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GPT, Midjourney, Copilot: Das Leben - powered by Großkonzern

Wie könnte KI unser Leben ruinieren? Wir erzählen eine total ernst gemeinte Geschichte.
/ Oliver Nickel
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Dass wir unser Artikelbild mit KI generieren, ist definitiv keine selbsterfüllende Prophezeihung! (Bild: KI-generiert durch Bing Image Creator/Dall-E)
Dass wir unser Artikelbild mit KI generieren, ist definitiv keine selbsterfüllende Prophezeihung! Bild: KI-generiert durch Bing Image Creator/Dall-E

Elisa hat Langeweile. Fast schon automatisch klappt sie ihren Laptop auf und sucht auf Amazon nach tollen neuen Dingen für ihre Wohnung. Die könnte auch mal wieder neu dekoriert werden. Schon seit einiger Zeit sucht sie im Onlineshop etwa nach einem neuen Raumduft fürs Badezimmer. Der bisherige gefällt den Kindern nicht. Was sie genau möchte, weiß sie allerdings auch nicht. Und auf Eigenrecherche hat Elisa auch keine Lust. Ihr ist eben langweilig.

Deshalb fragt sie Amazons KI-Chatbot: "Was sind die besten Raumdüfte für diesen Sommer?" Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Der Onlineshop präsentiert gleich mehrere Produkte und preist sie in hohen Tönen an. Die Beschreibung für den Duft Zen-Garten hat es ihr besonders angetan. Den hat sie zuvor auch schon auf allen Seiten im Internet und auf personalisierten Litfaßsäulen in der Innenstadt gesehen. "Der ist ja auch durchgängig mit fünf Sternen bewertet und deshalb sicher besonders toll!" , denkt sich Elisa. Ehe sie sich versieht, landet das Produkt im Warenkorb. "Vielen Dank für Ihre Bestellung bei Amazon."

Nebenan sitzt Markus, Elisas Ehemann. Seitdem er entlassen wurde, arbeitet er als Autor. Dafür nutzt er die brandneue Version von GPT, dem führenden Sprachmodell von Microsoft-Tochter OpenAI. GPT-6 hat keine Probleme mehr mit Halluzinationen. Menschen haben sich an das KI-System deshalb so sehr gewöhnt, dass sie dessen Ausgaben blind vertrauen. Das spart natürlich auch Zeit, denn Faktenchecks sind quasi überflüssig und auch ziemlich langweilig.

Mit GPT-6 kann Markus sehr schnell und effizient ganze Texte generieren. Diesmal hat er einen Auftrag von einem chinesischen Hersteller für Raumdüfte bekommen. Der benötigt noch einige Tausend überzeugende Rezensionen für seinen neuen Duft namens Zen-Garten. Er soll ein Gefühl von Entspannung und Wellness im gesamten Heim verbreiten. Markus denkt sich auf Basis dieser Parameter ein paar Prompts aus, die er von Microsoft Copilot generieren lässt. Den Rest erledigt GPT-6 – powered by Microsoft Azure.

Jetzt erst mal: Kaffee holen. In der Küche denkt Markus an die guten alten Zeiten. Als Geschäftsführungsassistenz für einen großen Konzern fühlte er sich wohl. Er hatte natürlich immer viel zu tun und kam eigentlich nie pünktlich nach Hause. Trotzdem liebte er seinen Job, den Trouble und das Verwalten vieler kleiner Aufgaben für seinen Chef.

Leben powered by Microsoft Azure

Das änderte sich mit der Einführung von Copilot-Tools – powered by Microsoft Azure. Sie erleichterten seine Arbeit doch sehr. Anfangs konnte er damit Kalendereinträge erstellen, Mails formatieren und Präsentationen in Windeseile generieren. Markus musste kaum mehr Überstunden machen. Er kam auf einmal pünktlich nach Hause, sehr zur Freude seiner zwei Kinder und seiner Frau. Sein Chef lobte ihn für seine Arbeitseffizienz – es war derselbe Chef, der ihm später auch die Tür nach draußen zeigte.

Nur ein Jahr später wurde Markus ersetzt. Copilot entwickelte sich zu einem autonomen Assistenzsystem, das über Sprachbefehle schnell und einfach Termine eintragen und Präsentationen erstellen konnte, und zwar 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche – powered by Microsoft Azure. Markus und sein Team aus Assistenzkräften wurden nicht mehr gebraucht.

Da kam es genau richtig, dass Amazon ihm einen Halbtagsjob als Prompting-Experte anbot. "Sie wurden gefeuert? Wir stellen Sie ein!" , hieß es in einer Werbeanzeige auf einer Litfaßsäule der Innenstadt. "Da hab ich ja Glück gehabt" , dachte sich Markus. Als Bezahlung erhält er unter anderem Zugriff auf das komplette Copilot-System – powered by Microsoft Azure. Einzelpersonen können sich die KI-Pakete für mehrere Hundert Euro im Monat kaum leisten.

