Selbst die Wüste lebt
Schon im 19. Jahrhundert überlegte der französische Geograph François Élie Roudaire, in der Sahara ein künstliches Meer anzulegen. Im frühen 20. Jahrhundert hatte Albrecht Penck, damals Direktor des Geographischen Instituts der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität), die Idee, ein Kraftwerk in der Qattara-Senke zu bauen. Das in die Senke strömende Wasser sollte riesige Turbinen antreiben. Was mit dem Wasser anschließend geschehen sollte, war für ihn weniger von Belang.
Der Brite John Ball verfolgte diesen Plan in den 1920er Jahren weiter. Durch den Zweiten Weltkrieg kam er zum Erliegen. Allerdings gewann das Gebiet strategische Bedeutung: Hier fand im Herbst 1942 die entscheidende Schlacht bei El Alamein statt.
Anfang der 1960er Jahre nahm Friedrich Bassler, Wasserbau-Professor aus Darmstadt, die Pläne wieder auf. Seine Vorgänger waren nicht zuletzt daran gescheitert, dass der Bau eines Tunnels sehr teuer geworden wäre.
Ein Kanal soll gebombt werden
Bassler präsentierte da – ganz im Stil der Zeit – eine handfeste Lösung: Statt eines Tunnels sollte ein Kanal her. Den wollte er mit Atomsprengköpfen durch das bis zu 200 Meter hohe Libysche Plateau treiben. Und weil keine Idee verrückt genug ist, als dass sich nicht jemand findet, der darauf anspringt, baten US-Diplomaten in Kairo ihre Regierung, die Bomben zur Verfügung zu stellen.
Ganz aus den Köpfen ist das Projekt immer noch nicht. Zuletzt kam die Idee auf, Elon Musks Unternehmen Boring Company könnte den Tunnel bohren. Musk wiederum wäre verrückt genug, sich auf ein solches Projekt einzulassen.
Auch die Idee, das Tote Meer zu fluten – mit über 400 Metern unter dem Meeresspiegel der tiefste Punkt der Welt – wurde schon mehrfach erwogen, erstmals Mitte der 1850er Jahre. Zwei Projekte wurden gewälzt: ein Durchstich zum Mittelmeer oder eine Pipeline zu Roten Meer. Auch hier stand allerdings die Energiegewinnung im Vordergrund.
Letzteres Projekt wurde Zweimeereskanal oder Friedenskanal genannt. 2005 vereinbarten Israel, Jordanien und die Palästinensische Autonomiebehörde eine Machbarkeitsstudie. 2013 beschlossen die drei Partnerländer den Bau der Pipeline, die in der ersten Phase pro Jahr 80 Millionen Kubikmeter Wasser in eine Entsalzungsanlage und 120 Millionen Kubikmeter Wasser in das Tote Meer hätte bringen sollen. Baubeginn sollte 2018 sein. 2021 wurde das Projekt jedoch wegen politischer Unstimmigkeiten beendet.
Y Combinator sucht Start-ups
Das Risikokapital-Unternehmen Y Combinator schließlich hat vor einigen Jahren nach einem Start-up für das sogenannte Desert Flooding gesucht. Ziel hier war vor allem, in dem See Phytoplankton anzusiedeln, das Kohlendioxid aus der Atmosphäre binden kann.
Wissenschaftler bezweifeln jedoch die Machbarkeit solcher Projekte: Lynn Fenstermaker, Ökologin am Desert Research Institute in Reno im US-Bundesstaat Nevada, hält es für schwer vorstellbar, dass das Wasser in den trockenen Regionen nicht verdunsten wird. "Das ist nicht ohne Grund eine Wüste", sagte sie ndem US-Fernsehsender NBC News.
Auch auf die Tier- und Pflanzenwelt würde ein solche Projekt immense Auswirkungen haben. Viele Lebewesen würden der Flutung zum Opfer fallen. Man würde ja gern glauben, dass es in der Wüste kaum Leben gebe, sagte Henry Sun, Biologe am Desert Research Center, dem US-Sender. Das sei aber falsch: In der Wüste seien sehr viele Arten zuhause, die diesen Lebensraum brauchten.
Vielleicht muss die Wüste aber auch gar nicht unter Wasser gesetzt werden, um sie zu begrünen. Der Aufwand dafür könnte sehr viel geringer sein.