Garamantis: Vorsicht Vitrine, anfassen erwünscht!

Museen haben in den vergangenen Jahren deutlich aufgerüstet. Es reicht längst nicht mehr aus, ein altes Artefakt in eine Vitrine zu setzen und ein kleines Schildchen mit einer zweizeiligen Erklärung daneben zu stellen. Stattdessen sollen neue, vielfältige Präsentationsformen den Besucher in seinen Bann ziehen und ihn zum Spielen mit dem Ausstellungsobjekt animieren. Doch was steckt hinter den interaktiven Installationen? Um diese Frage zu beantworten, haben wir das Unternehmen Garamantis(öffnet im neuen Fenster) besucht. Dabei waren wir überrascht, wie manche scheinbare Zauberei ein cleveres Zusammenspiel von Low- und Hightech ist.
Technik wird magisch
"Je mehr Technik wir einsetzen, umso unsichtbarer wird sie" , antwortet Oliver Elias etwas mysteriös auf unsere Frage, ob er und seine Kollegen von Garamantis die Technik um ihrer selbst willen in Museen und Ausstellungen bringen wollen. Doch der Widerspruch ist einfach aufzulösen: Statt die Technik klassisch mit einem zentralen Bedienungsfeld, Tastatur oder Touchpad zu steuern, dient das ganze Objekt als Benutzeroberfläche. Gleichzeitig erkennt das Objekt seine Umwelt und kann auf die Bewegungen und Gesten der Benutzer reagieren. Wenn versteckte Sensoren und Aktoren die Tastatur ersetzen, wird aus einem schnöden Computer eine scheinbar magische Kiste.

Um solche magischen Kisten zu bauen, haben Elias und Marcus Dittebrand 2014 ihre Firma gegründet. Die beiden Tüftler haben sich bei gemeinsamen Projekten für die Ars Electronica(öffnet im neuen Fenster) kennengelernt, einer weltweit anerkannten Institution für Medientechnologien und -kunst. Später kam noch Andreas Köster dazu. Gemeinsam entwickeln und bauen sie interaktive Installationen für Museen und Ausstellungen, aber auch für Unternehmen, zum Beispiel für Messen.
Die Vitrine wird modernisiert
Sie zeigen uns zwei Demonstrationsobjekte: Eine Vitrine mit einer Tontafel, wie sie auch in jedem Museum stehen könnte, und einen großen Tisch mit eingelassenem Monitor. Auch der wirkt auf uns zuerst nicht besonders revolutionär.







Wir treten an die Vitrine heran. Köster fordert uns auf, über das Glas zu streichen. In einem normalen Museum würde der Wärter wohl sofort panisch werden, wir trauen uns deshalb kaum. Als wir es tatsächlich tun, fängt die Tontafel an, sich zu drehen. Doch nicht nur sie, auch das Hintergrundbild verändert sich. Es ist ein 360-Grad-Panoramabild. So können wir nicht nur die Tafel von allen Seiten sehen, sondern erhalten auch einen Eindruck davon, in welchem Umfeld sie gefunden wurde. In der Vitrine befindet sich zudem ein kleines Display mit Informationen. Über zwei markierte Touchfelder auf dem Glas können wir durch den Text scrollen. Das Display ist nicht vertikal aufgestellt, sondern nach oben geneigt, so dass wir beim Lesen die Tontafel im Blick haben.
Dass der Tisch auch einige Geheimnisse enthält, merken wir beim Nähertreten. Noch bevor wir den Tisch anfassen können, erscheint am Bildschirmrand eine Aufforderung, eine Karte in eine grün wabernde Aussparung an einer Ecke zu halten. Eher unbewusst registrieren wir, dass der auf der anderen Seite dazutretende Köster ebenfalls eine solche Aufforderung bekommt - auf seiner Seite des Bildschirmrandes. Er drückt uns eine Postkarte in die Hand. Wir halten sie in die Aussparung, keine Sekunde später leuchtet sie rot und wir nehmen sie heraus. Köster macht das Gleiche. Und schon tauchen auf dem Bildschirm Fotos und Videos auf.
Neugierig untersuchen wir die Karte, finden aber weder Markierungen noch QR-Code. Wir beginnen, die Fotos anzuschauen und die Videos zu starten. Wir können sie mit Gesten zoomen, beliebig drehen und sie über den Tisch schieben. Elias und Dittebrand bringen eigene Karten mit. Schließlich wischen, streichen und tippen acht Hände gleichzeitig auf dem Tisch herum. Auch wenn laufende Videos und Fotos gleichzeitig gedreht, verschoben und gezoomt werden, nie ruckelt es.
Magie erfordert Rechenpower
Wir bitten die Drei, uns einen Blick ins Innere zu gewähren und mehr über die Technik zu verraten.
Sie öffnen den Tisch, der ist erst einmal nur eine große Kiste. Ein kleines Towergehäuse steht etwas verloren darin. Über den Aussparungen entdecken wir Kameras. Mittig am Boden des Tisches ist ein kleines rundes Ding. Ein Lidar, wie uns Elias erklärt. Uns wird die Funktionsweise langsam klar: Das Lidar dient zur verzögerungsfreien Erkennung sich nähernder Personen. Die Kameras sorgen zusammen mit einer Bilderkennung für eine Identifikation der Karten.
Allein diese Aufgaben saugen schon Rechenleistung, dazu kommt die ruckelfreie Interaktion auf dem Touchdisplay. "In dem kleinen Towergehäuse stecken eine Nvidia-Quadro-Grafikkarte und als CPU ein Intel i7-Prozessor" , erklärt Elias, beides teuere High-End-Technik. Für die Steuerung der Lichteffekte kommt hingegen Low-Tech zum Einsatz. Darum kümmern sich Arduinos, kleine und preiswerte 8-Bit-Mikrocontrollerboards.







