Geplantes Wasserkraftwerk Medog: Chinas Megastaudamm zeigt die Probleme der Wasserkraft
Die Zahlen allein sind schon beeindruckend. 60 Gigawatt (GW) soll der Staudamm im Hochland von Tibet nach der Fertigstellung leisten können. Das entspricht 40 Atomreaktoren oder Kohlekraftwerken. 70.000 große Windkraftanlagen müssten für eine äquivalente Strommenge gebaut werden.
Zudem werden für dieses enorme Projekt, das das aktuell größte Wasserkraftwerk, den Drei-Schluchten-Damm, dreifach überträfe, Baukosten von 120(öffnet im neuen Fenster) bis 150(öffnet im neuen Fenster) Milliarden Euro aufgerufen, je nach Quelle. Um den obigen Vergleich aufzugreifen: Ein Windrad kostet etwa das Doppelte, der Reaktorblock eines Atomkraftwerks das Drei- bis Zehnfache in Bezug auf die Leistung.
Für chinesische Verhältnisse keineswegs gigantisch
Wobei man bei der Investitionssumme etwas vorsichtig sein muss. Bau- und Materialkosten lassen sich in China nicht immer transparent nachvollziehen. Durch Subventionen und staatliche Eingriffe an anderer Stelle unterliegen solche Summen Verzerrungen, so dass ein Vergleich mit Preisen in Europa nicht möglich ist.
Die Einordnung der Kraftwerksgröße gelingt schon eher. Allein im Jahr 2025 hat China laut einer Studie von Crea(öffnet im neuen Fenster), einem privaten Forschungsinstitut, 500 GW an Solar- und Windkraftleistung errichtet. Das entspricht ziemlich genau der Energieproduktion des geplanten Wasserkraftwerks, wenn die Volatilität erneuerbarer Energien einkalkuliert wird.
Fossile Energie dominiert
Die Leistung aus Kohlekraftwerken wurde im gleichen Zeitraum nur um knapp 20 GW erhöht. Laut dem US-Energieministerium liegt die gesamte in China verfügbare Leistung aus fossilen Kraftwerken bei etwa 1.400 GW. Ein großer Schritt zur CO2-Neutralität gelänge mit dem Megastaudamm also keineswegs.
20 bis 30 Stück müssten es schon sein, aber die einmalige Lage am tibetischen Fluss Yarlung Tsangpo(öffnet im neuen Fenster), einem der größten Ströme der Welt mit einem der steilsten Gefälle der Welt, lässt sich natürlich nicht beliebig reproduzieren. Baut China dagegen im gleichen Tempo Photovoltaik und Windkraft weiter aus, wären Kohle und Gas in 20 Jahren ersetzt.
Problematischer kann ein Staudamm nicht liegen
Der Yarlung Tsangpo, der flussabwärts zum Brahmaputra wird, entspringt in fast 6.000 Metern Höhe und erreicht bereits im Hochland von Tibet die Mächtigkeit des Rheins an der Mündung. Außerdem stürzt der Fluss östlich des Himalaya auf wenigen hundert Kilometern 3.000 Höhenmeter nach unten.
Nur deshalb ist es möglich, die angestrebte Leistung von 60 Gigawatt zu erreichen. Allerdings müsste dafür eine Vielzahl von Staumauern errichtet werden, die gemeinsam einen Großteil des Gefälles zur Energieerzeugung nutzen müssten.
Dadurch würden die Dihangschluchten(öffnet im neuen Fenster), ein unwegsames, gering bevölkertes und somit kaum verändertes Stück Natur, mehrheitlich zerstört. Dass einmal Pläne existierten, daraus einen Nationalpark zu machen, verwundert nicht.
Seismisch hochaktiv
Eine weitere Herausforderung ist die Tatsache, dass der Himalaya weiterhin geformt wird, weil die indische auf die eurasische Platte drückt. Zu dieser aktiven Zone gehört exakt der Abschnitt des Yarlung Tsangpo, der für den Bau des Wasserkraftwerks interessant ist.
Seit der flächendeckenden Erfassung von Erdbeben haben zwei Beben einen Wert von 7 auf der Richterskala überschritten. Großflächige Zerstörungen über Hunderte Quadratkilometer sind die Folgen einer derart starken Erschütterung. Entsprechend aufwendig dürfte sich der Bau in einer noch dazu schwierig zu erreichenden Region gestalten. Zweifel an den prognostizierten Kosten sind auch deshalb angebracht.
