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Weniger Spektakel, mehr Mythos

Zwar ist die Odyssee ohnehin kein God of War oder Kampf der Titanen(öffnet im neuen Fenster), in Homers Vorlage wird vor allem viel geredet. Trotzdem lässt Nolan, der die Adaption selbst geschrieben hat, mehrere spektakelversprechende Szenen des Originals ganz weg oder ändert sie so, dass sie bodenständiger, glaubwürdiger ablaufen.

Die Sirenen sehen wir nur schemenhaft weit in der Ferne, ihren tödlichen Gesang vernehmen wir nicht. Sobald sich Odysseus' Crew die Gehörgänge mit Bienenwachs als Ohrstöpselersatz verstopft, nehmen auch wir die gesamte Szene mit stark gedämpftem Ton wahr. Dazu spielt nur der intensive Soundtrack von Ludwig Göransson – ein bindendes Element, ohne das der ganze Film nicht so gut funktionieren würde.

Schnelle Erzählweise, die Geduld verlangt

Genau wie Homer erzählt Nolan die Odyssee nichtlinear. Das Ganze ist ein verschachteltes Konstrukt von Rückblenden, platziert in zwei parallel verlaufenden Geschichten, die erst zum Schluss aufeinandertreffen. Damit ist Nolans Erzählweise seinem letzten Film Oppenheimer nicht unähnlich.

Etwas anders angeordnet als in der Vorlage und an vielen Stellen sinnvoll verdichtet, erfahren wir in der Odyssee-Verfilmung von der zehnjährigen Rückreise des Odysseus in seine Heimat Ithaka, nach dem trojanischen Krieg. Wir erfahren auch, wie daheim seine auf ihn wartende Frau Penelope (Anne Hathaway) und der Sohn Telemachos (Tom Holland), nach insgesamt 20 Jahren ohne Lebenszeichen des Königs, zunehmend unter Druck geraten. Plündernde Freier haben sich bei ihnen eingenistet und fordern, dass einer von ihnen Odysseus' Platz einnehmen solle.

Trotz Auslassungen ganzer Szenen aus Homers Vorlage und fast drei Stunden Laufzeit, erzählt Nolan die Geschichte so, dass sie sich komplett anfühlt. Würden wir die Odyssee nicht schon gut kennen, hätten wir nicht vermutet, dass viel gestrichen worden wäre. Es ist immer noch eine Menge Stoff, den er in der langen Laufzeit unterbringt, zumal er die Schlacht um Troja aus der Ilias stärker in seine Version der Erzählung einbindet, als es im Original der Fall ist.

Auf ausführliche Dialoge verzichtet Nolan, seine Odyssee legt von Beginn an ein rasantes Tempo vor. Mehrmals wechselt das Geschehen innerhalb eines Gesprächs schon mal den Schauplatz. Kleine wie große Zeitsprünge erfolgen mitunter schnell hintereinander, ohne den Fluss der Erzählung zu unterbrechen.

Wo viele Regisseure Szenen mit Potenzial, die als besonders erinnerungswürdig im Gedächtnis zurückbleiben, länger ausgekostet hätten und Homer seine Figuren ausgiebig miteinander plauschen lässt, gibt Nolan keinem Teilaspekt seiner Odyssee so viel Zeit, dass etwas Einzelnes gesondert als ein Highlight innerhalb des Films hervorgehoben werden könnte. Wir erinnern uns an seine Odyssee im Nachgang als homogenes Gesamtstück, nicht zuerst für eindrucksvolle Teilstücke. Das scheint beabsichtigt zu sein.

Zu Beginn des Films hat uns die Herangehensweise irritiert, es war nicht einfach, in Nolans Odyssee hineinzufinden. Besonders die häufigen Perspektivwechsel innerhalb einfacher Dialoge lenkten zunächst störend ab. Zudem fiel auf, dass fast durchgehend und laut der Soundtrack des Films weiterlief, mitunter Gespräche dadurch im von uns gesichteten Originalton schwerer zu verstehen waren. Auch das erinnert an Oppenheimer, und nicht jeder Zuschauer findet das gut. In der deutsch synchronisierten Fassung sind die Stimmen wesentlich lauter.

Nach kurzer Eingewöhnung und als der Film nach den Einführungssequenzen erzählerisch Fahrt aufnahm, entwickelte sich aus diesen Eigenarten die für uns wahre Sogkraft: ein Rhythmus, der in der Filmsprache Nolans steckt, im Schnitt, in den Abfolgen von Perspektiven und ihrer Synergie mit Göranssons Musik. Drei intensive Stunden mit Odysseus flogen nur so an uns vorbei.

Es war, als hätte unser Gehirn sich erst mit einer unterschwelligen Frequenz des Films synchronisieren müssen, weil andere Filme gewöhnlich nicht auf diese Weise mit uns kommunizieren – vor allem selten solche, die um die 250 Millionen(öffnet im neuen Fenster) US-Dollar gekostet haben.


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