Warum der Film erst nach dem Abspann wirkt
Als Nolans Odyssee vorbei war, wurden wir wieder skeptisch. War das gerade wirklich so bahnbrechend, oder sah es einfach nur gut aus? So intensiv all die Schifffahrtsequenzen und so überzeugend besonders Matt Damon als Odysseus und Anne Hathaway als Penelope waren: Uns fielen keine greifbaren Momente oder klar zu benennenden Gründe ein, weshalb diese Odyssee ekstatisch macht.
Warum sie großartig ist und nicht nur sehr gut. Warum es uns egal war, dass Tom Holland vielleicht schauspielerisch nicht stark genug ist, um eine Rolle wie Telemachos vollends überzeugend auszufüllen. Weshalb wir uns nicht um die Frage geschert haben, ob Rüstungen und die sonstige Gestaltung des Films authentisch zur Zeit passen, in der Homer oder die verschiedenen Dichter(öffnet im neuen Fenster), die wir heutzutage als Homer bezeichnen, sich das Ursprungswerk ausgedacht haben. Selbst die unpassend moderne Sprechweise der Charaktere und eher durchschnittlichen Dialoge – unser größter Kritikpunkt am Film – waren fast wortwörtlich bloß Hintergrundrauschen.
Trotzdem, noch Tage später mussten wir immer wieder an Nolans Odyssee denken. Der Film hat uns in seiner Gesamtheit nicht losgelassen. Die ganze dargestellte Reise hat großen Eindruck bei uns hinterlassen. Wie eine Melodie, die als Ohrwurm bleibt.
Eine filmische Übersetzung von Homers Gesängen
Die Odyssee ist vor jeder Form der Übersetzung und Interpretation in homerischem Altgriechisch in erster Linie eine Ansammlung von Gesängen, da diese sich leichter einprägen und so mündlich verbreiten ließen. Auch im Film(öffnet im neuen Fenster) werden Geschichten über Odysseus in Sprechgesangform vorgetragen, mit rhythmischen Trommelstößen zwischen dem gesprochenen Wort.
Wir sind überzeugt, dass Christopher Nolan sich mit der Komposition seiner Odyssee in Bild und Ton, einer Adaption der Idee von Homers Gesängen in filmsprachlicher Form, annähern wollte – und das auch beeindruckend wirkungsvoll geschafft hat.
Klassisch gesprochene Dialoge sollten bewusst nicht in den Vordergrund rücken, auch wenn die Informationen darin für den Gesamtkontext wichtig bleiben. Alles, was wir beim Schauen aufnehmen, auch nur unterschwellig spüren, fordert gleichermaßen unsere Aufmerksamkeit ohne Unterlass, hochintensiv, auf allen verfügbaren Frequenzen und eben melodisch nach einem gemeinsamen Takt. Den der Soundtrack, manchmal mit Instrumenten aus Zeiten der Antike(öffnet im neuen Fenster), hörbar werden lässt. Das reicht nicht nur, das macht den Film zu einer besonderen Erfahrung.
Es ist eine Herangehensweise, die sich bei einem 250-Millionen-US-Dollar-Film normalerweise niemand erlauben kann – außer, es wurden mit dem vorherigen Projekt, trotz vergleichsweise trockener Thematik, beinahe eine Milliarde(öffnet im neuen Fenster) eingespielt und alle wichtigen Oscars gewonnen. Dies war wahrscheinlich(öffnet im neuen Fenster) der beste und wohl auch einzige Moment, an dem Nolan seine Odyssee wirklich zu seiner hat machen können. Es ging nicht einfach nur um die nächste übliche Verfilmung, wie es sie ähnlich schon gab, jetzt bloß mit moderneren Kameras.
Warum sich 70-mm-Imax wirklich lohnt
Um letztere soll es hier nun aber auch gehen, sie wurden immerhin extra für diesen Film neu konstruiert. Das nach dem verstorbenen Imax-Mitarbeiter und engen Nolan-Vertrauten David Keighley(öffnet im neuen Fenster) (Vater von Video-Game-Awards-Host Geoff Keighley(öffnet im neuen Fenster)) benannte Modell ist leiser, leichter und kleiner als bisherige Modelle. Dass normale Dialoge erstmals mit echten Imax-Analogkameras gefilmt werden konnten, ohne hinterher komplett nachvertont werden zu müssen, ist einem eigens dafür entwickelten, schallisolierenden Gehäuse zu verdanken. Die Vorrichtung ist jedoch derart sperrig, dass bei Nahaufnahmen in Gesprächen ein Spiegelsystem angebracht werden muss. Sonst könnten sich die Schauspieler nicht gegenseitig ins Gesicht schauen, obwohl sie sich gegenüberstehen.

Wer den Film so erleben möchte, wie der Regisseur es vorgesehen hat, muss die Odyssee als analoge 70-mm-Fassung im Imax ansehen. Das Problem für uns: Zwar gibt es in Deutschland mehrere Imax-Kinos, jedoch keines, das technisch imstande ist, die analoge 70-mm-Version des Films vorzuführen. Dafür müssten wir in Europa extra zu entsprechenden Kinos, zum Beispiel nach London oder Prag, reisen.
Hierzulande gibt es den Film alternativ zu den üblichen Kinofassungen und den digitalen Imax-Versionen noch in einzelnen Kinos als analoge 70-mm-Projektion im Standard-Bildformat. Wir konnten eine solche vorab im Zoo Palast in Berlin(öffnet im neuen Fenster) sehen und finden, dass es sich allein schon für die Bildschärfe und Detailtiefe des Formats lohnt. Der Nachteil bleibt hier jedoch, dass eigentlich oben und unten mehr vom Bild zu sehen sein müsste(öffnet im neuen Fenster), Kameramann Hoyte van Hoytema seine Aufnahmen entsprechend danach ausgerichtet hat.
Die Odyssee entfaltet im gewohnten Kino-Breitbildformat natürlich ebenfalls ihre Wirkung. Uns ist in der bildlich beschnittenen Version aber mehrfach störend aufgefallen, wenn Halbtotalen und Close-Ups zu gedrungen wirkten oder Landschaften so gefilmt waren, als sollten wir für den gewollten Eindruck beispielsweise eigentlich mehr vom Himmel sehen.
Das Filmkorn im Bild war angenehm unauffällig, gab nur eine leichte Textur, was auch am hochwertigen Ausgangsmaterial liegt. Letztlich profitieren dann doch alle von Nolans Mehraufwand des 70-mm-Drehs. Gelegentlich wahrnehmbares Projektorflackern, besonders an hellen Stellen im Bild, bleibt aber natürlich Geschmackssache.
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