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Ghost of Yotei im Test: Kleiner Wolf, großer Rachefeldzug

Ghost of Yotei verbindet packende Kämpfe mit einer emotionalen Rachegeschichte und einer stimmungsvollen offenen Welt (derzeit nur PS5).
/ Peter Steinlechner
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Artwork von Ghost of Yotei (Bild: Sony)
Artwork von Ghost of Yotei Bild: Sony

Ein eisiger Wind weht, der kleine Wolf hebt sein Schwert, und Rache fließt im Blut: Mit diesem Haiku – einem traditionellen japanischen Reim – lassen sich die Abenteuer von Atsu zusammenfassen, der Heldin in Ghost of Yotei.

Gleich in den ersten Szenen spüren wir die Kälte Nordjapans und die Wucht der Gewalt, die das Schicksal von Atsu (Spitzname: kleiner Wolf) im 300 Jahre nach Ghost of Tsushima angesiedelten neuen Actionspiel bestimmt.

Bereits das erste große Duell gegen die Schlange – einem Mitglied der feindlichen Gruppierung Yotei-Sechs – zeigt, dass das zu Sony gehörende Entwicklerstudio Sucker Punch(öffnet im neuen Fenster) keine Zeit verlieren wollte.

Während Jin in Ghost of Tsushima langsam an seine Rolle als Verteidiger herangeführt wurde, werden wir mit Atsu unmittelbar in eine Rachegeschichte gestoßen.

Die Wucht dieser Eröffnung ist so stark, dass die ersten 30 Minuten mehr emotionale Kraft entfalten als Tsushima – und übrigens auch mehr als die gesamte Kampagne von dem ebenfalls im historischen Japan angesiedelten Assassin's Creed Shadows.

Trotz ernster Story erlaubt sich Ghost of Yotei immer wieder augenzwinkernde Momente: In einem Gasthaus kommt es zum Streit mit einem Hünen, der Atsu kurzerhand hinauswirft.

Die Inszenierung erinnert deutlich an Schlägereien in Western-Filmen. Solche Szenen verleihen dem Drama eine gewisse Leichtigkeit, die durchaus guttut.

Die offene Welt von Yotei ist ungefähr so groß wie die von Tsushima, wirkt aber vielfältiger. Der Auftakt führt über eine weitläufige Ebene von den Shirahige-Wasserfällen bis zum Jozan-See, der mächtige Vulkan Yotei thront im Hintergrund.

Später öffnet sich der Weg über einen Pass in die Ishikari-Ebene, mit neuen Klimazonen, verschneiten Landschaften und mythischen Anklängen. Spielerische Freiheit ist das Leitmotiv: Gerüchte über Oni oder Kitsune führen uns mit Atsu in Regionen, die jeweils eigene Gegnertypen und Fähigkeiten bereithalten.

Atsu hält ihre Entdeckungen auf der Übersichtskarte fest, während parallel ihr Ruf als Onryo (Rachegeist) wächst – und damit das Kopfgeld, das gefährliche Jäger anzieht.

Mit Angaben über den Umfang tun wir uns schwer, weil es keine Informationen zur absolvierten Dauer gibt. Mit vielen Nebenaufgaben sind wir geschätzt auf 60 bis 80 Stunden gekommen.

Lagerplätze und das sogenannte Wolf-Pack-System ersetzen das klassische Quest- und Menümanagement. Händler, Sensei oder Gefährten treffen sich an den Camps, bieten Upgrades, Waffenlehren und besondere Ausrüstungen an.

Hier spürt man, dass Sucker Punch den Verwaltungsaufwand reduzieren wollte: Statt Menüs zu durchforsten, kommt das Spiel quasi zu den Spielern.

Die namensgebenden Wölfe begleiten Atsu erzählerisch und kämpferisch, sind aber nicht direkt steuerbar. Deren Rolle bleibt geheimnisvoll, aber sie tragen zur märchenhaften Stimmung bei.

In der Waffenkammer gibt es mehr als das Katana

Flashbacks spielen ebenfalls eine Rolle: Atsu kehrt in Erinnerungen an ihre Kindheit zurück, erlebt Momente mit ihrer Familie und macht deren Verlust für uns begreifbar.

Mehr als eine Handvoll dieser spielbaren Rückblicke vertiefen den Hintergrund und lassen die Rachegeschichte glaubwürdiger wirken, als vergleichbare Erzählungen in Open-World-Spielen.

Die Kämpfe sind packend und fordernd. Neben Katana und Speer kommen Kusarigama, Odachi und Dualschwerter hinzu. Waffen werden über Trainer freigeschaltet, so wächst das Arsenal Schritt für Schritt.

Neu ist die Mechanik, dass Atsu bei harten Treffern ihre Waffe verlieren kann und sie mitten im Getümmel zurückholen muss, während Feinde versuchen, sie zu blockieren. Optionen wie Bögen, Bomben oder Blendpulver runden die Möglichkeiten ab.

Die Nahkampfwaffen von Atsu sind gegen bestimmte feindliche Kampfgeräte ausgelegt: das Katana immer gegen Katanas, der Speer gegen Speere und Sicheln.

Um sicherzustellen, dass wir dieses System verstanden haben, gibt es mehrfach ein Quiz, hübsch verpackt in Dialoge mit Trainern.

Das Kampfsystem macht Spaß, aber nicht alles läuft rund. Manche Gefechte gegen Schildgegner ziehen sich in die Länge, weil Schläge kaum durchkommen und der dumpfe Klang von Holz auf Holz auf Dauer ermüdet.

