Green IT: "Ich hoffe, dass ich heute Dinge anders mache"
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Es ist ja oft so, dass man Probleme erst wirklich wahrnimmt, wenn sie einen selbst betreffen. So etwa beim Klimawandel. Die Hitzewelle Mitte Juli führte nicht nur zu (mutmaßlich) gestiegenen Eisverkäufen, sondern auch der Abschaltung von Servern bei Google und Oracle.
Und man konnte sich die Downtime nicht einmal mit einem Spiel vertreiben, denn sogar Nintendo warnte davor, dass der Prozessor seiner tragbaren Konsole Switch überhitzen könnte.
Wetterextreme verursachen laut Wirtschaftsministerium allein in Deutschland jährlich Schäden in Höhe von 6,6 Milliarden Euro. Dass etwas passieren muss, ist klar – und es passiert auch was. Intel investierte zuletzt Hunderte Millionen US-Dollar in die Erforschung nachhaltigerer Rechenzentren, Meta setzt KI zur Optimierung ein.
Und dann ist da natürlich die Verkehrswende. Sogar im Dieselland Deutschland werden immer mehr Elektroautos produziert, 2021 waren es rund 328.000.
Mit Autos und nachhaltiger IT hat Steffen Heilmann täglich zu tun. Er ist CTO der "tech-enabled Logistikfirma" Seven Senders, wie er selbst es beschreibt. Die hat sich selbst den Zielen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet. Das ist eines der Themen, über die wir mit Heilmann sprechen konnten. Das vollständige Interview findet ihr im Anschluss.
Der Versanddienstleister Seven Senders hat seinen Sitz in Berlin, aber Kundschaft in ganz Europa. Das Unternehmen stellt eine Plattform bereit, die seinen Kunden die Mühen des grenzüberschreitenden Onlineversands (und diversen internationalen Paketzustellern) abnimmt. Seit Oktober 2021 ist Steffen Heilmann als CTO für diese Plattform verantwortlich.
Interview mit Steffen Heilmann von Seven Senders
Golem.de: Bei Logistik denkt man zuerst an Lastwagenkolonnen und nicht unbedingt an eine komplexe IT. Wie viel Technik steckt hinter Seven Senders?
Steffen Heilmann: Bei Seven Senders schon einiges an Tech drin. Paket-Tracking ist für ein einzelnes Paket gar nicht so wild. Aber wir haben nicht einzelne Pakete und nicht 1.000 Pakete, sondern deutlich mehr. Die technische Herausforderung dabei liegt nicht so sehr in der Anzahl der Pakete, sondern in der Harmonisierung über viele Kunden, Länder und Last-Mile-Carrier hinweg. Solange es läuft, ist alles gut. Die Frage ist: Wie kriegst du die Outlier mit?
Golem.de: Bei aller Planung – am Ende werden immer noch Pakete herumgefahren. Wie versucht ihr, dennoch, euer selbstgesetztes Ziel der Klimaneutralität umzusetzen?
Steffen Heilmann: Nachhaltigkeit ist für uns als Firma ein großes Thema. Im Mai war bei uns Green Month, um das Thema Klimaneutralität im Unternehmen greifbar zu machen. Wir haben über vier Wochen täglich Zeit in Vorträge und Events investiert. Bei einer 250-Mann-Firma ist das schon eine ordentliche Investition. Zum Beispiel gab es eine Activity Challenge: Für jeden gejoggten oder geradelten Kilometer hat Seven Senders Bäume gepflanzt. Dabei waren wir so aktiv, dass wir das Ziel von 2.500 auf 7.777 Bäume erhöht haben – und das haben wir auch erreicht.
Unsere Mitarbeiter sind sehr interessiert daran, beim Thema Nachhaltigkeit selbst etwas beizutragen. Im Rahmen des Green Month hatten wir auch einen Austausch darüber, was jeder selbst machen kann. Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrad statt Auto ist da sicherlich ein häufig genannter Aspekt. Meiner Meinung nach geht es bei dabei aber auch um das Bewusstsein, dass jeder aktiv mitgestalten kann.
Golem.de: Das ist die individuelle Ebene. Aber wie macht ihr Software im Unternehmen grüner?
Steffen Heilmann: Zum einen messen bzw. berechnen wir, wie viel CO2-Ausstoß durch den Energieverbrauch unserer Software produziert wir. Diesen CO2-Ausstoß kompensieren wir dann. Weiterhin versuchen wir natürlich, den Energieverbrauch zu reduzieren. Dabei können moderne Technologien wie Microservices natürlich helfen. Diese erlauben es uns, insbesondere zu Peak-Zeiten wie etwa der Black-Friday-Woche nur den Teil der Systeme hochzuskalieren, der gerade benötigt wird.
