Garmin Vivosmart 3 im Test: Ein ruhiger Tag kann echt stressig sein

Mein Tag verlief ruhig. Ich hatte gerade mal zwei Stunden und 15 Minuten Stress. Der wiederum war eine Stunde und fünf Minuten niedrig und nur 15 Minuten hoch – der Rest war so mittelstressig. Das sagt mir am Abend bei der Auswertung der Fitnesstracker an meinem Handgelenk: das Vivosmart 3 von Garmin(öffnet im neuen Fenster) . Das Gerät ist das erste Wearable mit einer derartigen Stressmessung. Aber, der Fitnesstracker und sein Träger sind sich selten einig darüber, wie anstrengend ein Tag wirklich war. Auch die Messung des Krafttrainings funktioniert noch nicht zuverlässig.

Das Gerät erfasst rund um die Uhr mit zwei LEDs optisch meinen Puls, gleichzeitig wertet es allerlei Bewegungsdaten aus. Allzu viele Details zur Berechnung des Stresslevels verrät der Hersteller nicht. Das Entscheidende ist wohl die Erfassung der Herzfrequenzvariabilität. Je schneller mein Puls in Ruhe wieder sinkt, desto weniger Stress habe ich – jedenfalls nach Meinung des Geräts.
Tatsächlich war der angesprochene "ruhige" Tag für mich aber ziemlich stressig. Es war der Dienstag, an dem auf der Spieleentwicklerkonferenz Quo Vadis in Berlin der Tech Summit von Golem.de stattfand und etwa Billy Khan von id Software einen Vortrag hielt . Ich hatte diverse andere Termine und eine kleine Standparty am Abend. Sehr wenig Schlaf, viel Hin- und Hergerenne – fast 30.000 Schritte, also 20 bis 25 Kilometer zurückgelegt. Unter ruhig verstehe ich etwas anderes.
Auch an den anderen gemessenen Tagen war das Vivosmart 3 gelassener als ich. Trotz Reisen, Sport, Arbeit und dem normalen Wahnsinn sind meine Tage entweder "ausgeglichen" oder "ruhig". Anfangs fand ich es noch interessant, wenn am späten Nachmittag die Auswertung kam – sie erfolgt erst, wenn genug Daten gesammelt wurden; über den aktuellen Stresslevel informiert mich das Display des Geräts in einer mehrstufigen Skala. Nach ein paar Tagen war die Neugier erloschen: Ich finde das System in dieser Form einfach sinnlos.










Die zweite Besonderheit des Vivosmart 3 ist die Erfassung von Geräte- und Krafttraining, etwa im Sportstudio. Bislang gibt es nur wenige Wearables, die sich an dieser Aufgabe versuchen – die meisten stammen von kleinen Herstellern, sie haben im Grunde eher experimentellen Charakter. Ein massenkompatibles System ist nicht in Sicht, dabei dürfte es Millionen potenzieller Kunden in den Sportstudios dieser Welt geben.
Garmin hat sich dafür entschieden, nicht die Gewichte aufzuzeichnen, sondern nur die Art der Bewegungen und die Wiederholungen. Das finde ich erstmal gar nicht so schlecht. Vor dem Start einer Übung etwa mit der Langhantel drücke ich das Touchdisplay, stemme dann die Gewichte, drücke in der Pause noch einmal und am Ende der Pause erneut – den Rest erledigt das Gerät – was in der Praxis einfacher ist, als es sich hier liest.
Korrekt gezählte Wiederholungen
Die Anzahl der Wiederholungen wird in geschätzt 90 Prozent der Fälle korrekt erkannt. Wenn sich das Gerät vertut, dann nur minimal; Fehler lassen sich direkt in der Pause korrigieren. Das Ganze funktioniert am besten bei Übungen mit vielen klar erkennbaren Armbewegungen.
Aber auch, wenn sich das Handgelenk nur minimal bewegt, etwa bei einem Rückenstrecker mit Hand am Sitz, arbeitet das System erstaunlich sauber. Nur bei Übungen, an denen ausschließlich der Unterkörper beteiligt ist, funktioniert es gar nicht. Die Daten lassen sich aber nachtragen.
Das Gerät weiß nicht, was ich trainiere
Gleichzeitig soll das Vivosmart 3 nach dem Hochladen der Daten anhand der typischen Bewegungsmuster erkennen können, was ich konkret gemacht habe, also dass ich etwa die Langhantel benutzt habe. Das erledigt nicht der Tracker selbst, das erledigen die Server von Garmin, vermutlich anhand von aufwendigen Big-Data-Vergleichen.
In der Praxis fehlt da offenbar noch Big Data, denn die Erkennung liefert nur in wenigen Fällen grobe Treffer – etwa den Hinweis, dass ich vermutlich irgendetwas mit Armbewegungen nach oben gemacht habe. Die konkrete Übung hat das Gerät bei mir nie identifiziert.
Immerhin kann ich das auf dem Portal Garmin Connect nachtragen, was aber noch extrem fehlerbehaftet ist. Aus einem 30-Minuten-Traing wird – vermutlich durch einen Bug bei den Zeitformaten – etwa eines mit einer Dauer von mehr als vier Stunden, dazu kommen weitere Probleme. Das kann ich zwar alles wieder korrigieren, aber dann sitze ich locker eine halbe Stunde nur an der Nachbearbeitung von ein bisschen Kraftsport.

