Gesichtserkennung am Südkreuz: Warum Digitalcourage "falsch informiert" hat

Wer für den Datenschutz kämpft, fühlt sich in Deutschland gelegentlich wie ein einsamer Rufer in der Wüste. Die aktuelle Kampagne des Vereins Digitalcourage dürfte dafür sorgen, dass Politiker Datenschutzaktivisten zukünftig noch weniger ernst nehmen.

Eine Analyse von und veröffentlicht am
Hinweis im Bahnhof Südkreuz auf das Pilotprojekt zur Gesichtserkennung
Hinweis im Bahnhof Südkreuz auf das Pilotprojekt zur Gesichtserkennung (Bild: Friedhelm Greis/Golem.de/CC-BY-SA 3.0)

In einem stark kritisierten Projekt erfasst die Bundespolizei derzeit am Berliner Bahnhof Südkreuz rund 275 Testpersonen mit Hilfe biometrischer Gesichtserkennung. Die Teilnehmer tragen dazu zusätzlich einen Transponder zur eindeutigen Identifizierung, um die Qualität der Erkennung besser einschätzen zu können. Der Verein Digitalcourage attackiert das Projekt und fordert dessen Abbruch, benutzt dafür aber eine mehr als fragwürdige Argumentation.

Inhalt:
  1. Gesichtserkennung am Südkreuz: Warum Digitalcourage "falsch informiert" hat
  2. Digitalcourage verschläft technische Entwicklung
  3. Daten sammeln ohne Speicher

Die aktuelle Kritik von Digitalcourage entzündet sich an der Technik und den Fähigkeiten der Transponder. Die Teilnehmer des Tests seien darüber nur unvollständig und fehlerhaft aufgeklärt worden, der Test müsse deswegen sofort abgebrochen werden. Der Verein hat dazu am vergangenen Montag eine Pressemitteilung und einen Blogbeitrag veröffentlicht. Am Donnerstag übernahm die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff die Kritik und forderte die Bundespolizei auf, von den Teilnehmern eine weitere "datenschutzrechtliche Einwilligung" einzuholen.

Bluetooth-Transponder statt RFID

Der Vorwurf: Den Teilnehmern sei anstelle eines passiven RFID-Transponders ein aktiv sendender Bluetooth-Low-Energy-Chip untergeschoben worden. Dies trifft in der Tat zu. Doch die Informationen von Digitalcourage vom vergangenen Montag enthielten sehr viele merk- und fragwürdige Formulierungen und Annahmen: Entweder fehlt dem Verein die technische Kompetenz oder er betreibt bewusst FUD. Das macht es für Medien wie Golem.de schwierig, solche Vorwürfe ernst zu nehmen und darüber zu berichten.

So haben weder die Bundespolizei noch das Innenministerium die Funktechnik zuvor konkret öffentlich benannt. In der Einwilligungserklärung der Teilnehmer gibt es ebenfalls keine Angaben dazu. Es handelt sich dabei um eine spekulative Annahme seitens Digitalcourage und der Bundesdatenschutzbeauftragten. In der Pressemeldung macht der Verein für seine eigene Annahme die Bundespolizei verantwortlich: "Den Teilnehmenden teilte die Bundespolizei vor dem Versuch mit, der Transponder habe 'die Größe einer Kreditkarte'. Damit legte die Bundespolizei nahe, es würde RFID-Technik eingesetzt."

Medien gingen von RFID-Technik aus

Stellenmarkt
  1. Software Developer (w/m/d)
    Intrum Hanseatische Inkasso-Treuhand GmbH, Hamburg
  2. Business Intelligence Developer (m/w/d)
    Christian Funk Holding GmbH & Co. KG, Offenburg
Detailsuche

Im Blogbeitrag verliert Digitalcourage kein Wort darüber, dass es eine eigene Annahme war: "Angekündigt für das Projekt war ein Chip im Kreditkartenformat - anscheinend hat die Bundespolizei erwartet, ein RFID-Chip sei für ihre Pläne ausreichend." In beiden Fällen wird sich dabei auf einen FAQ-Eintrag der Bundespolizei bezogen: "Der Transponder wird ungefähr die Größe einer Kreditkarte haben."

