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Gnome 3.8 im Test: Alt und Neu passt nur schwer zusammen

Statt des 2D-Ausweichmodus pflegt das Gnome-Team nun einen Classic-Modus mit Erweiterungen. Mit der Gnome-Shell unzufriedene Nutzer wird das wohl nicht überzeugen können. Kleine Verbesserungen und Designänderungen machen die Gnome-Shell aber konsistenter.
/ Sebastian Grüner
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Gnome wieder mit Hauptmenü (Bild: Screenshot Golem.de)
Gnome wieder mit Hauptmenü Bild: Screenshot Golem.de

Zur Darstellung der Gnome-Shell wird ein System mit 3D-Beschleunigung vorausgesetzt. Bisher bot das Gnome-Team auch einen 2D-Ausweichmodus an, der mit der Veröffentlichung von Gnome 3.8 aber nicht weiter gepflegt wird. Stattdessen kümmern sich die Entwickler nun offiziell um einige wenige Gnome-Shell-Erweiterungen , die an das Bedienungskonzept von Gnome 2 angelehnt sind.

Da die Erweiterungen aber auch 3D-beschleunigt angezeigt werden, muss die Grafikberechnung auf Hardware, die dies nicht unterstützt, von der CPU via Llvmpipe vorgenommen werden. Um besonders schwache Prozessoren dabei nicht zu stark zu belasten, wird in der Gnome-Classic-Session weitgehend auf CSS-Animationen und -Transitions verzichtet.

Neues in altem Gewand

Die Classic-Session kann beim Login ausgewählt werden und startet die angepasste Gnome-Shell mit besagten Erweiterungen. In unserem Test mit Opensuse 12.3 gelang dies jedoch nicht auf Anhieb und so mussten wir den Classic-Modus aus der laufenden Sitzung heraus starten. Dazu genügt der Befehl " gnome-shell -r – -mode=classic ".

Die neue Oberfläche wirkt auf den ersten Blick tatsächlich wie Gnome 2.32. Die Uhr befindet sich beispielsweise wieder auf der rechten Seite in der oberen Leiste. Links sind das Anwendungsmenü sowie der Schnellzugriff für verschiedene Ordner. Der Fensterwechsler (Alt+Tab) wechselt wieder zwischen Fenstern und gruppiert diese nicht nach Anwendungen und die Fenster selbst haben wieder Knöpfe zum Minimieren und Maximieren.

Zwei in einem

Die von vielen Gnome-Nutzern gewünschten alten Funktionen als Erweiterungen für die Gnome-Shell nachzurüsten, hat für die Entwickler den Vorteil, dass sie weniger Code pflegen müssen. Daraus ergibt sich aber auch, dass der Classic-Modus eher ein Mischwesen statt ein vollwertiger Desktop ist.

So befindet sich am unteren Bildschirmrand etwa eine Fensterleiste, diese hat aber kaum Funktionen. Ein Rechtsklick auf eine der Anwendungen in der Leiste zum Beispiel bewirkt nichts. Nutzer müssen stattdessen das sogenannte GMenu der Programme in der oberen Leiste benutzen.

Zudem überdecken Benachrichtigungen die Fensterleiste, statt versetzt darüber zu erscheinen, was die Arbeit mit der Leiste kurz verhindert. Letztlich ist auch die Aktivitätenansicht aus dem Classic-Modus erreichbar und Dialoge wie Passworteingaben werden im schwarzen Design der Gnome-Shell dargestellt, was zu einem inkonsistenten Aussehen führt.

Verbesserte Suche und Systemeinstellungen

An der Aktivitätenübersicht haben die Entwickler einige Detailverbesserungen vorgenommen. So kann die Anwendungsübersicht häufig genutzte Programme auflisten. Außerdem werden die Fenster in der Übersicht etwas anders sortiert, was die Auswahl eines einzelnen Fensters vereinfachen soll.

Die größte Änderung in den Aktivitäten hat wohl die Suche erfahren. Diese zeigt nun Ergebnisse jeder installierten Anwendung an, die die Suche unterstützt, und die Suchergebnisse werden nach Anwendungen gruppiert angezeigt. Über ein Modul in den Systemeinstellungen lässt sich das Verhalten der Suche für jede einzelne Anwendung konfigurieren sowie deren Reihenfolge für die Anzeige festlegen.

Einstellungen

Die Entwickler haben auch ein Modul für die Privatsphäre erstellt. Doch da die Gnome-Shell anders als Ubuntus Unity keine Informationen oder Suchanfragen über das Web versendet, beschränken sich die Einstellungen auf lokale Ereignisse.

So lässt sich etwa festlegen, dass in der Bildschirmsperre keine Benachrichtigungen mehr angezeigt werden. Ebenso können Anwender bestimmen, ob temporäre Dateien gelöscht werden sollen und nach wie viel Tagen dies geschehen soll.

Ebenfalls neu ist das Modul für die Systembenachrichtigungen. Darin kann für jede Anwendung einzeln konfiguriert werden, ob Nachrichten angezeigt werden sollen oder nicht. Das Aussehen für die Module Netzwerk, Leistung sowie Region und Sprache hat das Team dem Designkonzept angepasst. So werden die entsprechenden Optionen mittig und einzeln untereinander aufgeführt, die bisher verwendeten Tabs sind verschwunden.

