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Geschwindigkeit an der Börse: Algorithmen haben die Händler überholt

Im Hochgeschwindigkeitshandel an den Börsen schöpfen Computer in Millisekunden Millionenprofite ab. Während Regulierer überlegen, wie die Algorithmen nicht außer Kontrolle geraten, sollen Hohlkabel und Laser den Handel an der Wall Street weiter beschleunigen.
/ Thorsten Schröder
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Wird von Algorithmen beeinflusst: Dow-Jones-Index (Bild: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images))
Wird von Algorithmen beeinflusst: Dow-Jones-Index Bild: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images)

In wenigen Wochen sollen die Märkte noch schneller reagieren können. Im März werden die Datenzentren der Wall Street per Laser(öffnet im neuen Fenster) verbunden. Angebracht an Wohnhäusern, Türmen und Bürogebäuden im Nachbarstaat New Jersey, sollen die Laser rund 56 Kilometer überbrücken und den Handel an den New Yorker Börsen beschleunigen. Schon bald, hofft die Betreiberfirma Anova Technologies(öffnet im neuen Fenster), sollen so sämtliche US-Börsen für den Laser-Handel erschlossen werden.

Im Hochgeschwindigkeitshandel kommt es auf jede Millisekunde an. Wer die Informationen zuerst bekommt, der kann als Erstes reagieren – und die Märkte zu seinen Gunsten bewegen. Automatisierte Computerprogramme suchen an den Börsen dafür ununterbrochen nach Preisdifferenzen. Die Gewinne sind oft minimal und bestehen nur für Sekundenbruchteile. Doch die Algorithmen können sie dank der Geschwindigkeit hunderttausendfach ausnutzen und so Millionenprofite abschöpfen – mehr als 100.000 Transaktionen in der Sekunde können die Händler für ihre Kunden mittlerweile abwickeln. An den US-Märkten wird inzwischen mehr als die Hälfte aller Deals per High-Frequency-Trading gemacht.

Wettrüsten in der Finanzindustrie

HFT-Händler wie Tower Research Capital(öffnet im neuen Fenster) oder GSA Capital Partners(öffnet im neuen Fenster) suchen nach immer neuen Wegen, wie sie die Reaktionszeit weiter verkürzen können. Sie investieren Millionen in neue Server und Kabel. Rund 1,5 Milliarden Dollar waren es allein 2013(öffnet im neuen Fenster), fast doppelt so viel wie 2009. Es sei ein regelrechtes Wettrüsten, das in der Finanzindustrie stattfinde, sagt Andrei Kirilenko(öffnet im neuen Fenster), Finanzexperte am MIT.

Begonnen hat das Wettrüsten 2010. Damals baute Spread Networks, ein Anbieter von Kommunikationstechnologie, an dem auch der damalige Netscape-Chef Jim Barksdale beteiligt ist, für rund 300 Millionen Dollar das erste Glasfaserkabel-Netz, um Orders zwischen Chicago und New York abzuwickeln. Schon bald folgten andere Firmen und setzten auf Mikrowellen, die mit bis zu zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit operieren konnten. Es folgten Millimeterwellen, die bei kleinerer Wellenlänge mehr Informationen senden können, dafür aber wegen der geringeren Reichweite auf Relais angewiesen waren. Nachteile beider Technologien: Mikrowellen und Millimeterwellen sind anfällig für Umwelteinflüsse wie Regen, Wind oder Vögel. Das birgt vor allem im internationalen Handel schwer kalkulierbare Risiken.

Technologie aus dem Militärbereich

Laser sollen viele der Probleme lösen. Die Technologie in New Jersey basiert auf der Entwicklung von AOptix Technologies(öffnet im neuen Fenster), einer Firma aus dem Silicon Valley, die Laser seit Jahren für die Kommunikation zwischen Kampfjets nutzt. Bewegliche Spiegel, die sich über tausendmal in der Sekunde neu ausrichten können, reagieren auf Änderungen in der Atmosphäre und machen die Übertragung weitgehend immun gegen Störungen.

