Glasses ausprobiert: Rokid bringt KI-Brille mit offenem Ökosystem nach Europa
Das chinesische Unternehmen Rokid(öffnet im neuen Fenster) hat bei einer Veranstaltung in München seinen offiziellen Markteintritt in weiten Teilen von Europa angekündigt und dabei seine aktuellen KI-Brillen vorgestellt.
Im Mittelpunkt standen zwei Produktlinien: die Rokid Glasses mit eingebautem AR-Display sowie die Rokid AI Glasses Neo, die ohne Anzeige auskommen und somit auf Sprache, Audio und Kamera setzen. Die Glasses mit Display sind in einigen Regionen schon etwas länger erhältich, die Neo-Variante ist vollständig neu.
Bemerkenswert ist nicht nur die Hardware, sondern Rokids Plattformansatz. Das Unternehmen spricht von einem offenen KI-Ökosystem, in dem Nutzer nicht an ein einzelnes Modell oder einen bestimmten Anbieter gebunden sein sollen. Stattdessen unterstützt Rokid mehrere große Sprachmodelle, darunter ChatGPT und Gemini.
Für Entwickler stehen SDKs bereit – sowohl für Anwendungen direkt auf der Brille als auch für mobile, gekoppelte Szenarien. Ergänzend kündigt Rokid eine No-Code-Plattform namens Rise an, über die sich Anwendungen per natürlicher Sprache erstellen lassen sollen.
Auch die Anbindung an offene Plattformen wie OpenClaw wurde betont: Die Brille fungiert dabei als Sensor-Hub, der Kamera, Mikrofone und Kontextdaten mit Smartphone, Cloud oder Smart-Home-Systemen verknüpft.
Einfach eine ordentliche Brille
Damit positioniert Rokid die Brillen als Plattform für KI-Anwendungen fast aller Art. Nach eigenen Angaben gibt es weltweit bereits rund 30.000 registrierte Entwickler und 5.000 Enterprise-Partner – ein wichtiger Punkt, weil genau hier viele frühere AR-Ansätze gescheitert sind.
Im Hands-on zeigte sich zunächst ein überraschend bodenständiger Eindruck. Die Rokid Glasses sind mit rund 49 Gramm deutlich leichter als viele andere AR-Brillen und fühlen sich eher wie eine normale Brille an. Der Rahmen besteht aus einer Magnesium-Aluminium-Konstruktion, die Stabilität bei geringem Gewicht liefern soll.
Der zentrale Bestandteil ist das Display. Rokid setzt auf ein Dual-Eye-Micro-LED-System mit Waveguide-Optik, das Inhalte mit einer Auflösung von 640 × 480 Pixeln pro Auge und einem Sichtfeld von rund 30 Grad einblendet.
Der Text erscheint grün-monochrom und wirkt, als würde er mehrere Meter vor dem Nutzer schweben – ein Effekt, die Augen entlasten soll. Uns erinnerte das Ganze übrigens ein bisschen an die Matrix-Filme, wegen der Farbe und wegen der sehr technischen Aufbereitung etwa des Schriftbildes.
Die Helligkeit von bis zu 1.500 Nits sorgt dafür, dass Inhalte auch bei Tageslicht gut lesbar sind. Wir hatten jedenfalls auch beim Blick aus dem Fenster ins Gegenlicht keine Probleme beim Erkennen der Texte oder sonstige Informationen.
Allerdings zeigt sich beim Hands-on auch eine Einschränkung: Die Lesbarkeit hängt stark vom besseren Auge ab. Hat ein Auge Probleme mit der Nahsicht, wird das Bild unschärfer, auch wenn das Gehirn vieles ausgleicht.
Die Rokid Glasses unterstützen Korrekturgläser, und zwar über ein magnetisches Clip-in-System. Dabei werden individuelle Sehstärken als zusätzliche Linsen in die Brille eingesetzt, ohne dass man eine separate AR-Version mit eigener Stärke kaufen muss.
Rokid Glasses: Verfügbarkeit und Preis
Technisch ist das so umgesetzt, dass die Korrekturlinsen möglichst nah an die eigentliche Optik rücken, um Verzerrungen zu vermeiden. Rokid spricht von einem sehr kleinen Luftspalt zwischen Displayoptik und Sehlinse, was die Bildqualität stabil halten soll.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Kamera. Rokid verbaut einen 12-Megapixel-Sensor (Sony IMX681), der Fotos in 4K sowie Videos bis zu 3K bei 30 fps aufnimmt.
Im Gegensatz zu vielen Konkurrenzlösungen sind auch längere Clips von bis zu rund zehn Minuten möglich. Die Bedienung erfolgt per Taste oder Sprachbefehl ("Hi Rokid"), was gerade bei Freihand-Szenarien sinnvoll ist.
Besonders vielversprechend fanden wir beim Ausprobieren die Navigation. Statt nur einfacher Pfeile blendet die Brille eine reduzierte, aber gut verständliche Darstellung der Umgebung ein. Richtungshinweise erscheinen im Sichtfeld, ohne dass man aufs Smartphone schauen muss – ein Vorteil gegenüber klassischen Karten-Apps, sofern es langfristig in der Praxis nicht doch irritiert.
Auch eine Übersetzungsfunktion gehört zu den Kernfeatures. Rokid spricht von Echtzeitübersetzungen in bis zu 89 Sprachen mit einer Latenz von etwa 300 Millisekunden. Im Hands-on ließ sich das nur kurz ausprobieren, doch die Kombination aus Audioaufnahme und direkt eingeblendeten Texten wirkt grundsätzlich schlüssig.
Angaben zur Akku-Laufzeit
Technisch setzt Rokid auf eine Dual-Chip-Architektur. Für rechenintensive Aufgaben wie Bildverarbeitung kommt ein Snapdragon AR1 zum Einsatz, während ein stromsparender NXP-Chip Always-on-Funktionen wie Sprachaktivierung übernimmt. Dazu kommen 2 GB RAM und 32 GB interner Speicher sowie Funkstandards wie Wi-Fi 6 und Bluetooth 5.3.
In der Brille selbst steckt ein vergleichsweise kleiner Akku mit rund 210 mAh, ergänzt durch ein Ladecase mit etwa 3.000 mAh, das laut Hersteller bis zu zehn vollständige Nachladungen ermöglicht. Realistisch sind laut Angaben etwa zwei Stunden Dauerübersetzung, rund vier Stunden Telefonie oder bis zu sechs Stunden Musikwiedergabe.
Eine nette Idee sind die Capsules: So heißen Zusatzakkus, die man am hinteren Ende der Bügel befestigen kann und die den eigentlichen Akku der Brille beim Tragen kabellos aufladen (so ähnlich wie Magsafe bei Handys).
Beim Audio hinterlassen die Brillen einen soliden Eindruck. Die Open-Ear-Lautsprecher liefern verständlichen Klang für Gespräche und Medien, unterstützt von einem Vier-Mikrofon-Array mit Beamforming zur gezielten Sprachaufnahme. Auch Musik klang unserem ersten Eindruck nach erstaunlich gut, allerdings fehlte uns hier ein Vergleich mit anderen Kopfhörern.
Die Rokid Glasses sollen regulär 700 Euro kosten. Zum Marktstart gibt es zeitlich begrenzte Angebote: Vom 4. bis 12. Mai nennt Rokid 570 Euro inklusive Power Capsule, danach 590 Euro bis Ende Mai 2026. Die displaylose Rokid AI Glasses Neo wird für 450 Euro angekündigt.
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