Gran Turismo 6 im Test: Fahrspaß bei Tag, Nacht, Wind und Wetter

Was für ein Sauwetter auf dem Nürburgring! Als wäre die Nordschleife nicht schon bei schönem Wetter anspruchsvoll genug. In Gran Turismo 6 kann es dort sogar regnen. Je nachdem, wie lange es aus den Wolken schüttet, füllt sich der Asphalt mit Wasser. Unter diesen Bedingungen suchen wir fast vergeblich nach dem nötigen Grip, um unbeschadet durch die Grüne Hölle zu fahren. Glücklicherweise geht in zwei Runden die Sonne auf. Dann können wir wenigstens wieder etwas sehen. Polyphonys Rennspiel bietet nämlich nicht nur Wettereinflüsse, sondern auf vielen Strecken auch einen vollständig simulierten Tag- und Nachtwechsel.

Gran-Turismo-Fans wissen: Das beschriebene Erlebnis wollte Sony eigentlich bereits mit Teil 5 auf der Playstation 3 bieten – tat es aber nicht. Gran Turismo 6 beschränkt sich nicht nur auf das verspätete Einlösen alter Versprechen. Beim Umfang ist das Rennspiel erneut einzigartig abwechslungsreich und noch ambitionierter.
Die ersten zwei Stunden wird der Spieler noch linear vom Autokauf über die Lizenzprüfungen bis zum ersten kleinen Cup geleitet. Mit dem Erwerb der nationalen A-Lizenz eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten, voranzuschreiten. In den Meisterschaften gibt es viele verschiedene Cups, in denen zum Beispiel Kleinwagen, japanische GT-Autos oder europäische Coupés gegeneinander antreten.























Für einen Rennsieg gibt es Credits und bis zu drei Sterne als Belohnung. Für erfolgreich absolvierte Cups und Lizenztests erwarten den Spieler auch geschenkte Autos in der eigenen Garage. Um in die nächsthöhere Klasse aufzusteigen, wird nur ein Bruchteil aller verfügbaren Sterne benötigt – es muss also nicht alles abgearbeitet werden. Darauf muss der Spieler die obligatorischen Lizenztests bestehen, und die nächste Palette an Cups öffnet sich.
Sterne sammeln wie bei Mario
Das Vorankommen als Solospieler macht vor allem wegen des clever erdachten Hauptmenüs und kürzerer Ladezeiten viel mehr Spaß als im Vorgänger. Der Aufbau orientiert sich an dem Design der Cross-Media-Bar der Playstation 3. Von links nach rechts sind alle wichtigen Bestandteile und Optionen übersichtlich aufgereiht. Nach der primären Auswahl wird in maximal zwei weiteren Untermenüs der gewünschte Punkt gefunden.























Wer sich ein paar Credits zusätzlich verdienen möchte, tut dies in etlichen Nebenjobs, zum Beispiel in England bei einem Oldtimer-Treffen oder auf dem Mond. Polyphony Digital lässt den Spieler bei geringer Schwerkraft im Lunar Roving Vehicle LEV-001 Teile des Erdtrabanten erkunden. Ob das Geschehen dort realistisch dargeboten wird, können wir aufgrund fehlender Vor-Ort-Erfahrung nicht bewerten. Einigen Kieseln und Steinen auszuweichen, der Strecke zu folgen und dabei keinen Unfall zu bauen, ist aber kurzweilig.
Auffällig oft nutzen die Entwickler verschiedene Uhrzeiten, um Strecken wie Brands Hatch oder Bathurst in ein neues Licht zu tauchen. Das faszinierende Erlebnis von Sonnenaufgängen oder dynamisch eintretendem Regen haben wir zuletzt in GTR 2 auf dem PC und Le Mans 24h auf dem Sega Dreamcast so gelungen umgesetzt gesehen. Wer sich strikt an den Kampagnenverlauf hält und alle Meisterschaften nacheinander angeht, hat trotzdem nicht das Gefühl, ständig die gleichen Strecken zu sehen. Wir hatten im Test auch jederzeit genügend selbst erspielte finanzielle Mittel, um uns interessante neue Autos leisten zu können.
Grafik, Installation und Ladezeiten
Die Unterscheidung zwischen Premium- und Standard-Autos aus Gran Turismo 5 ist passé. Jetzt sehen alle verfügbaren Wagen aus der Entfernung ansehnlich aus. Vollständig modellierte Cockpits finden sich aber nicht bei allen Fahrzeugen. Viele Autos besitzen nur das polygonarme, schwarze Cockpit, das auch in Gran Turismo 5 über einen Patch eingeführt wurde.
Im Test haben wir bei Autos wie dem Peugeot 106 oder dem Alfa Romeo GT zusätzliche Makel entdeckt. Die Scheibenwischer bestehen bei diesen und einigen anderen früheren Standardautos aus zweidimensionalen Sprites und die Übergänge von Fenstern zum Chassis sind pixelig. Aus der normalen Entfernung sind solche Details nicht sichtbar, erst in den Nahaufnahmen der Wiederholungen kommen sie zum Vorschein.