Wenn die Technik schneller ist als der Handel

Doch während die Technologie Fortschritte macht, kommen die Aufsichtsbehörden nicht hinterher. Nicht nur fehlt es den Juristen der Regulierer am technischen Know-how, um die immer komplizierteren Computerprogramme nachzuvollziehen, die von den Mathematikern und Softwareprogrammierern der Blitzhändler und Banken entwickelt werden. Auch das Budget der Behörden ist knapp und wird mit jedem neuen Haushalt weiter gekürzt. Das Ergebnis: "Ein Großteil der Auflagen, die heute den Handel mit Aktien und Derivaten regeln, sind 15 Jahre alt und stammen aus einer Zeit, als Menschen eine deutlich größere Rolle spielten", erklärt Finanzexperte Kirilenko, der selbst viele Jahre bei der Commodity Futures Trading Commission als Chefökonom beschäftigt war. Dabei habe sich die Finanzindustrie dank der Automatisierung in den vergangenen zehn Jahren quasi neu erfunden. Viele der HFT-Händler sind noch nicht einmal bei der Börsenaufsicht registriert.

Flash Crashs(öffnet im neuen Fenster) wie der vom 6. Mai 2010 stützen die Argumentation derjenigen, die nach mehr Regulierung verlangen. Damals war der US-Leitindex Dow Jones innerhalb von Minuten um rund 1.000 Punkte eingebrochen, weil die zugrundeliegenden Algorithmen der Handelscomputer außer Kontrolle gerieten. 33 Minuten später hatten sich die Kurse erholt und den größten Tagesverlust in der Geschichte des Dow gutgemacht.

Der Hochgeschwindigkeitshandel kann gefährlich sein

Die genaue Ursache ist bis heute ungeklärt. Im Knightmare(öffnet im neuen Fenster) von 2012 trieb ein ganz ähnlicher Computer-Schluckauf das HFT-Brokerhaus Knight Capital in nur 45 Minuten an den Rand des Ruins und kostete die Firma 440 Millionen Dollar. Die für den Finanzmarkt zuständige Abteilung des US-Finanzministeriums bezeichnete den Hochgeschwindigkeitshandel im Dezember angesichts dieser Zwischenfälle als "Quelle für operative Risiken auf allen Märkten". Was immer schiefgehen könne, sagt auch Kirilenko, gehe schneller und umfassender schief, wenn Computer daran beteiligt seien.

Die Regulierer denken deshalb über Möglichkeiten nach, wie sie den Markt ausbremsen können. Die Börsenaufsicht SEC erwägt die Möglichkeit eines Kill-Switches, mit dem Algorithmen kurzerhand stillgelegt werden können, bevor sie größeren Schaden anrichten. Ökonomen wie Austin Gerig und Daniel Fricke schlagen vor, den Zeitraum für den Abschluss einer Transaktion auf knapp eine halbe Sekunde zu erhöhen. Und Michael Wellman, Finanzexperte an der Universität Michigan, plädiert für eine künstliche Schranke, bei der Orders für wenige Sekunden gebündelt und erst dann mit passenden Handelspartnern gematcht werden. Die falsche Form von Eingriffen, warnt allerdings Andrei Kirilenko, könne den Markt daran hindern, effiziente Lösungen zu finden. Er plädiert vor allem für mehr Transparenz und eine Registrierungspflicht bei den Aufsichtsbehörden.

Unterdessen träumen die Händler schon vom nächsten Technologiesprung. Der britische Physiker Michael Buchanan beschrieb vor wenigen Wochen im Magazin Nature den Einsatz von Hohlkern-Glasfaserkabeln(öffnet im neuen Fenster), bei denen die Daten durch winzige Luftkanäle transportiert werden – und Orders nahe der Lichtgeschwindigkeit abwickeln könnten. Ballons oder solarbetriebene Drohnen könnten dabei Netzwerke über dem Ozean aufbauen und so deren Reichweite vergrößern. Spätestens dann, glaubt Buchanan, würden die Datenzentren nicht mehr in New Jersey, sondern mitten auf dem Ozean sitzen, um die Informationen zwischen New York und London schneller als die Konkurrenz abzufangen.


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