Abo
  • IT-Karriere:

Geheimdienst: BND möchte sich vor Gesichtserkennung schützen

Biometrie enttarnt nicht nur kriminelle Passfälscher, sondern auch Agenten. Ironischerweise sucht deshalb auch der BND nach Wegen, um Gesichtserkennung zu umgehen.

Artikel von Kai Biermann/Zeit Online veröffentlicht am
Der Autor rechts im Original und links so verfremdet, dass zumindest die Gesichtserkennung von Android ihn nicht mehr erkennt.
Der Autor rechts im Original und links so verfremdet, dass zumindest die Gesichtserkennung von Android ihn nicht mehr erkennt. (Bild: Wolfgang Star für Zeit Online)

In Deutschland gibt es Pässe und Ausweise nur noch mit biometrischen Fotos, die von Computern gelesen werden können. Das soll der Sicherheit aller dienen und wurde mit großem Brimborium eingeführt. Innenminister Wolfgang Schäuble sagte beispielsweise 2007: "Die biometrischen Merkmale sollen die Ausweispapiere fälschungssicher machen und sicherstellen, dass Passinhaber und vorlegende Person identisch sind."

Stellenmarkt
  1. Versicherungskammer Bayern, München
  2. AWO gemeinnützige Gesellschaft für soziale Einrichtungen und Dienste in Nordhessen mbH, Kassel

Doch nicht nur Kriminelle haben seither Probleme mit der neuen Technik. Auch dem Bundesnachrichtendienst geht sie offenbar gehörig auf die Nerven. Er würde gern heimliche Hintertüren in biometrische Fotos einbauen, wie aus einer geheimen Projektliste hervorgeht, die Zeit Online einsehen konnte. In der Liste stehen Projekte, mit denen der Dienst den Wunsch begründet, seinen Etat um 300 Millionen Euro zu erhöhen. Eines der Projekte hat den Titel "Schutz vor Identitätsaufklärung durch Bildmanipulation/-verfremdung".

Denn Biometrie enttarnt nicht nur kriminelle Passfälscher, Biometrie enttarnt auch Agenten und Spione, die mit falschem Namen unterwegs sind. "Gerade Agenten haben echte Probleme mit der Einführung der Biometrie bei Grenzkontrollen, da fallen ihre Zweitidentitäten plötzlich auf", sagt Jan Krissler. Er ist Biometrieexperte und Mitglied im Chaos Computer Club und hat beispielsweise demonstriert, wie sich Fingerabdrücke fälschen lassen, und wie der entsprechende Scanner des iPhones überwunden werden kann.

Ob der BND auch Passbilder auf diese Art verfremden will, geht aus der Projektbeschreibung nicht hervor. Vorstellbar wäre es. Die größte Sorge der Spione scheint aber etwas anderes zu sein: das Internet.

Um glaubwürdig zu sein, schreibt der BND, müssten die falschen Lebensläufe von Agenten heute auch mit Internetseiten belegt werden. Gemeint sind wahrscheinlich Facebook-Profile und gefälschte Firmenwebsites. Darauf veröffentlichte Porträtfotos aber würden die Gefahr bergen, dass Gesichtserkennungssoftware sie findet und mit bestehenden Fotodatenbanken vergleicht. Mit dem Risiko, dass die Agenten dem BND zugeordnet würden, oder dass gar ihr richtiger Name identifiziert würde.

100.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie

Der Geheimdienst will daher ein automatisches System entwickeln, um Fotos seiner Agenten so zu verfremden, dass Software sie nicht mehr enttarnt. Noch 2015 möchte er eine entsprechende Machbarkeitsstudie starten und dafür 100.000 Euro ausgeben.

Die Ironie des Vorhabens ist kaum zu übersehen: Erst führt der Staat verpflichtend ein Sicherheitssystem ein, nur um dann festzustellen, dass dessen Sicherheit ihn am meisten ärgert - und dann einen Weg zu suchen, um es zu umgehen.

Zwar ist es in erster Linie Google und Facebook zu verdanken, dass Gesichtserkennung bereits flächendeckend eingeführt ist. Selbstverständlich nutzen aber auch Sicherheitsdienste Biometrie in jeder nur erdenklichen Form. Das US-amerikanische FBI beispielsweise hat seine gesamte Datenbank mit Fotos von Verdächtigen und Straftätern auf Biometrie umgestellt und die Bilder alle mit Gesichtserkennung gescannt. Und die NSA sammelt laut Dokumenten, die Edward Snowden zugänglich gemacht hat, bereits massenweise Bilder im Netz, um darauf Gesichter automatisch zu identifizieren. Erste Polizeibehörden testen Gesichtserkennung im Alltag. Sie gilt dank der ausufernden Videoüberwachung als vielversprechende Technik, um Verdächtige weltweit schnell zu finden.

Für Datenschützer ein Albtraum. Für Agenten offensichtlich auch.

