Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Gesundheit und Forschung: Smartes Auto soll Schlaganfälle verhindern

Forscher wollen den Umstand, dass sich Autos zu rollenden Computern entwickeln, zur Gesundheitsvorsorge nutzen. So soll Schlaganfällen vorgebeugt werden.
/ Ingo Pakalski , dpa
18 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Dieses Auto misst kontinuierlich die Gesundheitsdaten des Fahrers. (Bild: PLRI/TU Braunschweig)
Dieses Auto misst kontinuierlich die Gesundheitsdaten des Fahrers. Bild: PLRI/TU Braunschweig

Die tägliche Pendelzeit im Auto sinnvoll für einen Gesundheitscheck nutzen und damit schweren Erkrankungen vorbeugen: Das ist das Ziel von niedersächsischen Wissenschaftlern, die ihr Smartcar in diesen Tagen einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen.

"Die Integration einer kontinuierlichen Gesundheitsüberwachung birgt großes Potenzial, Krankheiten früher zu erkennen" , sagt Thomas Deserno, Professor für Medizinische Informatik. Durch die Messungen über einen längeren Zeitraum könnten mit dem Fahrzeug unter anderem Schlaganfälle verhindert werden.

Das Forschungsauto ist mit Sensoren ausgestattet. Diese überwachen während der Fahrt kontinuierlich Gesundheitswerte, ohne die Fahrt zu beeinträchtigen, erklärt der Professor vom Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik (PLRI), einer gemeinsamen Einrichtung der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover.

Gesundheitliche Auffälligkeiten früh erkennen

Geplant sei, dass die Nutzer am Abend nach der Fahrt eine Auswertung der Daten per E-Mail erhalten. Darin könne auf mögliche Auffälligkeiten hingewiesen werden, die einen Arztbesuch nötig machen. "Uns geht es darum, tendenzielle Veränderungen und Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und damit präventiv zu wirken" , sagt Thomas Deserno.

Gut ein Drittel aller Schlaganfälle werden ihm zufolge durch Vorhofflimmern ausgelöst und könnten mit dem Smartcar möglicherweise vermieden werden, weil häufigere oder längere Unregelmäßigkeiten beim Herzschlag erkannt werden. Diabetes, kritische Herzfrequenzen, sich anbahnende Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Erschöpfung ließen sich während der Fahrt erkennen.

Ein Sensorsystem im Lenkrad zeichnet über die Hände ein EKG auf, über den Sicherheitsgurt werden Herztöne erfasst. Kameras nehmen das Gesicht ins Visier, um Herzschlagrate und Atemfrequenz zu berechnen. Zudem misst ein Temperatursensor im Sitz die Körpertemperatur.

Vorsorge besser als Reaktion

"Alle wichtigen Vitalparameter können so erfasst werden" , berichtet Deserno. Für das Forschungsteam schien es da nur folgerichtig, das Auto auf der Medica, einer Medizintechnik-Messe in Düsseldorf vorzustellen.

"Das erste Mal wurde dort ein Auto ausgestellt" , erzählt der Wissenschaftler. Der Messestand sei gut besucht gewesen und die Resonanz im Nachgang zeige, dass das Interesse hoch sei. Dabei scheint die Verbindung von Gesundheit, Mobilität und Technik zu funktionieren.

Der "tiefere Sinn" des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts ist für Deserno, Lösungen für das zukünftige Gesundheitssystem zu finden.

Umsetzung in die Praxis ist schwierig

Die Entwicklungen etwa beim Fachkräftemangel oder der Demografie führen seiner Überzeugungen nach dazu, dass das Gesundheitssystem nicht mehr lange wie jetzt betrieben werden könne. Bisher werde ein Schlaganfall behandelt, nachdem er passiert sei. Aus Sicht der Wissenschaftler sollte ein stärkerer Schwerpunkt auf die Prävention zur möglichen Vermeidung solcher Notfälle gelegt werden.

Der Medizin-Informatiker Deserno räumt aber ein, dass der berühmte Transfer aus der Wissenschaft in die Praxis ein "echtes Problem" sei. Die Umsetzung betreffe die Medical Device Regulation (MDR), also eine EU-Verordnung für Medizinprodukte, die wiederum für die Automobilbranche eher Neuland sei und ein komplett anderes Feld darstelle. Die Frage nach der Umsetzung bleibe daher schwierig.


Relevante Themen