Umstrittene Grenzen
Wesentlich hinderlich für die Realisierung des Staudammprojekts dürfte das Verhältnis zwischen China und Indien sein, in dessen Provinz Arunachal Pradesh der untere Abschnitt der betroffenen Schlucht liegt. Der gesamte Grenzverlauf gilt als umstritten, was darüber hinaus auch auf die meisten anderen Grenzabschnitte zwischen den beiden Ländern zutrifft.
Obwohl ein Staudamm im tibetischen Abschnitt des Flusses den Hochwasserschutz im Nordosten Indiens und in Bangladesch, wo der Brahmaputra mündet, stärken könnte, befürchten beide Länder, dass die Wasserversorgung insgesamt beeinträchtigt würde.
Zudem gestaltet es sich bereits kompliziert, Informationen über aktuelle Wasserstände zwischen den beiden zerstrittenen Ländern auszutauschen. Dabei könnte allein das entlang des unteren Flusslaufs bereits helfen, die Auswirkungen von Überschwemmungen zu verringern.
Regelmäßige militärische Eskalation
Zu den diversen Grenzkonflikten, die im Grunde seit der Besetzung von Tibet 1950 ausgetragen werden, kommt erschwerend hinzu, dass es sich um zwei Atommächte handelt. Darüber hinaus wollen beide ihren Einfluss gegen den anderen in den Nachbarländern durchsetzen.
Dass Indien einen Eingriff in den Lauf des wichtigen Brahmaputra ohne weiteres zulässt, gilt auch deshalb als unwahrscheinlich. Dann müsste das Projekt gleichzeitig die Wasserversorgung sichern und einen effektiven Hochwasserschutz gewährleisten. Ein Teil der Stromproduktion würde wohl ebenfalls in Richtung Indien abfließen müssen.
Seit Jahrzehnten Pläne für das Wasserkraftwerk
Dass das Wasserkraftwerk Medog, dessen Baustart bereits im Sommer 2025 erfolgt sein soll, tatsächlich fertiggestellt wird, ist mindestens unwahrscheinlich. Dazu zählen auch Vermessungsarbeiten oder der Bau von Zufahrtsstraßen. Vor allem fehlen schlüssige Argumente für den Bau.
Zwar könnte es den halben deutschen Strombedarf decken, was aber keine Rolle spielt. In China wären es nur zwei Prozent – so viel, wie das Land allein an erneuerbarer Energie pro Jahr zubauen kann.
Der Preis dürfte ebenfalls kein Argument sein. Die Herausforderungen des Baus in einer unwegsamen, kaum besiedelten und erdbebengefährdeten Region lassen die angesetzten Kosten von 150 Milliarden Euro unrealistisch erscheinen.
Zum Vergleich: Die Schweiz, die Wasserkraft in großem Umfang und mit geringem Aufwand nutzen kann, setzt zwischen sechs und sieben Cent je Kilowattstunde an. Die chinesische Kostenrechnung läge eher bei zwei Cent.
Hindernisse längst bekannt
Zu guter Letzt dürfte China für wenig Ertrag, viel Aufwand und die weitere Problematik, dass der Strom noch mehrere tausend Kilometer geleitet werden müsste, keinen Konflikt mit Indien riskieren. Immerhin handelt es sich um die beiden Länder, die zumindest in Bezug auf die Truppenstärke die weltweit größten Armeen besitzen. Und beide Staaten rüsten auf.
Noch ein Punkt ist erwähnenswert: In einem Artikel der Berliner Zeitung vom 3. Juni 2010 ist der Megastaudamm am Yarlung Tsangpo ebenfalls Thema. Finden lässt sich der Text nur noch über die Wayback Machine(öffnet im neuen Fenster), weil er längst im Archiv verschwunden ist.
Die Gegenargumente von vor 16 Jahren hat man schon gehört: Indien fürchtet um die Kontrolle über seine Wasserversorgung. Der Bau dürfte zu teuer werden und ließe sich in der unzugänglichen Region kaum umsetzen. Eine fast unberührte Natur würde zerstört.
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