Ja, Chef!
Alles in allem würde ich ihn an dieser Stelle gerne mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vergleichen. Er scheint mich aufgrund meiner Tendenz, meine Meinung zu äußern, als Gefahr wahrzunehmen. Es wäre ihm wohl lieber, wenn alle seine Untergebenen nur noch "Ja, Chef!" sagen könnten. Ist schon eine fragwürdige Idee, die gesamte Abteilung gegen einen aufzubringen, aber das wird er beim nächsten Mitarbeitergespräch wohl selbst erfahren – und falls nicht, verlieren sie halt den einzigen Mitarbeiter mit mehr als einem Jahr Erfahrung.
➤ Größere Abteilung in einem Krankenhaus. Jeden Morgen verpflichtende Frühbesprechung, auch für die Kolleginnen und Kollegen, die für die Notaufnahme eingeteilt sind. Der Chef ist ein absoluter Choleriker, der jeden Tag damit beginnt, dass er einen beliebigen Mitarbeitenden - auch Oberärztinnen und -ärzte sind davor nicht sicher – vor der versammelten Mannschaft so richtig runterputzt. Das ist in der ganzen Abteilung bekannt und führt zu recht seltsamen Stilblüten:
- Wer in der Notaufnahme eingeteilt ist und ein wenig Verstand besitzt, lässt sich direkt zu Beginn der Frühbesprechung anrufen mit der Nachricht "Es ist was Schlimmes passiert". Sex and the City lässt grüßen.
- Wer für die Aufklärungen über die heute anstehenden Eingriffe betraut ist, versucht dasselbe. Leider ist genau diese/-r Assistenzärztin/-arzt meist das Lieblingsziel des Chefs, was das Rausschleichen erschwert.
- Für alle Beteiligten ist klar: Stellt der Chef eine Frage, selbst wenn es darum geht, welcher Wochentag heute ist, bloß nicht antworten. Dann regt er sich vielleicht über die gesamte dumme Mannschaft auf und kein Einzelner bekommt die Tirade ab.
- Die Frühbesprechung ist buchstäblich nur an den Tagen konstruktiv und zielführend, an denen der Chef nicht da ist. Das wird sogar manchmal verbalisiert, aber selbst der stellvertretende Chef weigert sich, das Thema mit dem Verursacher anzugehen.
- Am Ende der meisten Frühbesprechungen ist irgendjemand am Weinen, alle anderen sind froh, dass es sie nicht getroffen hat, und die Meute startet mit einer furchtbar miesen Laune in den Tag.
"Manche schaffen es auch, mehr oder minder permanent unter dem Radar des Chefs durchzufliegen"
Allerdings ist man auch über den restlichen Tag hinweg nicht sicher. Der Chef schleicht, wenn er selbst von irgendwo einen Anpfiff bekommen hat, behutsam durch die Gänge, um dann plötzlich hinter dem Stuhl eines Opfers aufzutauchen und ihr/ihm seine Hand wie eine Klaue auf die Schulter zu legen. Persönlicher Raum? Intimsphäre? Was ist das?
Es überrascht kaum, dass der Durchsatz an jungen Assistenzärztinnen und -ärzten zeitweise mehr als 70 % betrug – heißt, wenn man mit 10 Kolleginnen und Kollegen im Januar angefangen hat, waren im Dezember noch 3 davon da. Leider befindet sich das Krankenhaus in einer sehr beliebten Gegend und hat wenig Konkurrenz im unmittelbaren Einzugsbereich, so dass die Stellen stets wieder aufgefüllt werden können.
Manche schaffen es auch, mehr oder minder permanent unter dem Radar des Chefs durchzufliegen. Einige wenige Kollegen (!) "mochte" der Chef auch, was sich in recht offensichtlichem Nepotismus niederschlug. Hat aber trotzdem nicht geholfen, weil diese Kollegen meist ebenso schnell das Weite gesucht haben wie der Rest.
Chef und Abteilung gibt es immer noch. Angeblich ist der Durchsatz auf vertretbare 40 % gesunken, auch und weil einige Mitarbeitende sich vehement beschwert haben. Chapeau! Mich würden trotzdem keine 10 Pferde dorthin zurückbekommen …


