Google Glass: Die Datenbrille zum Absetzen

Ich fühle mich wie ein Abenteurer, als meine Google Glass in Version 2.0 ankommt. Fast wie einer der tollen Typen in den Promovideos von Google, die mit dem Ballon fliegen oder ein Sportflugzeug lenken. Die Brille wird meinen Alltag nicht automatisch so aufregend machen wie in der Werbung, das weiß ich. Aber wird sie ihn verändern?
Glass als Flirthilfe? Eher nicht.
Die Glass begleitet mich zuerst auf eine nächtliche Kneipentour. Ich merke sofort, dass die Brille ein Blickfang ist. "Lässt du mich die Brille einmal aufsetzen und ausprobieren?" , wird zum Standardspruch an diesem Abend. Beim Ausprobieren bemerken die Leute, wie man durch Augenzwinkern Fotos schießen kann. "Wie erkennt man von außen, ob ich dich jetzt fotografiere?" fragen sie dann. Ich kann nur mit den Achseln zucken: "Gar nicht."

Viele drücken mir die Brille in die Hand, murmeln etwas von "Irre" oder "Spanner" . Die anderen beginnen mit mir eine Diskussion über Privatsphäre und Moral, was für die Partystimmung in einer Samstagnacht bestenfalls als suboptimal bezeichnet werden kann. Am liebsten würde ich die Brille absetzen.
Der größte Fan von Google Glass an diesem Abend ist der Lokalbetreiber, der mir Programmieraufträge dafür erteilen will - eine Gesichtserkennungssoftware als Unterstützung für Türsteher, eine Verrechnungsoption für Barkeeper und eine Flirthilfe für Stammgäste, mit der digitale Getränkegutscheine versendet werden können.
Ein Problem in dieser Nacht: Was soll ich mit der Google Glass machen, wenn ich auf der Toilette bin? Sie unbeaufsichtigt auf den Tisch legen oder einer wildfremden Person anvertrauen? Ich behalte sie auf, während ich an der überfüllten Pissoir-Wand stehe. Die Linse hat alle im Fokus und keiner weiß, ob die Kamera nicht doch aktiv ist. Bevor die Situation eskaliert, verlasse ich die Disco.
Neue Perspektiven im Job? Aussichtslos.
An der Universität oder bei der Arbeit ist der Mehrwert der Datenbrille - mangels geeigneter Glassware - bis auf die Foto- und Notizfunktion kaum vorhanden. Die Fotofunktion erspart es mir, größere mathematische Berechnungen mit der Hand abzuschreiben. Selbiges könnte ich zwar mit einem Smartphone auch abfotografieren, aber es wirkt eben lässiger, wenn man das mit einem Augenzwinkern erledigen kann.
Besser wäre eine Glassware, die mathematische Aufgabenstellungen erkennt, wenn man mit der Kamera auf einen Zettel blickt. Eine Texterkennung, welche die extrahierte Formel direkt an Wolfram Alpha weiterleitet und mir das Endergebnis im Sichtfeld einblendet, würde manchem Mathematik-Allergiker schlaflose Nächte ersparen.

In den Univorlesungen werde ich von allen Seiten angesprochen. Ich soll erzählen, wie das so ist mit der Brille. Welche Erfahrungen ich gemacht habe. Weil ich den Vorlesungen so nicht mehr folgen kann, setze ich auch hier die Google Glass lieber ab und meine normale Brille auf.
Glass in der Öffentlichkeit? Nein, danke.
Problematisch ist für mich die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel mit der Google Glass. Wenn ich mit aufgesetzter Brille einem fremden Menschen gegenübersitze, bin ich emotional angespannt. Im besten Fall erhalte ich einen vorwurfsvollen Blick. Im schlimmsten Fall wird dieser Vorwurf auch ausgesprochen: "Die Kamera filmt jetzt hoffentlich nicht, oder?" Anstatt Augenkontakt mit Mitreisenden zu meiden und lethargisch aus dem Fenster zu starren, gewöhne ich mir an, auch hier die Brille abzunehmen.
Ins Kino komme ich gar nicht erst hinein mit der Brille. Ein FBI-Verhör, wie es einem US-Glass-Explorer widerfahren ist , bleibt mir erspart, denn der Kartenkontrolleur lässt mich gar nicht erst rein. Da mir die Google Glass dank angepasster Brillengläser in meiner Sehstärke als Alltagsbrille dient und ich keine Ersatzbrille dabeihabe, wird mir der Kartenpreis rückerstattet.

Für den Einsatz bei meinem Karatetraining ist die Datenbrille bedingt geeignet. Mit einer passenden Glassware könnte eine Kampfszene zu Trainingszwecken zwar gut visualisiert werden - passende Sensorunterstützung inklusive. Für spannende Kurzvideos im Kampftraining ist mir die Gefahr, die Brille zu beschädigen, aber viel zu hoch.
Ohne Gesichtserkennung läuft nichts
In meiner Freizeit habe ich ständig kleine Programmideen, die mir den Alltag erleichtern könnten. Dazu gehören zum Beispiel Rezeptvorschläge zu Supermarktangeboten, die mir fehlende Zutaten - synchronisiert mit meinem Kühlschrankinhalt - liefern. Oder eine Informationssoftware für Menschen, die mich auf der Straße grüßen, an die ich mich aber nicht erinnere. Hilfreich wäre es, wenn der Name, das Datum des letzten Treffens und das letzte Diskussionsthema eingeblendet würden.
Mir wird klar: Die Mehrzahl dieser Ideen benötigt eine Gesichtserkennung - die Google nicht integrieren will. Als Softwareentwickler weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie man ohne Gesichtserkennung einen sinnvollen Funktionsumfang garantieren will. Den Sinn in Verlegenheitslösungen wie QR-Codes oder dergleichen sehe ich nicht.
Ein Abenteuer, das sich lohnt?
Das anfängliche Hochgefühl und ein nervöses Kribbeln in der Magengegend sind mir auch jetzt, nach einem Monat intensiver Nutzung, noch immer geblieben, wenn ich mit der Google Glass das Haus verlasse. Ihr effektiver Nutzen ist auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich und es gibt Situationen, in denen die Brille keine Hilfe, sondern eine Belastung ist. Ich setze sie im Moment viel lieber ab als auf.
Doch jedes Mal, wenn ich eine neue Idee für eine simple, nützliche Glassware habe, die mir den Alltag erleichtern würde, werde ich das Gefühl nicht los: "Das ist es wert."
Christopher Tafeit ist Softwarentwickler. Unter glassinaustria.blogspot.de(öffnet im neuen Fenster) schreibt er darüber, wie Google Glass seinen Alltag beeinflusst.