Gleichzeitig machen wir uns auch immer wieder Gedanken über die Effizienz unserer Systeme. Dabei gehen wir häufig auch an die Grundlagen. So hatten wir vor kurzem in einem unserer Tech Talks einen Vortrag über Sortieralgorithmen und wie effektiv diese sind. Für alle, die mal Informatik studiert haben, ist das ein alter Hut. Bei der Menge an Paketen in unseren Systemen kann die richtige Wahl eines guten Sortieralgorithmus schon relevant sein.
Golem.de: Es ging euch zuletzt also viel darum, etwas Neues zu lernen. Was hast du in den letzten Jahren als CTO dazugelernt?
Steffen Heilmann: Ich hoffe, dass ich heute Dinge anders mache als vor fünf oder vor zehn Jahren. Sich selbst weiterzuentwickeln und etwas Neues zu lernen finde ich sehr wichtig für mich persönlich. Ein Thema, auf das ich versuche mehr zu achten als früher, ist, über den eigenen Tellerrand zu schauen und noch aktiver auf die Stakeholder außerhalb meines eigenen Bereichs zuzugehen. Besser zu verstehen, was die Anforderungen seitens der Fachbereiche oder unserer Kunden sind und darauf basierend dann Lösungsvorschläge zu entwickeln.
Natürlich ist es cool, mit dem Infrastruktur-Team zu besprechen, ob wir zum Beispiel flächendeckend managed Kafka einführen wollen. Aber viel relevanter ist doch, sich mit dem Vertriebschef zusammenzusetzen und zu hören, was er denn eigentlich von der IT braucht, um die Kundenbedürfnisse besser zu erfüllen.
Wichtig ist: Man muss versuchen, den Kunden wirklich zu verstehen und eine Lösung für dessen Probleme anzubieten. Das passiert am besten im Dialog. Wenn du da reingehst und sagst: "Ich habe hier die Lösung für dich gebaut", dann sagt er, du hast von Vertrieb keine Ahnung – und da hat er vermutlich recht.
Als wir vor Kurzem angefangen haben ein neues Produkt zu entwickeln, habe ich mich mit dem fachlich Verantwortlichen zusammengesetzt, um das Problem wirklich zu verstehen. Basierend darauf konnte ich dann Vorschläge machen, wie wir mit wenig Aufwand eine initiale Version mit einem Kunden testen können – und darauf basierend dann inkrementell und iterativ weiterzuentwickeln.
Golem.de: Kommst du vor lauter Gesprächen überhaupt noch dazu, selbst zu programmieren?
Steffen Heilmann: Ganz ehrlich gesagt: Nein. Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit in Besprechungen. Aber Programmieren ist auch nicht Teil meines Jobs. Ich habe gute Entwickler gesehen, die Karriere machen wollten und als Manager todunglücklich waren. Für die bedeutet arbeiten, Code zu schreiben.
Als CTO ist meine Aufgabe, den gesamten Bereich zu strukturieren, Ziele zu definieren und dafür zu sorgen, dass die Entwicklungsteams gut arbeiten können – und nicht zu vergessen: die Abstimmung mit anderen Bereichen. Für mich ist es so: Ich fühle mich dann gut, wenn ich Teams habe, die erfolgreich sind.
Golem.de: Möchtest du deinen Kolleginnen und Kollegen noch einen Ratschlag mitgeben?
Steffen Heilmann: Nehmt euch Zeit, die fachlichen Probleme besser zu verstehen. Und denkt in Lösungen, nicht in Problemen.
Der Energiebedarf von Rechenzentren steigt, gleichzeitig werden die Emissionen bereits reduziert. Eine Studie des Bitkom e.V. zeigt, bei welchen Komponenten der Verbrauch am höchsten ist.
Bei Nachhaltigkeit geht es um mehr, als einfach nur Strom zu sparen. Es geht auch um Elektronikschrott oder Ressourcen für die Hardware-Produktion. Das Forschungsinstitut Capgemini hat 2021 eine lesenswerte Studie zu dem Thema veröffentlicht, für die es 1.000 Großunternehmen befragt hat. Die Zahlen zeigen nicht nur, dass IT-Nachhaltigkeit für viele Unternehmen noch keine Priorität ist, sondern auch, warum sie das sein sollte.
Bei den mehr als sommerlichen Temperaturen muss man sich auch mal eine Pause gönnen. In der könnt ihr Terra Nil spielen. In der Aufbausimulation im Stil von Klassikern wie SimCity müssen Spieler einen ruinierten Planeten mittels Technologie wieder in ein funktionierendes Ökosystem verwandeln – und ihre ganze Maschinerie anschließend wieder aufräumen. Den kostenlosen Prototyp in charmanter Pixelgrafik gibt's kostenlos, eine größere, kommerzielle Version ist bereits in Arbeit.
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