Owncloud-Integration

Die mit Gnome 3.2 eingeführte zentrale Verwaltung von Onlinekonten ist mit Gnome 3.8 um den Owncloud-Dienst erweitert worden. Für eine Integration reicht es aus, in dem entsprechenden Menü Serveradresse, Name und Passwort einzugeben und schon lässt sich über Evolution auf Kalender und Kontakte zugreifen. Die in Owncloud gespeicherten Dateien sind zum Beispiel über Nautilus erreichbar.

Die Einrichtung ist im Vergleich zu den KDE-Plasma-Desktops spielend leicht. Mit den Webaccounts(öffnet im neuen Fenster) existiert zwar schon seit längerem eine ähnliche KDE-Anwendung zum Einrichten der Onlinedienste, diese befindet sich aber noch in Entwicklung, weshalb die Integration der Owncloud-Dienste unter Plasma unnötig schwierig ist und für verschiedene Dienste einzeln vorgenommen werden muss.

Bereits seit dem Erscheinen der Onlinekonten konnten Nutzer auf die Google-Dienste zugreifen. So wurden etwa auch die in Drive abgelegten Dateien in der Dokumentenanwendung angezeigt. Mit Gnome 3.8 ermöglichen es die Entwickler, die Google-Dokumente direkt zu bearbeiten, ohne den Browser starten zu müssen.

Gnome-Apps und Fazit

Der Browser Epiphany basiert nun auf Webkit2, der Port auf das neue Framework beanspruchte zwei Jahre. Einer der größten Vorteile von Webkit2 ist, dass der Webinhalt in einem anderen Prozess läuft als die GUI des Browsers. Stürzt eine Seite oder ein Plugin ab, wird Epiphany künftig also nicht mehr mitgerissen.

Darüber hinaus hat der Browser wie viele andere auch einen Inkognito-Modus erhalten. Auch die Kontrollelemente zur Anzeige von HTML5-Medien wurden überarbeitet. Ein neuer Tab lässt sich ab sofort auch über einen Knopf in der Toolbar starten.

Neue Gnome-Apps

Unter dem Begriff Gnome-Apps(öffnet im neuen Fenster) entwickelt das Team Anwendungen für die Gnome-Shell, die fest in das Desktopkonzept integriert sind und in einem kohärenten Design erstellt werden. Dazu zählt die Anwendung Uhren, mit der sich unter anderem verschiedene Zeitzonen darstellen lassen sowie eine Stoppuhr oder ein Timer. Die Anzeige mehrerer Zeitzonen hätte unserer Meinung nach aber besser in die Uhr im oberen Panel integriert werden sollen.

Eine weitere neue App zeigt das Wetter für verschiedene Orte weltweit. Die Anwendung wirkt jedoch noch etwas unausgereift, so funktioniert die Suche nach Orten manchmal noch nicht richtig. Das liegt höchstwahrscheinlich daran, dass bisher nur auf die Daten des Norwegischen Meteorologischen Instituts zugegriffen wird. Weitere Anbieter von Wetterdaten lassen sich nicht hinzufügen.

Fazit

Die Gnome-Classic-Oberfläche ist ein Zugeständnis der Entwickler an diejenigen Nutzer, die die Gnome-Shell verschmäht und bisher den Fallback-Modus oder die Oberflächen Cinnamon und Mate genutzt haben. Überzeugt hat uns die Integration der Erweiterungen in eine eigene Sitzung aber nicht. Denn die Bedienung fühlt sich nicht wie ein konsistenter Desktop an, sondern nur wie eine schnell zusammengeschusterte Zwischenlösung. Vor allem weil einige aus Gnome 2.32 bekannte Funktionen noch fehlen.

Für Nutzer langsamer oder nicht 3D-beschleunigter Hardware ist der Classic-Modus außerdem nur bedingt empfehlenswert. Auf einem Netbook mit Intel Atom N450 etwa ist kaum ein Leistungsunterschied zwischen Gnome-Shell und Classic-Modus zu spüren, beide verhalten sich gleich langsam.

Die problemlose Integration eines Owncloud-Accounts hingegen hat uns dagegen sehr gut gefallen. Ebenso die Idee, die Google-Anbindung in der Dokumenten-App so zu verändern, dass die Google-Docs direkt bearbeitet werden können.

Dass die Anzahl der Gnome-Apps stetig anwächst und dadurch das Konzept der Gnome-Shell konsequent umgesetzt wird, verbessert die Nutzung des Desktops. Komplexere Anwendungen wie etwa eine Fotoverwaltung oder ein Musikplayer fehlen jedoch bislang.

Weitere Neuerungen finden sich in der offiziellen Ankündigung(öffnet im neuen Fenster) . Der Quellcode von Gnome 3.8(öffnet im neuen Fenster) ist aufgeteilt in Kernbestandteile und Apps über die FTP-Server des Projekts verfügbar. Binärpakete für verschiedene Distributionen sollten demnächst folgen.


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