Den Kollegen aus der Softwareentwicklung ging es ähnlich. KI generierte Code eben schneller, mit weniger Kosten und ohne Widerrede auf Wunsch der utopischen Vorstellungen des Managements. Auch mussten sich Geschäftsführungen und Entwicklerteams nicht mehr gegenseitig verstehen. Die KI übersetzt selbst die abstraktesten Konzepte in brauchbare Software. Das hat zumindest Heinrich gesagt, der früher zusammen mit Markus immer zum Mittagessen ging und sich mit ihm über schlechte KI lustig machte. Der Papst in einer Balenciaga-Jacke – zum Totlachen! Aktuell sucht Heinrich nach einem Job. Markus hat lange nichts von ihm gehört.

Auf dem Fernseher in der Küche läuft derweil eine neue Serie mit dem vor einigen Jahren verstorbenen Serienstar William Shatner. Star Travel ist eine Hommage an Star Trek. Die KI-generierte Version von Shatner sieht fast so aus wie der Captain Kirk der 60er Jahre.

Der Amazon-Konzern hat sich die Rechte an Shatners Gesicht gesichert und bringt jede Woche eine neue Folge heraus. Der Twist: Die Drehbücher stammen allesamt von einer KI. "Spock würde sagen: faszinierend" , murmelt Markus schmunzelnd und nimmt einen Schluck frisch gebrühten Kaffees. Währenddessen läuft ein fünfminütiger Werbespot auf Prime Video, der dieses Mal nicht mehr Zen-Garten, sondern diverse andere Raumdüfte bewirbt. "Da hat Elisa mal wieder etwas mit unserem Konto bestellt" , denkt sich Markus.

Von der Küche aus kann der Vater das laute Geplapper eines jüngeren Mannes vernehmen. "Schaut Erik sich schon wieder diese Youtube-Videos von irgendwelchen Taugenichtsen an?" , fragt er sich.

Ich werde Influencer

Auf dem Bildschirm in Eriks Kinderzimmer ist eine digitale Gestalt zu sehen. Der Teenager schaut sich seinen Lieblings-V-Tuber an, der wie ein berühmter Anime-Charakter erscheint. Früher hat sich Erik noch mehr mit echten Menschen auf Youtube beschäftigt. Die sind ihm aber mittlerweile zu unkreativ und langweilig. Denn: Wie cool ist es denn bitte, wenn der Lieblings-V-Tuber die Gestalt der Lieblingsfigur aus dem Lieblings-Game annimmt?

Mittlerweile ist auch nicht mehr klar, ob hinter den virtuellen Avataren echte Menschen oder doch KI-Systeme von Unternehmen stammen. Erik erinnert sich, etwas über eine neue Marketing-KI von Meta gehört zu haben, die Produkte über alle Social-Media-Netzwerke (powered by Meta) vermarkten kann und dabei "wie ein echter Mensch" agieren soll. "So gut ist die KI sicher nicht" , denkt sich Erik und widmet sich wieder seinem Schreibtisch.

Aktuell scheint Erik nämlich abgelenkt zu sein, auch wenn er am liebsten noch eine Runde Fortnite spielen würde. Er muss für morgen noch eine Menge Hausaufgaben erledigen, die er seit zwei Wochen vor sich herschiebt. In der Schule versteht er von Mathematik, Deutsch und Geschichte nicht viel. Die Fächer sind sowas von öde, dass er dort lieber weiter Fortnite spielt – natürlich heimlich unter dem Tisch auf dem Smartphone. Aktuell versucht er, gegen einen einzigen neuen KI-gesteuerten Bot anzutreten. Bisher konnte er ihn nicht besiegen, denn die KI lernt ständig dazu.

Jetzt ist für Erik die Frage: Welche Prompts können an Copilot geschickt werden, um eine möglichst gute Buchrezension zu schreiben? Gelesen hat er den langweiligen Roman natürlich nicht. Warum auch? Durch die Magie der Large Language Models gehört Erik zu den besten Schülern. Schließlich hat er sich einige Prompt-Tricks von seinem Vater abschauen und das ein oder andere Mal auf dessen teures KI-Tool von Microsoft zugreifen können.

Viele seiner Klassenkameraden nutzen ebenfalls KI, sind mit kostenlosen Angeboten aber auf wenige Prompts im Monat beschränkt. Komischerweise fallen die Leistungen stark ab, sobald ein Kind von der Lehrkraft spontan aufgerufen wird. Deshalb schauen die meisten von ihnen auch nach unten, um nicht aufzufallen – dort ist dann strategisch auch das Smartphone gegen die Langeweile platziert.

