Geopolitik 2026: Aufwachen in einer anderen Welt

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Hatten Sie an Neujahr auch das Gefühl, in einer Welt aufzuwachen, die ganz anders ist als zwölf Monate zuvor? Sie meinen, das erleben wir jedes Jahr? Stimmt. Aber seit dem 1. Januar 2025 hat sich mehr und Grundlegenderes verändert als in anderen Jahren – und als wir erwartet haben.
Wir wussten zwar, dass Donald Trump neuer Präsident der USA werden, aber nicht, wie korrupt und disruptiv er seine Herrschaft ausüben würde. Wir ahnten nicht, dass er mit Venezuela einen souveränen Staat überfallen und dessen Staatspräsidenten entführen würde. Auch nicht, dass er damit drohen würde, Grönland militärisch einzunehmen. Vor einem Jahr war noch kaum vorstellbar, wie schnell in Europa die Bereitschaft entstehen würde, aufzurüsten, um sich gegen Russland verteidigen zu können.
Künstliche Intelligenz war noch ein Hoffnungsträger, der eine glorreiche Zukunft versprach. Heute ist sie das flaue Gefühl im Magen von Anlegern. Die Bundestagswahlen standen uns noch bevor. CDU und CSU galten vielen noch als Partei der Wirtschaftskompetenz. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Die Union hat ihre Reformversprechen nicht erfüllt. Deshalb stehen Alice und ihr Gefolge nun ante portas: Die AfD hat bessere Chancen, aus den nächsten Wahlen als stärkste Partei hervorzugehen, als jemals zuvor.
Kleptokraten übernehmen das Weiße Haus
Doch fassen wir mal zusammen, was seit dem 1. Januar 2025 genau passiert ist. Am 20. Januar wird in Washington eine Person Präsident der Vereinigten Staaten, die wegen Finanzbetrugs(öffnet im neuen Fenster) und Verleumdung(öffnet im neuen Fenster) verurteilt wurde. In Deutschland sind das Straftaten.
Donald Trump kennt als Maßstab guter Politik zudem offensichtlich nur Eigenlob und Selbstbereicherung. Sein Kabinett bildet er aus Impfgegnern wie Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. sowie Milliardären wie Handelsminister Howard Lutnick oder Finanzminister Scott Bessent(öffnet im neuen Fenster) .
Bei der von Trump im Weißen Haus versammelten Truppe handele es sich um eine "Kleptokratie" und "Oligarchie russischen Stils" , schreibt daher die Historikerin und Journalistin, Trägerin des Pulitzer-Preises und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Anne Applebaum(öffnet im neuen Fenster) .
Trump umgibt sich zudem mit Beratern und einem Vizepräsidenten, die wohl Peter Thiel mit ins Weiße Haus gebracht hat(öffnet im neuen Fenster) . Die Unternehmerlegende finanzierte Trump in seinem Wahlkampf 2016 und ist heute Berater für künstliche Intelligenz und Kryptowährungen im Weißen Haus. Thiel stellt alles infrage, worauf sich Europa und die USA seit der Aufklärung in Fragen des sozialen und politischen Zusammenlebens geeinigt hatten.
Widerspruch zwischen Anspruch und Realität
Bereits wenige Tage nach Amtsantritt der neuen Regierung gab Thiels Adlatus JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz (PDF)(öffnet im neuen Fenster) einem schockierten Publikum zu verstehen, dass Hassrede, Sexismus, Rassismus und die Verächtlichmachung politischer Gegner in den USA durch das Grundrecht der Redefreiheit geschützt würden.
Da Europa diese "Werte" nicht teile, würden seine Regierungen "demokratische Prozesse untergraben" . Da sie "die Opposition unterdrücken" , bestehe hierzulande die Gefahr einer "Auslöschung der Zivilisation" , legten Trump und seine Freunde in ihrer Anfang Dezember 2025 vorgestellten neuen Nationalen Sicherheitsstrategie (PDF)(öffnet im neuen Fenster) nach.
Für jemanden, der wie Donald Trump als Wertmaßstab nur den eigenen Profit kennt und einst mit Sexualstraftäter Jeffrey Epstein befreundet war(öffnet im neuen Fenster) , sind das große Worte. Über den Widerspruch zwischen Trumps Anspruch und der Realität, in der er lebt, ließe sich noch hinwegsehen.
USA wollen "westliche Identität wiederherstellen"
Was wirklich ein nie gekanntes Unwohlsein auslöst, ist die Tatsache, dass US-Milliardäre in dieser Sicherheitsstrategie damit drohen, sich in die inneren Angelegenheiten Europas einzumischen, um "patriotische Parteien" zu unterstützen und den alten Kontinent ihren Interessen entsprechend zu gestalten. Die USA würden sich künftig engagieren, um die "westliche Identität" Europas wiederherzustellen, versprechen der US-Präsident und seine Vertrauten.
Doch warum veröffentlichte Trump seine Sicherheitsstrategie ausgerechnet, als die Verhandlungen seines Sonderbeauftragten Steve Witkoff mit Wladimir Putin über einen Frieden in der Ukraine Anfang Dezember ins Stocken gerieten? Bereiten die USA damit den Tag vor, an dem sie Europa den Beistand, den sie ihren Nato-Partnern schulden, in einem zukünftigen Konflikt mit Russland verweigern werden?
In der Politik bestimmt das Sagbare das Machbare. Wenn Trump und seine Oligarchen feststellen, "dass spätestens innerhalb weniger Jahrzehnte bestimmte Nato-Mitglieder mehrheitlich nicht europäisch sein werden" , weil ihre von den USA definierten "Werte" und damit ihre "europäische Zivilisation" erloschen sein werden, wenn sie Europa "Technologiediebstahl, Cyberspionage und andere feindliche Wirtschaftspraktiken" vorwerfen, dann können sie diese Partner eines Tages auch ohne Gesichtsverlust fallen lassen.
"Dieses Papier gibt Europa an Russland preis"
Denn das "feindliche" und "undemokratische" Europa hätte den Beistand des Mutterlands der Demokratie dann in dessen Logik ja nicht mehr verdient. Bereiten Trump und seine Oligarchen dieses Narrativ derzeit vor? Der ehemalige Chef der US-Streitkräfte in Europa, Ben Hodges, meint: Ja! "Dieses Papier gibt Europa an Russland preis" , erklärte Hodges im ZDF(öffnet im neuen Fenster) .
Wenn es das ist, was Trump mit seiner Sicherheitsstrategie vorbereitet, macht das Angst. Es bricht grundlegend mit der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs etablierten Weltordnung. Weil diese lange Jahre auf einem Gleichgewicht zwischen den Mächten beruhte und von diesen lange Zeit keine uns nahestehenden Länder angriff, fühlten wir uns in dieser Welt sicher.
Im vergangenen Jahr haben wir nicht nur diese Sicherheit verloren. Auch eine derart herablassende Willkür, wie jene, mit der der US-Präsident und seine Freunde die alte Ordnung für tot erklärten, haben wir vor 2025 noch nicht erlebt.