Googles VR-Expeditions: Cardboards müssen an die Schulen!

"Ein Gramm Erfahrung ist besser als eine Tonne Theorie" , antwortete mir mal meine Chemie-Lehrerin auf die Frage, warum wir einfachste Versuche wie das Lösen von Kochsalz in Wasser durchführten. Das berühmte Zitat des amerikanischen Pädagogen John Dewey (1859) hat ihren Unterricht geprägt – jedenfalls fast immer. Und auch Google glaubt an Anschaulichkeit im Unterricht: Eher am Rande hat es auf der Keynote der Google I/O die Plattform VR-Expeditions(öffnet im neuen Fenster) gezeigt, die Lehrern ermöglicht, eine kleine Forschungsreise mit den Schülern zu unternehmen.
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Nur Googles braune Papphalterung Cardboard und ein passendes Smartphone werden dazu gebraucht – kein gemieteter Bus und übermotivierte Eltern, die den Kurs begleiten, nur um einen historischen Ort zu besichtigen.
Wandertag im Klassenzimmer
Ein wenig neidisch bin ich jetzt schon auf die Schüler, denen mit Virtual Reality Unterrichtsinhalte nähergebracht werden. Denn wenn mir in den vergangenen zwölf Schuljahren im Unterricht langweilig war, dann vor allem durch eines: fehlende Anschaulichkeit.
Und genau das ist, was Virtual Reality so gut kann: Dinge veranschaulichen. Das können abstrakte Dinge wie komplexe Moleküle im Chemie-Unterricht sein, deren räumliche Struktur auch mit Grafiken nur schwer nachvollziehbar ist. Oder historische Orte, an die wir mit Expeditions ohne viel Aufwand hätten reisen können, etwa der Spiegelsaal von Versailles, dessen herrschaftliche Gestaltung ich nur durch eine sehr blasse Projektion vom Klassenbeamer kenne.
Natürlich wäre ein tatsächlicher Besuch des Schlosses von Versailles eindrucksvoller als der virtuelle Besuch, nur fahren Schulklassen maximal ein mal pro Jahr irgendwohin – falls überhaupt. Ein virtueller Ausflug wäre da nicht nur kostengünstiger, sondern auch für die meisten Lehrer nervenschonender.
Keine große Investition
Und die benötigten Smartphones sollten zumindest in Deutschland kein Problem sein: Nach dem Bring-your-own-Device-(BYOD-)(öffnet im neuen Fenster) Prinzip können die Geräte der Schüler verwendet werden. Ich kenne zumindest in der Oberschule (in Berlin nach der 6.Klasse) keinen, der nicht ein Smartphone immer bei sich hat. Und sollte es doch kein passendes Android- oder iOS-Gerät sein, so ließe sich mindestens ein halber Klassensatz organisieren, so dass sich die Schüler bei der Nutzung abwechseln könnten – es ist üblich, dass sich Schüler im Unterricht etwa Notebooks teilen.
Die Pappen mit den Linsen wären für die Schule keine große Investition – verschiedene Firmen bieten Nachbauten für rund 10 Euro pro Stück an. Damit die Schüler nicht ihr Lieblingsspiel den Mitschülern zeigen, statt den Spiegelsaal zu betrachten, ermöglicht Google in Expeditions, ein Lehrergerät einzustellen, das die Inhalte mit den anderen synchronisiert.
Lehrer und Verlage, erkennt das Potenzial!
Jetzt muss den Lehrern nur noch das Potenzial von Virtual Reality nähergebracht werden. Und den großen Schulbuchverlagen, um Inhalte zur Verfügung zu stellen. Diese sperrten sich bereits beim Einsatz von Tablets und Notebooks im Unterricht und entwickelten keine entsprechenden Apps. Ein digitales Schulbuch kenne ich nur als Konzeptstudie, nicht aus dem Unterricht. Kein Wunder, würden sie nämlich Inhalte für Tablets produzieren, würden weniger Schulbücher verkauft werden – gewissermaßen ihr Kerngeschäft.
Und auch an anderen Schulen scheint das so: Freunde nutzten in sogenannten Medienklassen regelmäßig Tablets, doch da es keine entsprechenden Inhalte für diese gab, unterschied sich der Unterricht kaum. Statt auf Papier, wurde auf dem Gerät geschrieben, was deutlich länger dauerte, so dass relativ schnell wieder auf Papier gewechselt wurde und die Tablets seitdem irgendwo verstauben.
Virtual Reality dürfte es hier leichter haben, denn Schulbücher wird die Technik so schnell nicht ersetzen, eher erweitern. Die Schüler jedenfalls werden die neue Technik dankbar annehmen. Da ich weiß, wie selten es leider Abwechslung im Unterricht gibt, wünsche ich Ihnen, dass Googles Cardboards es so schnell wie möglich an deutsche Schulen schaffen – mich wird es leider nicht betreffen, mit der Schule bin ich quasi fertig.
Sebastian Wochnik ist 18 Jahre alt und arbeitet seit mehreren Jahren bei Golem.de. Er macht gerade sein Abitur an einem Berliner Gymnasium.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)