Manchmal widmet sich Erik dann aber doch seinem zweiten Hobby: dem Malen mit Stift und Papier. Deshalb gilt er auch ein bisschen als Außenseiter. Vielleicht mögen die anderen Kinder ihn auch nicht, weil er als einziger einen Vorteil durch seinen Zugriff auf teure KI-Systeme hat. Vermutlich ist es ein bisschen von beidem.

Gerade als Erik GPT befragen will, welche Prompts am besten für eine Buchrezension genutzt werden können, schallt es durch die Wand: "Mach doch mal diesen whacken Scheiß aus, ich will ein Tiktok aufnehmen!" Maries Stimme ist durchdringend und laut. Sie ist Eriks ältere Schwester. Wenn sich die beiden überhaupt leiden können, dann zeigen sie es nicht öffentlich.

Fake, echt – wen interessiert das schon?

In Maries Augen ist Erik einfach nur ein Loser. Er sollte sich lieber mal um seine Follower auf Insta und Tiktok kümmern. Stattdessen beschäftigt er sich mit Malen und Zeichnen: Sowas von oldschool! Wozu selbst zeichnen, wenn man dazu auch das neue Midjourney-Tool nutzen kann?

Marie betrachtet sich in ihrer Selfie-Kamera und macht sich schick: Sie will den neuen KI-gestützten Körperfilter ausprobieren. Der sieht so schön natürlich aus, wenn er an den richtigen Stellen am Körper nachbessert. "Früher sah das einfach nur lächerlich schlecht aus" , denkt sich die 19-Jährige, die sich selbst als Influencerin sieht. Mittlerweile kann sie sich ihren Wunschkörper selbst zusammenstellen und dann auf Knopfdruck digital generieren lassen. Das funktioniert allerdings nur mit dem teuren Premium-Paket von Copilot. Praktisch, dass Daddy hier vollen Zugriff hat.

Sie erinnert sich an die Geschichten ihrer Mutter Elisa. Die war früher Grafikdesignerin für ein Magazin mit Fokus auf Innenarchitektur. Später übernahm ein Bildgenerator (powered by Microsoft Azure) ihren Job. "Tja, hätte sie mal nicht ihre Zeit mit dem Lernen von Photoshop und anderer Boomer-Software verschwendet," denkt sich Marie.

Aktuell versucht Elisa sich als selbstständige Künstlerin. Sie verkauft ihre Produkte an Unternehmen wie Microsoft und Amazon, die ihre KI dann damit anreichern können. Es sind die gleichen KI-Programme, die sie einst arbeitslos machten.

Kurz darauf lächelt Marie erst mal für ihre neue Insta-Story in die Kamera. Danach fängt sie in einem hörbar schiefen Ton an zu singen. Macht nichts: Auf dem neuen Smartphone kann Marie ihre Stimme mit Microsofts teurer Copilot-KI so verändern, dass sie engelsgleiche Töne von sich gibt. Das Ganze ist die 1.399,99 Euro im Monat total wert. "Gut, dass sie den Preis bald auf 2.399,99 Euro pro Monat anheben. Dann habe ich weniger Konkurrenz!" , sagt Marie leise zu sich selbst – wohl wissend, dass sie für das Paket keinen Cent bezahlt.

Die Teenagerin stellt sich deshalb mit ihrem Vater besonders gut, obwohl sie ihn aktuell gar nicht ausstehen kann. Er ist ein Grund dafür, warum Amazon-Rezensionen nicht mehr vertraut werden kann. Die Toleranz ihrem Vater gegenüber sieht sie als Investition in die Zukunft.

Noch hat sie auf sozialen Medien zwar nur wenige Hundert Follower. Doch jede berühmte Person hat schließlich mal klein angefangen. Es ist nur nicht mehr so leicht, aus der Masse herauszustechen. Zudem buchen immer mehr Unternehmen vollständig digitale Models für Werbezwecke. Die sind eben günstig und rund um die Uhr aktiv. Wer braucht da noch echte Menschen?

Auf einmal klingelt es am Fenster. Draußen wartet eine Postdrohne auf den Einlass. "Botschaft für Markus Meier" , sagt die Drohne über kleine Lautsprecher. "Wir informieren Sie hiermit, dass ihr Geschäftsverhältnis mit Amazon terminiert und Zugriff auf alle Dienste damit gesperrt wurde. Grund: Ihre Arbeitsleistung entspricht nicht unseren vorberechneten Parametern. Amazon wünscht ihnen weiterhin Erfolg im Leben!"

Kurz darauf spielt die gleiche Drohne über ein integriertes Display einen Werbespot ab. "Haben Sie schon den neuen Raumduft Maison de Provence ausprobiert? Kaufen Sie dieses und andere mit fünf Sternen bewertete Produkte auf Amazon.de."


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