General vor dem NSA-Ausschuss: Der Feuerwehrmann des BND

Er war die treibende Kraft hinter der Operation Eikonal: Um dem BND zeitgemäßes Know-how und Technik zu besorgen, bot ein Abteilungsleiter der NSA den Zugriff auf den Frankfurter Internetknoten an. Mit einigen Tricks.

Artikel veröffentlicht am ,
Die neue Zentrale des BND in Berlin
Die neue Zentrale des BND in Berlin (Bild: Adam Berry/Getty Images)

Schon sein erstes Wort in der Vernehmung machte deutlich, dass Reinhardt Breitfelder das Kommandieren gewohnt war. Auf eine formale Frage des NSA-Ausschussvorsitzenden Patrick Sensburg (CDU) antwortete der 69 Jahre alte frühere Brigadegeneral mit einem kräftigen Nein, das keine Widerworte zulässt. In den folgenden Stunden präsentierte sich der langjährige Berufssoldat als der Mann, der den schwerfälligen Bundesnachrichtendienst (BND) von der Kurzwellenära ins Internetzeitalter bringen sollte. Dabei schreckte er auch vor unkonventionellen Methoden nicht zurück.

Stellenmarkt
  1. Informatiker*in Entwicklung von Simulationssoftware
    Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut EMI, Efringen-Kirchen, Freiburg
  2. DevOps/IT Operations Engineer (w/m/d) Container Platform
    ING Deutschland, Nürnberg
Detailsuche

Der gelernte Büromaschinenmechaniker wechselte 1996 von der Bundeswehr zum BND. Dort war er in den folgenden zehn Jahren bis zu seiner Pensionierung in fünf verschiedenen Positionen tätig. Die "kurzen Stehzeiten" hätten damit zu tun gehabt, dass er stets "Feuerwehraufträge" erledigen musste, sagte Breitfelder. Für einen solchen Noteinsatz übernahm er im Oktober 2003 die Leitung der Abteilung Technische Aufklärung beim BND. Innerhalb von sechs Wochen sollte er eine "haushaltsbegründende Vorlage" erstellen, mit der der Zugriff auf den Frankfurter Internetknoten ermöglicht werden sollte. Es ging um die "Beherrschung von Massendatenaufkommen bei paketvermittelter Übertragung". Mit anderen Worten: Der BND wollte endlich in der Lage sein, auch den Internetverkehr anzuzapfen und auszuwerten.

Kooperation schon vor dem 11. September 2001 geplant

Solche Überlegungen gab es nach Darstellung Breitfelders beim BND schon lange. Das Problem dabei: Die zum Teil hochfliegenden Pläne waren aus verschiedenen Gründen nicht umsetzbar. Zum einen standen rechtliche Vorschriften im Wege, zum anderen fehlte es an Personal, Geld und technischem Wissen. Nachdem Breitfelder seinen Posten übernommen hatte, versuchte er das für den BND Mögliche umzusetzen. Dazu griff er auf Erfahrungen zurück, die er bereits als Leiter der Abteilung Nachrichtengewinnung gesammelt hatte.

Der Ausschussvorsitzende Sensburg hielt dem Zeugen einen Bericht vor, den dieser nach einer USA-Reise im Sommer 2001 verfasst hatte. Wenige Wochen vor den Terroranschlägen vom 11. September 2001 schrieb er bereits von einer "strategischen Zusammenarbeit" mit der NSA. "Wir haben nach allem gefragt, was gut und teuer ist und was wir uns nicht leisten konnten", sagte Breitfelder. Zunächst sei die NSA zurückhaltend gewesen. Doch das änderte sich offenbar nach den Anschlägen. 2003 war beim BND dann der Punkt erreicht, an dem es hieß: "Wir müssen endlich einmal zu Potte kommen." Als Lockmittel wurde dem US-Geheimdienst angeboten, von der Telekommunikationsüberwachung in Frankfurt zu profitieren.

Rückendeckung vom Kanzleramt

Golem Karrierewelt
  1. CEH Certified Ethical Hacker v12: virtueller Fünf-Tage-Workshop
    14.-18.11.2022, Virtuell
  2. Deep Dive: Data Governance Fundamentals: virtueller Ein-Tages-Workshop
    22.02.2023, Virtuell
Weitere IT-Trainings

Für die Operation Eikonal wurden bei der Deutschen Telekom in Frankfurt am Main zunächst leitungsvermittelte Auslandsgespräche überwacht. Doch der Telekom war klar: Im Internet lässt sich nicht so leicht zwischen deutschen und ausländischen Daten trennen. Nach Angaben des Grünen-Ausschussobmanns Konstantin von Notz geht aus den Akten hervor, dass die Telekom von einem großen Anteil deutscher Verbindungsdaten ausging. Daher verlangte das Unternehmen eine rechtliche Absicherung, eine sogenannte G10-Genehmigung. "Denen sind die Füße kalt geworden, weil sich das erheblich ausgeweitet hat", sagte Breitfelder. Der BND wandte sich daraufhin an das Bundeskanzleramt, um die politische Rückendeckung für das Projekt zu bekommen. Was auch gelang.