Apropos Wiederholungen: Polyphony Digital beweist auch in Gran Turismo 6 wieder ein gutes Gespür für wunderschöne Kamerafahrten und interessante Winkel am Streckenrand. Abgesehen von den flirrenden Pixelschatten sind die Replays der Rennen eine technische Meisterleistung auf der Playstation 3 – genauso wie der erneut implementierte Fotomodus.
Den Klang der Motoren, das Quietschen der Reifen oder die dumpfen Kollisionen haben die Entwickler seit dem Vorgänger nicht bearbeitet. In der Außenperspektive klingen einige Modelle zwar gut, aber insgesamt ist die Soundkulisse unspektakulär und langweilig. Die Musikauswahl gefällt uns – eigene Soundtracks dürfen die Autos auf Wunsch ebenfalls übertönen.
Unschöne Grafikfehler
Wie beim Vorgänger flackern auch in Gran Turismo 6 die Schatten deutlich. Zusätzlich poppen sie aus dem Nichts ins Bild, pixelig sind sie manchmal ebenso. Die Positivste, was wir über die Schatten sagen können ist, dass sie in Echtzeit berechnet werden. Die Lichtverhältnisse und Schattenverläufe ändern sich dadurch stetig.
Von den Schatten einmal abgesehen, gefällt uns der Titel optisch generell gut. Erneut liegt das primär an den einzigartigen Spielmomenten, die aktuell nur bei GT6 auf Konsolen geboten werden. Wenn beim Nachtrennen in Silverstone die Lichtkegel der Konkurrenten im Rückspiegel aufblitzen oder die Scheinwerfer des Castrol Jaguar XJR-9 im Replay pink zu glühen scheinen – dann ist Gran Turismo 6 wunderschön.
Das Schadensmodell ist in Teil 6 von Beginn an aktiv. Mehr als ein paar Dellen erleiden die Fahrzeuge aber nicht. Einen Totalschaden konnten wir nicht erzeugen, egal wie schnell wir gegen die Wände oder den Verkehr gerammt sind. Die Schrammen können an einigen Fahrzeugen außerdem zu Grafikfehlern führen, wenn selten die Schrammen über den Lack hinausgehen.
Wer anderen Spielern beim Fahren zusieht, bemerkt schnell, dass GT6 nicht flüssig läuft. Häufig zucken die Objekte und Gebäude am Streckenrand, zuweilen reißen sie wegen fehlender V-Syncs auch auseinander. Wer selbst fährt und sich auf die Strecke konzentriert, bekommt davon glücklicherweise nur wenig mit. Die Entwickler schaffen es trotz dieser Ruckler, ein flüssiges Spielgefühl zu gewährleisten.
Erst lange, dann kürzere Ladezeiten
Wird eine Strecke das erste Mal geladen, installiert sie sich automatisch auf der Festplatte, sofern dort genügend freier Speicher vorhanden ist. Die ersten Ladezeiten sind daher alle sehr lang, danach liegen sie normalerweise unter 30 Sekunden. Eine manuelle Installation aller Inhalte vor dem Spielbeginn ist nicht möglich. Optional können die Installationen auch unterbunden werden.
Online, K.I. und Fahrgefühl
Wer online spielen will, braucht die spielinterne nationale A-Lizenz und den Patch 1.01, der seit dem Verkaufsstart von Gran Turismo 6 erhältlich ist. Der Patch ist 1,2 GByte groß. Ein paar Fehler innerhalb des Spiels behebt er ebenso. Trotzdem sind wir auch mit dem Patch auf Fehler gestoßen. Bei einem Missionsrennen im Lotus Europa Special von 1972 in London ist die Stoßstangenkamera zum Beispiel auf der Höhe eines Doppeldeckerbusses. Einige Male wurden die Soundeffekte von Autos in unserer Nähe nicht ausgegeben.