Ebenfalls ärgerlich: Ich kann keine eigenen Übungen oder wenigstens Bezeichnungen anlegen; immerhin ist die Auswahl halbwegs sinnvoll zusammengestellt. Trotzdem, und auch wenn das Ganze in die richtige Richtung geht, für ein nicht gerade preisgünstiges Produkt ist es mir zu fehlerbehaftet und unvollständig.
Guter Fitnesstracker
Von diesen beiden Sonderfunktionen abgesehen arbeitet das Vivosmart 3 ordentlich bis sehr gut – so ähnlich wie die meisten anderen aktuellen Geräte von Garmin. Es erfasst neben dem Puls auch meinen Schlaf und die Schritte und schätzt auf dieser Basis die verbrauchten Kalorien. Natürlich zeigt es auch Nachrichten vom Smartphone an.
Ich kann Trainingseinheiten (Laufen, Cardio, Gehen und Sonstiges) mitsamt dem Puls aufzeichnen, auf dem Herstellerportal kann ich den Daten auch anderen Sportarten zuweisen. GPS-Daten erfasst das Vivosmart 3 nicht, die lassen sich auch nicht über ein mitgeführtes Smartphone dazukoppeln wie bei Fitbit.










Eine Besonderheit ist das monochrome Touchdisplay (64 x 128 Pixel). Es verwendet OLED-Technologie und scheint durch einen ungewöhnlich matten, groben Kunststoff hindurch. Mir gefällt das besser als das kratzeranfällige, glänzende Plastik, das sonst oft zum Einsatz kommt. Allerdings zieht das Vivosmart 3 relativ stark Staub an. Außerdem ist das Display bei Sonnenschein schlecht bis gar nicht abzulesen.
Die Bedienung erfolgt ausschließlich über Wisch- und Tippbewegungen am Display, einen Schalter gibt es nicht. Das Wearable lässt sich nicht abschalten. Das macht es selbst, sobald nach rund vier bis fünf Tagen der Akku leer ist. Zum Einschalten muss es dann wieder über das Ladekabel aufgeladen werden.
Verfügbarkeit und Fazit
Das Vivosmart 3 ist in drei Farben (Schwarz, Dunkelblau und Dunkelviolett) und mit zwei unterschiedlich langen Armbändern für rund 150 Euro erhältlich. Laut Hersteller ist es bis zu einer Tiefe von 50 Meter wasserfest.
Nach Angaben von Garmin sollen die Funktionen zur Stressmessung irgendwann auch per Update für die Sportuhr Fenix 5 ( Test auf Golem.de ) verfügbar sein. Ob auch die Erfassung von Kraftsportdaten per Patch kommt, ist unklar. Das Vivosmart 3 muss zur Stress- und Kraftmessung nicht der aktive Tracker sein, es kann also für diese Funktionen parallel mit anderen Wearables von Garmin verwendet werden.
Fazit
Es ist schon beeindruckend, was so ein kleines und flaches Gerät wie der Vivosmart 3 inzwischen alles messen kann. Rund um die Uhr den Puls – und das sogar ziemlich genau, plus Bewegungen aller Art. Wer Spaß an solchen Daten hat und gerne Sport treibt, bekommt durchaus einen angemessenen Gegenwert für sein Geld.
Nur: Gerade die Alleinstellungsmerkmale Stressmessung und Kraftsportaufzeichnung sind im derzeitigen Zustand noch ziemlich sinnfrei. Selbst wenn die Daten mal korrekt wirken: Was, bitteschön, soll ich damit anfangen? Die Kollegen bei Golem.de werden mir (zurecht!) den nächstbesten Laptop um die Ohren hauen, wenn ich sie mit Verweis auf mein hohes, am Handgelenk gemessenes Stresslevel bitte, meine Arbeit zu übernehmen.
Mit der Aufzeichnung von Krafttraining ist die Sache etwas anders. Auch hier bringen die Daten zwar keinen unmittelbaren Nutzen – aber immerhin weiß ich so bei korrekter Nachbearbeitung, was ich im Fitnessstudio geleistet habe.
Die Benutzerführung der Vivosmart 3 beim Kraft- und Gerätetraining finde ich sehr gut. Aber die vielen Bugs auf dem Portal Garmin Connect sollte der Hersteller mit einer Kraftanstrengung schnellstmöglich korrigieren.
Abgesehen von den beiden angesprochenen Sonderfunktionen empfiehlt sich der Vivosmart 3 als Fitnesstracker nur zusammen mit einer anderen Uhr. Die Zeitanzeige ist auf dem Display schon bei mäßigem Sonnenschein schlecht lesbar. Dafür ist das Wearable aber sehr bequem zu tragen, und der Akku hält trotz kontinuierlicher Datenaufzeichnung lange durch.