Breitfelder hatte wenig Illusionen, was die Kooperation mit der NSA betraf. "Das hat nichts mit Freundschaft zu tun. Es zählt nur das Kalkül, seine Interessen durchzusetzen", sagte der Zeuge. In seinem Sinne dürften sich die US-Amerikaner bei der Kooperation sogar verkalkuliert haben. Denn der BND habe keine Abstriche bei den rechtlichen Vorgaben machen wollen und im Zweifel die Daten weggeworfen. "Wir hatten den Hahn voll aufgedreht und hinten raus kamen nur ein paar Tropfen", erläuterte Breitfelder. Das ging dem Partnerdienst bald sehr gegen den Strich und es folgte eine "unwirsche Anfrage an mich, warum es nicht weitergeht". Möglicherweise haben die Amerikaner gehofft, mehr Daten zu erhalten. Allerdings hätte die NSA es "nie gewagt, uns zum Rechtsbruch aufzufordern".

Keine Technik absolut sicher

Obwohl Breitfelder mehrfach von einer Massenerfassung von Daten sprach, wies er die Vorwürfe einer anlasslosen Massenüberwachung von Bürgern zurück. Gerade für die Internetüberwachung müsse man "dicke Bündel anfassen", da man nicht wissen könne, welchen Weg ein Datenpaket nehme. Es seien aber 99,9 Prozent der Daten weggeschmissen worden. Dennoch sei es technisch nicht möglich, die Daten deutscher Staatsbürger absolut sauber herauszufiltern. "Wer mit Technik umgeht, der muss sich damit abfinden, dass es absolut sichere Fehlerfreiheit nicht gibt", sagte Breitfelder. Ihm seien keine Fälle aus seiner Zeit bekannt, "wo das System versagt haben sollte".

Die Einstellung der Operation Eikonal erlebte Breitfelder nicht mehr in seiner Dienstzeit. Im Juni 2006 ging er in Pension. Auf seine Verdienste blickt er weiter durchaus stolz zurück. Ob man ihn als den Vater der modernen Sigint in Deutschland betrachten könne, fragte ihn der Ausschussvorsitzende Sensburg zwischendurch. Da sagte Breitfelder nicht Nein.

Bitte aktivieren Sie Javascript.
Oder nutzen Sie das Golem-pur-Angebot
und lesen Golem.de
  • ohne Werbung
  • mit ausgeschaltetem Javascript
  • mit RSS-Volltext-Feed


Aktuell auf der Startseite von Golem.de
Cloudgaming
Google Stadia scheiterte nur an sich selbst

Die Technik war nicht das Problem von Alphabets ambitioniertem Cloudgaming-Dienst. Das Problem liegt bei Google. Ein Nachruf.
Eine Analyse von Daniel Ziegener

Cloudgaming: Google Stadia scheiterte nur an sich selbst
Artikel
  1. Tiktok-Video: Witz über große Brüste kostet Apple-Manager den Job
    Tiktok-Video
    Witz über große Brüste kostet Apple-Manager den Job

    Er befummle von Berufs wegen großbrüstige Frauen, hatte ein Apple Vice President bei Tiktok gewitzelt. Das kostete ihn den Job.

  2. Copilot, Java, RISC-V, Javascript, Tor: KI macht produktiver und Rust gewinnt wichtige Unterstützer
    Copilot, Java, RISC-V, Javascript, Tor
    KI macht produktiver und Rust gewinnt wichtige Unterstützer

    Dev-Update Die Diskussion um die kommerzielle Verwertbarkeit von Open Source erreicht Akka und Apache Flink, OpenAI macht Spracherkennung, Facebook hilft Javascript-Enwicklern und Rust wird immer siegreicher.
    Von Sebastian Grüner

  3. Vantage Towers: 1&1 Mobilfunk gibt Vodafone die Schuld an spätem Start
    Vantage Towers
    1&1 Mobilfunk gibt Vodafone die Schuld an spätem Start

    Einige Wochen hat es gedauert, bis 1&1 Mobilfunk eine klare Schuldzuweisung gemacht hat. Doch Vantage Towers verteidigt seine Position im Gespräch mit Golem.de.

Du willst dich mit Golem.de beruflich verändern oder weiterbilden?
Zum Stellenmarkt
Zur Akademie
Zum Coaching
  • Schnäppchen, Rabatte und Top-Angebote
    Die besten Deals des Tages
    Daily Deals • LG OLED TV 2022 65" 120 Hz 1.799€ • ASRock Mainboard f. Ryzen 7000 319€ • MindStar (G.Skill DDR5-6000 32GB 299€, Mega Fastro SSD 2TB 135€) • Alternate (G.Skill DDR5-6000 32GB 219,90€) • Xbox Series S + FIFA 23 259€ • PCGH-Ratgeber-PC 3000€ Radeon Edition 2.500€ [Werbung]
    •  /