Beim Ausprobieren des Onlinemodus ist uns die hohe Sprachqualität der Mitstreiter besonders positiv aufgefallen. Außerdem gibt es viele Filtermöglichkeiten und Parameter, die das Suchen und Erstellen von individuellen Events ermöglichen. Wir vermissen jedoch die Möglichkeit, einfach eine der offiziellen Rennserien der Solokampagne mit anderen zu spielen.























Da die künstliche Intelligenz der Fahrer erst gegen Ende der Kampagne beginnt zu funktionieren, spielen sich die Solorennen alle wie Aufholjagden mit Gummibandeffekt. Solange wir keine größeren Unfälle bauen (es gibt in Gran Turismo keine Rückspulfunktion), werden wir in der letzten Runde immer Platz 1 übernehmen und gewinnen. Das klingt zwar langweilig, ist aber nicht trivial, sondern herausfordernd.
Nur Onlinerennen sind echte Rennen
Bessere Rennerfahrungen sammeln Spieler nur im Onlinemodus, der schneller lädt als im Vorgänger und während unserer Testdurchläufe gut funktionierte. Wir waren überrascht, wie viele Lobbys ein angeschlossenes Mikrofon voraussetzen. Spieler ohne Mikrofon wurden regelmäßig gekickt. Ein paar Runden mit Australiern in Bathurst und ein deutscher Sieg in Silverstone gegen vier Engländer waren ein großer Spaß – Probleme oder Verbindungsabbrüche sind nicht aufgetreten.
Interessant war eine Diskussion über das verbesserte Fahrgefühl, die wir online belauschen durften. Während manche überhaupt keine Veränderung bemerken, sind andere begeistert von "vollkommen neuen Möglichkeiten" . Unserer Meinung nach haben die Entwickler das Fahrgefühl angepasst. Besonders auffällig ist das kurz bevor ein Wagen droht auszubrechen, hier sind die GT6-Boliden alle etwas gutmütiger als ihre GT5-Pendants. Allgemein betrachtet fahren sich die Autos aber so wie früher.
Mikrotransaktionen und Fazit
Am linken äußeren Rand des Hauptmenüs findet der Spieler den Ingame-Shop, der zukünftig neue Inhalte anbieten soll. Aktuell bietet Polyphony dort nur den Erwerb von Credits (der Währung im Spiel) gegen echtes Geld an. Die Tauschrate ist ziemlich schlecht, ein Kauf der Credits lohnt sich in gar keinem Fall.























Die späteren Meisterschaften der Solokampagne schütten circa 20 Euro an Gegenwert in Credits aus. Zusätzlich gibt es regelmäßig Autogewinne, um an den meisten Rennen teilzunehmen. Wir konnten uns den schnellsten Straßenwagen, den Bugatti Veyron, problemlos leisten, als wir in der Kampagne bei den Supersportwagen angekommen waren. Wer nicht selbst im Ingame-Shop stöbert, findet die Mikrotransaktionsmöglichkeiten an keiner weiteren Stelle im Spiel. Das macht es leichter, sie zu ignorieren als beispielsweise in Forza 5. Überflüssig und frech ist das bestehende Angebot für einen Cheat aber allemal.

Fazit
Streckenweise schütteln wir fassungslos den Kopf über die enorme Erlebnisvielfalt von Gran Turismo 6: erst mit dem Kart im Neonlicht, danach mit Walter Röhrls Audi durch den Schnee und zum Abschluss auf dem Mond herumfahren. Genauso muss das sein, dieses Rennspiel unterhält und überrascht.
Der recht lineare, aber abwechslungsreiche Kampagnenverlauf motiviert mit der Jagd nach Sternen und Autos. Das neue Hauptmenü ist aufgeräumt, übersichtlich und flott.
Leider ist aber auch die Mängelliste wieder lang: Die Motoren klingen nicht so satt wie bei Konkurrent Forza, das Quietschen der Reifen nervt und ist viel zu laut. Die Grafikfehler bei der Schattendarstellung sind unschön. Die zuckelnden Objekte am Streckenrand, fehlendes V-Sync und einige Programmfehler werden Spieler ebenfalls grämen.
Glücklicherweise wirken sich diese negativen Aspekte nur minimal auf den Fahrspaß aus. Der ist in Gran Turismo 6 so hoch wie noch nie in der Serie – online wie offline. Polyphonys Rennsimulation liefert mit dem wahnwitzigen Umfang, wechselnden Wetterbedingungen und traumhafter Beleuchtung zu jeder Tages- und Nachtzeit mehr als genug Argumente, um einen Kauf zu rechtfertigen.