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Kein 100-prozentiger Schutz gegen das Armageddon

Am umstrittensten sind kinetische Asats, wo eine Art Projektil das Ziel zerstört. Mit Bold Orion hatten die USA so etwas bereits 1959 getestet. China tat es 2007, Indien 2019(öffnet im neuen Fenster) und Russland zuletzt 2021(öffnet im neuen Fenster). Diese Waffen gelten als besonders gefährlich, weil der zerstörte Satellit Unmengen Weltraumschrott erzeugt. Wenn diese Partikel andere Satelliten treffen, könnten sie eine Kettenreaktion auslösen, bis die Menschheit viele oder alle Systeme im All verliert: das Kessler-Syndrom als Worst-Case-Szenario.

Dementsprechend hoch ist die Hemmschwelle, kinetische Asats einzusetzen. Denn wer den Angriff wagt, riskiert, sämtliche Orbits unbenutzbar zu machen – mit potenziell desaströsen Folgen für die gesamte Weltbevölkerung, inklusive der eigenen Bürger. Die Gefahren, die drohen, reichen bis zu einem Kollaps des Welthandels und der Finanzsysteme, dem Ausfall jeglicher Notdienste und allgemeiner Panik.

Theoretisch möglich, aber unwahrscheinlich sei, dass Nordkorea auf diese Art einen Satelliten angreift, erklärt Nötzold. Das Land ist eines von neun außer China, Russland und den USA, die über die Fähigkeit verfügen, eine Rakete in den Orbit zu bringen. So unwahrscheinlich dieses Szenario auch sei – gegen einen Angriff, der auf ein Armageddon abzielt, gebe es "keine hundertprozentige Art des Schutzes", sagt Nötzold.

Leo-Satelliten ändern die Regeln

Nun muss aber gesagt werden: Asats wurden für teure, geostationäre militärische Satelliten konzipiert, die zwar zivil genutzt werden konnten, aber zuerst militärisch waren. Diese Satelliten wurden einzeln konzipiert, bestückt und in Orbit gebracht – und sollten dann auch da bleiben. Genau das machte sie zu attraktiven Zielen.

Satellitenkonstellationen im niedrigen Orbit – wie die von Starlink – ändern diese Berechnung. Einzelne Einheiten dieser Systeme sind verhältnismäßig günstig und unwichtig für das Funktionieren des Netzwerks. Laut Sönnichsen macht sie das als Ziel relativ unattraktiv: Schließlich ließen sich nicht tausende Starlink-Satelliten abschießen. Und einzelne zu entfernen, mache kaum einen Unterschied.

Noch dazu haben Leo-Satelliten eine kürzere Latenzzeit als die geostationären Satelliten, können größere Datenmengen übertragen und kontinuierlich ein neues Lagebild erfassen, sagt Nötzold – während man auf neue Bilder aus dem geostationären Orbit Stunden warten müsste. Sie haben also sowohl strategische als auch technische Vorteile.

Niemand erwartete den Einfluss von Starlink

Satellitenkonstellationen in niedriger Erdumlaufbahn veränderten "die ganze Dimension der Kriegsführung im Weltraum", sagt Nötzold. Mit solchen Systemen setzten Staaten auf Redundanz. Die USA planen mit Starshield beispielsweise längst eine Art Starlink für das Militär.

Dass kommerzielle Systeme in dem Ausmaß verwendet werden, wie man es in der Ukraine gesehen hat, hat laut Nötzold aber "niemand so geplant". Der Weltraum sei, was das unausgeschöpfte Potenzial betrifft, "etwa an der Stelle wie das Internet in den 90er-Jahren".


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