Verfahren, um Bilder entsprechend zu verfälschen, gibt es natürlich schon länger. Das wichtigste ist das Computerprogramm Photoshop. Bei einer Gesichtserkennung nimmt die Software möglichst eindeutige und unveränderliche Punkte im Gesicht und misst den Abstand zwischen ihnen. Also beispielsweise den zwischen den Augen, die Länge der Nase, die Höhe der Stirn oder die Breite des Kinns. Werden diese Parameter wie in einem Porträtbild mithilfe von Photoshop verändert, kann die Software die Fotos nicht mehr mit genügend hoher Wahrscheinlichkeit zuordnen - und zwar selbst dann, wenn Menschen noch eine Ähnlichkeit erkennen können. Perücken, Brillen und Bärte machen das Wiedererkennen noch schwieriger.

Mit 100.000 Euro oder mehr vom BND ließen sich solche Manipulationen wahrscheinlich beliebig verfeinern, sodass die von Menschen wahrgenommene Ähnlichkeit möglichst hoch, die Wiedererkennungsrate durch Computer aber möglichst gering ist.

"Ich fände es sogar gut, wenn der BND entsprechende Forschung finanziert", sagt Biometrieexperte Krissler. "Solange sie anschließend ihre Technik allen zur Verfügung stellen, damit jeder sich vor Überwachung schützen kann."



Anzeige
Top-Angebote
  1. 99,90€ + Versand (Vergleichspreis 149,85€ + Versand)
  2. 169,90€ inkl. Versand von Computeruniverse
  3. (u. a. GTA 5 PREMIUM ONLINE EDITION 8,80€, BioShock: The Collection 12,99€)
  4. 14,95€

Sharra 20. Nov 2014

BND-Mitarbeiter, die sich an Moral und Gesetz halten würden, hätten kein Gesicht mehr...

sedremier 20. Nov 2014

Sie sind überall! Nur weil ich paranoid bin, heisst das nicht, dass mir keiner folgt! ;)

tibrob 19. Nov 2014

Ich will einen Ball haben! Warum? Weil der andere Junge auch einen Ball hat!

yudothat 19. Nov 2014

http://hackaday.com/2010/06/27/now-you-see-me-now-you-dont-face-detection-scripts/ it's real

Prypjat 19. Nov 2014

Auha! Fiese Sache das. :D


Folgen Sie uns
       


Fernsteuerung für autonome Autos angesehen

Das Fraunhofer Institut für Offene Kommunikationssysteme zeigt die Fernsteuerung von Autos über Mobilfunk.

Fernsteuerung für autonome Autos angesehen Video aufrufen
Black Mirror Staffel 5: Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten
Black Mirror Staffel 5
Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten

Black Mirror zeigt in der neuen Staffel noch alltagsnäher als bisher, wie heutige Technologien das Leben in der Zukunft katastrophal auf den Kopf stellen könnten. Dabei greift die Serie auch aktuelle Diskussionen auf und zeigt mitunter, was bereits im heutigen Alltag schiefläuft - ein Meisterwerk! Achtung, Spoiler!
Eine Rezension von Tobias Költzsch

  1. Streaming Netflix testet an Instagram erinnernden News-Feed
  2. Start von Disney+ Netflix wird nicht dauerhaft alle Disney-Inhalte verlieren
  3. Videostreaming Netflix will Zuschauerzahlen nicht länger geheim halten

Digitaler Knoten 4.0: Auto und Ampel im Austausch
Digitaler Knoten 4.0
Auto und Ampel im Austausch

Auf der Autobahn klappt das autonome Fahren schon recht gut. In der Stadt brauchen die Autos jedoch Unterstützung. In Braunschweig testet das DLR die Vernetzung von Autos und Infrastruktur, damit die autonom fahrenden Autos im fließenden Verkehr links abbiegen können.
Ein Bericht von Werner Pluta

  1. LTE-V2X vs. WLAN 802.11p Wer hat Recht im Streit ums Auto-WLAN?
  2. Vernetztes Fahren Lobbyschlacht um WLAN und 5G in Europa
  3. Gefahrenwarnungen EU setzt bei vernetztem Fahren weiter auf WLAN

Vernetztes Fahren: Wer hat uns verraten? Autodaten
Vernetztes Fahren
Wer hat uns verraten? Autodaten

An den Daten vernetzter Autos sind viele Branchen und Firmen interessiert. Die Vorschläge zu Speicherung und Zugriff auf die Daten sind jedoch noch nebulös. Und könnten den Fahrzeughaltern große Probleme bereiten.
Eine Analyse von Friedhelm Greis

  1. Neues Geschäftsfeld Huawei soll an autonomen Autos arbeiten
  2. Taxifahrzeug Volvo baut für Uber Basis eines autonomen Autos
  3. Autonomes Fahren Halter sollen bei Hackerangriffen auf Autos haften

    •  /