Wir haben stellenweise nur deshalb den mittleren Schwierigkeitsgrad um zwei Stufen gesenkt, um schneller – nicht einfacher – durch die Kämpfe zu kommen.

Eine besondere Stärke von Ghost of Yotei sind die Bosskämpfe, die weit über simple Duelle hinausgehen. Die Konfrontationen mit den Yotei-Sechs sind nicht nur inszenatorisch spektakulär, sondern auch spielmechanisch abwechslungsreich. Details wollen wir hier nicht verraten.

Was die Missionen angeht: Von Schleicheinsätzen über das Befreien von Gefangenen bis hin zu groß angelegten Belagerungen bietet Ghost of Yotei eine große Bandbreite. Eine Festungsschlacht in mehreren Abschnitten mit brennenden Belagerungstürmen ist ein Höhepunkt, der an klassische Samurai-Filme erinnert.

Kopfgeldmissionen wiederum wirken zwar simpel, erzählen aber oft kleine, eigenständige Geschichten – wie die Suche nach einer Hexe mit blauer Maske, die sich als atmosphärisch dichtes Mini-Abenteuer entpuppt.

Die Nebenaktivitäten sind insgesamt reduziert. Es gibt Wolfs- statt Fuchsbauten und Bambusprüfungen in geringerer Zahl als in Tsushima. Neu sind spielerische Einlagen wie Zenihajiki, ein Münzschnippspiel, das erstaunlich viel Spaß macht, und die Möglichkeit, mit dem Touchpad zu malen.

Nicht zu unterschätzen ist auch das Reiten. Das Pferd fühlt sich lebendiger an als im Vorgänger: Mit einem Druck auf die Sprungtaste setzt es über Hindernisse, gewinnt kurzzeitig an Tempo und lässt sich sogar in der Luft ein wenig lenken.

Ghost of Yotei: Verfügbarkeit und Fazit

Allerdings sehen die sehr großen Sprünge etwa an Berghängen stellenweise merkwürdig aus – im Zweifel nehmen wir das aber gerne in Kauf, weil es Reisen komfortabler macht.

Technisch und atmosphärisch ist Yotei ein Glanzstück. Die Schnellreisen funktionieren reibungslos und fast ohne Ladezeit, die Landschaften sind prachtvoll gestaltet.

Präsentationsseitig gibt es neben dem Kurosawa-Modus zwei neue Regisseur-Optionen: Takashi Miike steuert eine besonders brutale Nahkampfperspektive bei, während Shinichiro Watanabe einen Lo-Fi-Soundtrack in Anime-Ästhetik produziert hat.

Zusammen mit der auf Wunsch vollständigen japanischen Sprachausgabe samt Lippensynchronisation ergibt sich ein Erlebnis, das mehr denn je an ein filmisches Samurai-Epos erinnert.

Besonders hervorzuheben ist die Musik: Komponist Toma Otowa verbindet traditionelle japanische Instrumente mit westlichen Einflüssen. Mal erklingen melancholische Flöten über stillen Schneefeldern, mal treibende Trommeln im Rhythmus der Schlacht.

Ghost of Yotei erscheint am 2. Oktober 2025 für Playstation 5 für 80 Euro. Technische Probleme oder Ruckler sind uns nicht aufgefallen, die optionale deutsche Sprachausgabe ist sehr gut. Mikrotransaktionen oder Multiplayer gibt es nicht. Die USK hat eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

Ghost of Yotei ist ein würdiger Nachfolger, der das Fundament von Ghost of Tsushima übernimmt und erweitert. Atsu ist keine Samurai-Ikone wie Jin, sondern eine pragmatische, oft gnadenlose Söldnerin. Das gibt der Erzählung einen anderen Tonfall, der für uns düsterer, persönlicher und stellenweise emotionaler wirkt.

Spielerisch bietet Yotei Vielfalt: Kämpfe mit unterschiedlichen Waffen, Erkundung, Kopfgeldjagden und kleine Geschichten halten das Abenteuer frisch. Auch die neuen Systeme mit Camps und Wolf-Pack reduzieren unnötige Verwaltung. Manche Missionen und Gegnertypen wirken jedoch zäh oder etwas zu konstruiert.

In der Präsentation ist das Spiel nahezu makellos. Musik, Sprachausgabe, Regisseur-Modi und Fotomodus schaffen eine einzigartige Atmosphäre. Überraschungen wie beim ersten Teil gibt es deutlich weniger, dafür punktet Yotei mit erzählerischer Dichte und Momenten, die im Gedächtnis bleiben.

Unterm Strich ist Ghost of Yotei ein herausragendes Actionspiel, das die Stärken des Vorgängers bewahrt und um spannende neue Facetten ergänzt. Es erzählt eine düstere, berührende Geschichte, bietet packende Kämpfe und eine eindrucksvolle Welt – und gehört damit zu den Pflichtspielen des Jahres.

Peter Steinlechner war zwar noch nie in Japan, reist aber regelmäßig dorthin – auf dem Bildschirm. Ghost of Tsushima hat er bis ins letzte Dorf und auf fast jede Anhöhe erkundet, Nebenquests inklusive. In Assassin's Creed Shadows verliert er sich immer wieder zwischendurch, und er ärgert sich bis heute ein bisschen, dass er den Test damals aus Zeitnot nicht selbst schreiben konnte.


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