Gesichtserkennung: Clearview will "fast jeden auf der Welt" identifizieren

Trotz großer Kritik baut Clearview AI unverdrossen seine Datenbank zur Gesichtserkennung aus. 100 Milliarden Aufnahmen könnten gespeichert werden.

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Gesichtserkennung ist eine sehr umstrittene Technik.
Gesichtserkennung ist eine sehr umstrittene Technik. (Bild: Brad McClenny/The Gainesville Sun/Reuters)

Das umstrittene US-Startup Clearview AI wirbt bei Kunden mit dem umfangreichen Ausbau seiner Datenbank zur Gesichtserkennung. In einer Präsentation für Investoren kündigte das Unternehmen an, innerhalb eines Jahres 100 Milliarden Fotos in seiner Datenbank speichern und damit sicherstellen zu können, "dass fast jeder auf der Welt identifiziert werden kann", berichtet die Washington Post am 16. Februar 2022. Damit müssten durchschnittlich 14 Fotos von jedem der sieben Milliarden Menschen gespeichert werden.

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Dem Bericht zufolge geht aus der 55-seitigen Präsentation hervor, dass die Datenbank allein in den vergangenen beiden Jahren von drei auf zehn Milliarden Bilder gewachsen sei. Jeden Monat kämen 1,5 Milliarden Fotos hinzu. Mit zusätzlich 50 Millionen US-Dollar von Investoren könnte Clearview seine Kapazitäten auf 100 Milliarden Fotos erhöhen, neue Produkte entwickeln, sein internationales Vertriebsteam erweitern und mehr für die politische Lobbyarbeit aufwenden, um "eine günstige Regulierung zu entwickeln".

Darüber hinaus wolle sich Clearview nicht nur auf Gesichtserkennung beschränken, sondern auch Autokennzeichen erkennen oder Bewegungen verfolgen. Entwickelt oder erforscht würden beispielsweise eine Kamerasoftware zur Erkennung von Waffen und Drogen, Systeme zur Identifizierung einer Person anhand ihres Gangs oder ein System, um den Aufenthaltsort einer Person anhand des Hintergrunds eines Fotos zu bestimmen. Mit Hilfe eines "berührungslosen Fingerabdrucks" sollen Personen aus der Ferne identifiziert werden.

Datenverkauf an Privatunternehmen?

Zudem gibt es offenbar Pläne, die Technik nicht nur staatlichen Behörden zur Verfügung zu stellen, sondern auch privaten Unternehmen. So könne die Technik dazu beitragen, Arbeiter in der sogenannten Gig-Economy zu kontrollieren oder Personen auf Apps für Dating oder zur Suche nach Babysittern oder Handwerker zu bewerten. Zudem solle mit den Systemen auch eine "Echtzeiterkennung" von Personen möglich sein, obwohl Firmenchef Hoan Ton-That dies in einem offenen Brief an die Kunden zuletzt ausgeschlossen hatte.

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Inwieweit sich die weitreichenden Pläne durchsetzen lassen, ist offen. Denn es gibt in westlichen Staaten große Widerstände gegen einen weitreichenden Einsatz der Technik, wie sie in China bereits weit verbreitet ist. So hat Facebook sich zuletzt entschieden, auf eine serverseitige Gesichtserkennung zu verzichten.

"Besser als in China"

In der Präsentation sieht Clearview in der Zurückhaltung großer Konzerne wie Facebook, Google, Amazon oder Microsoft eine "große unternehmerische Chance". Das Unternehmen fügte demnach Logos seiner Konkurrenten hinzu und wies darauf hin, dass es wenig Konkurrenz im Inland habe und sein Produkt sogar umfassender als die in China verwendeten Systeme sei, da seine "Gesichtsdatenbank" mit "Metadaten öffentlicher Quellen" und Information zu "sozialen Verknüpfungen" verbunden sei.

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Auf Nachfrage der Washington Post versuchte Ton-That die geschilderten Pläne zu relativieren. Sollte sich Clearview entscheiden, die Daten privaten Firmen zur Verfügung zu stellen, würde dies auch in einer aktuellen Klage gegen das Unternehmen eine Rolle spielen. In der Sammelklage vor einem US-Bezirksgericht in Chicago wird Clearview vorgeworfen, die Fotos ohne die Zustimmung der Nutzer zu verwenden. In weiteren US-Bundesstaaten sind ebenfalls Klagen anhängig.

Ähnlich kritisch sehen auch Datenschützer in Europa das Unternehmen. Daher wollte der frühere Hamburgische Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar in einer Anordnung durchsetzen, dass Clearview die gespeicherten biometrischen Daten des Hamburgers Matthias Marx löscht. Laut Caspar muss Clearview die Vorgaben der EU-Datenschutzverordnung (DSGVO) auch dann einhalten, wenn das Unternehmen über keine Niederlassung in der EU verfügt.

Die bis Januar 2020 kaum bekannte Firma Clearview soll in den vergangenen Jahren heimlich eine Gesichtsdatenbank mit Milliarden von Fotos aufgebaut haben. Inzwischen nutzen laut Firmenangaben 3.100 US-Behörden den Dienst. Dazu zählten unter anderem das Heimatschutzministerium, die Bundespolizei FBI und das Militär.

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Engel 19. Feb 2022

Ach so, deshalb gibt es in Deutschland fast 50 Millionen zugelassene Fahrzeuge, obwohl...

schnedan 18. Feb 2022

Wenn die USA kein Rechtshilfeabkommen mit der EU / Deutschland auf diesem Gebiet hat...

der_heinz 18. Feb 2022

Die werden wohl die sozialen Netzwerke durchforsten, damit haben sie direkt die...

robser 17. Feb 2022

Also wenn ich als einfacher Burger darauf komme, dass man gewisse Wahrscheinlichkeiten...



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