 300-Euro-Geräte gefährlich für Samsung, HTC oder LG – auch den Erfolg der Topgeräte können sie längerfristig bedrohen. Das Szenario ist verhältnismäßig einfach: Je besser die günstigen Geräte werden, desto weniger nötig ist es, sich ein teures zu kaufen.





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Ziehen wir einmal die Parallele zu meinem persönlichen Beispiel aus dem Jahr 2010: Um zu dieser Zeit ein brauchbares Android-Smartphone in der Hand halten zu können, war verhältnismäßig viel Geld nötig. Im Jahr 2015 bieten Geräte wie das Galaxy S6 Edge, das Sony Xperia Z5 oder das Huawei Mate S für deutlich mehr Geld zwar auch deutlich mehr an Ausstattung – hier stellt sich aber natürlich die individuelle Frage: Brauche ich das? Diese Frage stellen sich Nutzer natürlich nicht erst im Jahr 2015, aufgrund der vielen guten Geräte im Preisbereich von 300 Euro und sogar darunter gewinnt sie aber an Bedeutung.
Auch auf die Preise von teuren Android-Smartphones hat sich die günstige Konkurrenz im Jahr 2015 ausgewirkt: Zwar sind Android-Top-Geräte schon immer nach einiger Zeit preiswerter geworden, dass aber etwa das Galaxy S6 schon seit einigen Monaten nur noch 450 Euro und das LG G4 420 Euro kosten, ist auffällig. Hier spielen natürlich auch innerbetriebliche Faktoren eine Rolle – der Druck aus dem preiswerten Marktsegment auf die Verkaufszahlen des hochpreisigen Bereichs ist aber nicht zu vernachlässigen.
Gute Aussichten für die Kunden
Die Hersteller stehen 2016 mit ihren teuren Top-Smartphones vor der Herausforderung, ihre Geräte den Kunden weiter schmackhaft zu machen. Aufgrund der Qualität der günstigen Konkurrenz müssen sich LG, Samsung, Sony und Co. langsam wieder neue, spektakulärere Funktionen einfallen lassen.
Denn auch im Jahr 2016 wird der Trend zum guten, preiswerten Android-Smartphone sicher nicht abreißen: Zum einen wird die technische Entwicklung weiter fortschreiten, zum anderen machen die Hersteller nicht den Eindruck, als ob sie ihre Bemühungen im günstigen Marktsegment aufgeben werden – selbst Samsung oder Sony nicht, bei denen diese Konkurrenz besonders schädlich für die teuren Topgeräte sein kann.
Für uns Nutzer sind das eigentlich gute Nachrichten. Es wird sich also auch im Jahr 2016 lohnen, auf diejenigen Android-Smartphones zu achten, die abseits der großen und pompösen Vorstellungen teurer Topgeräte präsentiert werden. Die Tortur eines langsamen, schlecht ausgestatteten Gerätes, die auch ich im Jahr 2010 durchmachen musste, gehört wohl endgültig der Vergangenheit an.



