Suche
Anzeige
(Bild: Gardena)

Gardena: Open Source, wie es sein soll

Wenn Entwickler mit Zeitdruck nach Lösungen suchen und sich dann für Open Source entscheiden, sollte das anderen als Vorbild dienen, sagen zwei Gardena-Entwickler in einem Vortrag. Der sei auch eine Anleitung dafür, das Management von der Open-Source-Idee zu überzeugen - was auch den Nutzern hilft.

Das Gateway des Smart Home System von Gardena steuert zentral verschiedene mehr oder weniger smarte Gartengeräte des Marktführers. Trotz anfänglich großer Probleme ist die zugehörige Software inzwischen auf einem Stand, der aus Sicht der Linux-Community sowie der Nutzer als absolut erstrebenswert bezeichnet werden kann. Wie es dazu gekommen ist, haben die beiden zuständigen Entwickler Andreas Müller und Reto Schneider auf dem Open Source Summit in Lyon berichtet.

Anzeige

Mit ihrer Geschichte wollen sie offenbar als eine Art Vorbild dienen: "Zeigt diesen Vortrag eurem Management!", forderten sie das Publikum auf. Ihren Weg mit und an der Software nennen die Entwickler in Anlehnung an den Call-for-Papers "Kriegserzählung" - was natürlich nur im übertragenen Sinne und als Kategorie für hart erarbeitete Erfahrungen zu verstehen ist.

So entdeckte Golem.de im Frühjahr 2016 beim Test des Gardena Smart System noch einige Hindernisse, die vor allem auf die Software zurückzuführen waren. Und das Unternehmen hatte - leider nicht unüblich - damals auch klar gegen die Lizenzbedingungen des genutzten Linux-Codes verstoßen.

Für die zweite Generation des Geräts wollte das Team von Anfang an alles richtig machen - aus eigener Motivation heraus - wie die beiden mehrfach betonten. Das Thema Open Source wurde in der Führungsetage von Gardena laut Schneider und Müller eher mit Desinteresse und niedriger Priorität behandelt. Daher musste der Open-Source-Ansatz für das Gerät von Grund auf gestaltet werden.

Kritisch für das Projekt war zusätzlich der Zwang, den geplanten Fertigstellungstermin einzuhalten. Denn eine Verschiebung des Marktstarts eines Geräts kann und will sich der Marktführer nicht leisten. Vom Projektstart bis zum geplanten Verkaufsstart hatte das Team nur ein Jahr Zeit, "einen Backup-Plan gab es nicht", heißt es im Vortrag der Entwickler. In einem anschließenden Gespräch mit Golem.de sagte Schneider außerdem: "Open Source hat uns mehr als einmal gerettet".

Lizenzkonform nur durch sanften Druck

Dafür musste jedoch auch erst für das richtige Verständnis im Unternehmen gesorgt werden. So stellte uns Gardena für die erste Generation des Geräts den unter GPL stehenden Quellcode damals nicht zur Verfügung und war auf entsprechende Anfragen auch nicht vorbereitet. Wie Schneider in dem Vortrag anhand von Screenshots aus dem internen Bugtracker des Unternehmens belegte, wurde die Einhaltung der Lizenzen zunächst auch schlicht nicht als wichtig genug betrachtet.

Das lag laut den Vortragenden klar am damaligen Fehlen des Open-Source-Ansatzes. Das Unternehmen hatte "wenig bis gar keine Erfahrung mit Elektronik oder Software", immerhin hat Gardena bisher fast ausschließlich mechanische Teile wie Schläuche, Brausen, Ventile oder Ähnliches hergestellt und vertrieben. Vorherrschend gewesen sei außerdem die Herangehensweise: "Wenn das Produkt fertiggestellt ist, ist es fertig". Die Idee, dass Software auch über zehn Jahre lang gepflegt und das Produkt dafür immer wieder angefasst werden muss, ist für ein Hardware-Unternehmen schwer verständlich.

Schneider versuchte, wie er erzählte, seinen Vorgesetzten klar zu machen, dass solch ein Desinteresse in Bezug auf die die Lizenzen das Geschäft mit dem Smart-Home-Geräten wie auch die Reputation des Unternehmens behindern oder gar zerstören könne. Zunächst seien seine Argumente im Unternehmen aber nicht erhört worden. Schneiders Einträge dazu im Bugtracker seien sogar in ihrer Priorität heruntergestuft worden - mit der Begründung, die Lizenzkonformität sei "kein Release Blocker".

Die Bemühungen um eine Lizenzkonformität waren letztlich dennoch erfolgreich. Dazu beigetragen hat dem Vortrag zufolge die breite Medienaufmerksamkeit der Klage des Entwicklers Patrick McHardy gegen den Elektronikhersteller Geniatech. Zwar wurde die Klage in zweiter Instanz wegen der wohl geringen Erfolgsaussichten zurückgezogen. In der Vorinstanz hatte das Landgericht Köln aber noch ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro oder bis zu sechs Monaten ersatzweise Haft bei Nichteinhaltung der Lizenz angedroht.

Das wiederholte Drängen Schneiders sowie der Verweis auf den möglichen massiven Schaden für das Unternehmen bei Nichteinhaltung waren dann wohl ausschlaggebend dafür, dass Gardena schließlich den Bedingungen der GPL nachkam. Die Entwicklung des Codes kann auf Github nachvollzogen werden.

Vorbildwirkung kann der Vortrag auf zweifache Weise entfalten: Er könnte andere Firmen ermutigen, ebenfalls offener über ihre Probleme und die gefundenen Lösungen sprechen - was heute besonders bei solchen Unternehmen selten ist, die erst seit kurzem Software erstellen. Andererseits zeigt die Geschichte, wie Entwickler den Open-Source-Gedanken in ihren Unternehmen verbreiten können, insbesondere wenn diese Firmen keine klassischen Softwarehersteller sind.

Schneider und Müller zeigen nicht nur, wie Open Source aus rechtlicher Perspektive richtig gemacht werden kann, sondern auch, was das technisch bedeutet und wie es umgesetzt werden kann.

  1. Offene Geräte sind gut für alle
  1. 1
  2. 2