Im Update des Blogbeitrags ist weiterhin die Bundespolizei schuld, und die Medien werden miteinbezogen. Dort heißt es jetzt: "Zudem gab es vor Beginn des Tests Medienberichte, die von RFID-Technik berichtet haben. Die Bundespolizei hat diese Berichte nicht dementiert ... Test-Personen mussten davon ausgehen, dass RFID-Technik eingesetzt wird." Um welche Medienberichte es sich dabei handelt, wird nicht gesagt.

Wir finden im relevanten Zeitraum (vor August 2017) tatsächlich eine Vielzahl von Nachrichtenartikeln zum Projekt, aber nur drei davon erwähnen RFID. Von Heise.de erschien ein Artikel am 19. Juni 2017, kurz nach Beginn der Anmeldephase für das Projekt. Darin heißt es unter anderem: "Am Bahnhof Südkreuz sollen die Freiwilligen im Pendleralltag eine Fläche in der Westhalle hingegen ganz in ihrem normalen Gehtempo durchqueren und dennoch erkannt werden. Diese Fläche ist mit RFID-Baken 'abgezäunt', wie sie von den Diebstahlsicherungen in Warenhäusern her bekannt sind." Eine Quelle für die Verwendung von RFID und die Installation von Baken wird nicht angegeben.

Die Berliner Zeitung erwähnt in einem Artikel am Abend desselben Tages ebenfalls RFID, allerdings nur als Teil eines Zitats des Bundestagsabgeordneten und Projektkritikers Andrej Hunko. Computerbild zieht einen Tag später nach, nennt aber für die RFID-Anwendung ebenfalls keine Quelle.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed
Digitalcourage verschläft technische Entwicklung 
  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4.  


Askaaron 30. Aug 2017

Letztlich geht es um Presse und Aufmerksamkeit. Da sind Details dann nicht mehr so...

Askaaron 30. Aug 2017

Offenbar hast Du den Artikel nicht wirklich gelesen. Digitalcourage wird - zurecht...

Clara 29. Aug 2017

Die Phrase meinte ich nicht. Bei den Fällen, die ich mitbekommen habe, waren sie nicht...

Rocky Horror... 29. Aug 2017

Eine gute Idee, das fördert die Durchblutung.



Aktuell auf der Startseite von Golem.de
LG HU915QE
Laserprojektor erzeugt 90-Zoll-Bild aus 5,6 cm Entfernung

LG hat einen Kurzdistanzprojektor mit Lasertechnik vorgestellt. Der HU915QE erzeugt ein riesiges Bild und steht dabei fast an der Wand.

LG HU915QE: Laserprojektor erzeugt 90-Zoll-Bild aus 5,6 cm Entfernung
Artikel
  1. Streaming: Netflix zahlt Steuerschulden von knapp 56 Millionen Euro
    Streaming
    Netflix zahlt Steuerschulden von knapp 56 Millionen Euro

    Netflix hat sich mit der zuständigen Staatsanwaltschaft geeinigt, in Italien auch für die Zeit von 2015 bis 2019 Steuern zu zahlen.

  2. Verkaufsstart des 9-Euro-Tickets: Was Fahrgäste wissen müssen
    Verkaufsstart des 9-Euro-Tickets
    Was Fahrgäste wissen müssen

    Das 9-Euro-Ticket für den ÖPNV ist beschlossene Sache, Verkehrsverbünde und -unternehmen sehen sich auf den Verkaufsstart in diesen Tagen gut vorbereitet. Doch es gibt viele offene Fragen.

  3. LTE-Patent: Ford droht Verkaufs- und Produktionsverbot in Deutschland
    LTE-Patent
    Ford droht Verkaufs- und Produktionsverbot in Deutschland

    Ford fehlen Mobilfunk-Patentlizenzen, weshalb das Landgericht München eine drastische Entscheidung gefällt hat. Autos droht sogar die Vernichtung.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • Acer Predator X38S (UWQHD, 175 Hz OC) 1.499€ • MindStar (u. a. AMD Ryzen 7 5700X 268€ und PowerColor RX 6750 XT Red Devil 609€ und RX 6900 XT Red Devil Ultimate 949€) • Alternate (u. a. Cooler Master Caliber R1 159,89€) • SanDisk Portable SSD 1 TB 81€ • Motorola Moto G60s 149€ [Werbung]
    •  /