Bei der Vitrine sieht es ähnlich aus, nur dass dort noch mehr Arduinos zum Einsatz kommen. Ein Computer dient zur Ansteuerung des Hintergrunddisplays, stellt die Inhalte des Infodisplays bereit und koordiniert die Arduinos. Neben der Ansteuerung des Motors für den Drehteller mit der Tontafel werten die Arduinos die Signale der Touchfolien aus, die auf den Glasscheiben aufgeklebt wurde.
Erst die Idee, dann die Hardware
Trotz der dominanten Technik beginnen die Drei bei einem neuen Projekt nicht sofort mit dem Programmieren und Schrauben. "Die Kunden liefern uns zwar die Inhalte. Doch wie sie präsentiert werden sollen, davon haben sie meist erstmal nur vage Vorstellungen" , sagt Köster. Um diese zu präzisieren, hilft den Tüftlern ihre lange Erfahrung mit früheren Projekten. Auch der regelmäßige Blick auf aktuelle, oft künstlerische Werke liefert neue Ideen.
Kompliziert wird es durch rein technische Randbedingungen: Technik benötigt Strom, die Abwärme leistungsstarker Computer muss abgeführt werden. Sollen mehrere Installationen zusammenwirken, müssen sie vernetzt werden. Selbst der Internetzugriff für das Fernupdate von Inhalten und Softwarepatches ist inzwischen Realität. Bei Altertümern müssen außerdem bestimmte Klimaverhältnisse in Vitrinen eingehalten werden und die Baumaterialien bestimmte Anforderungen erfüllen.
Schließlich spielen die Kosten eine Rolle. Dabei kann sich teure Technik durchaus als die billigere Variante erweisen. Elias erklärt uns das anhand großer touchfähiger Display-Installationen, bei denen viele Monitore zu einer großen Fläche zusammengestellt werden. Eine teure Grafikkarte kann zwar soviel kosten wie mehrere Rechner zusammen, doch sie kann bis zu 16 Monitore ansteuern. Deutlich billigere Modelle schaffen nur vier. Es werden also mehrere Rechner notwendig, dazu kommt der ebenfalls notwendige und potenziell fehlerträchtige Programmier- und Vernetzungsaufwand.
Neben der Automatisierung durch Bashscripte gab auch das Budget den Ausschlag, auf den rund 200 Installationen im Deutschen Spionagemuseum Linux statt zum Beispiel Windows zu installieren. Beim Betriebssystem führen Oliver Elias und Marcus Dittebrand sonst keine großen Glaubenskriege. "Allerdings bietet Windows eine bessere Grafiktreiber-Unterstützung" , gibt Elias zu. Damit sie bei der Verwaltung und Programmierung interaktiver Oberflächen nicht stets von Null anfangen und zu stark vom Betriebssystem anhängig sind, haben die Entwickler mittlerweile ihre eigenen Frameworks und auch ein eigenes CMS entwickelt.
Museumswärter wird zum Sysadmin
Wenn, wie im Spionagemuseum, 200 Installationen zur Anwendung kommen, stellt sich uns zwangsläufig die Frage, wer die Systeme eigentlich im Auge behält. "Die Museumsangestellten" , sagt Köster. Sie erhalten eine Einführung in die Betreuung der Technik. Schwerwiegende Probleme können einen Vor-Ort-Termin erfordern, ansonsten wird versucht, soweit es machbar ist, es per Fernwartung zu lösen.

Berührungsängste mit der Technik gibt es seitens der Museen und Ausstellungsorganisatoren wenig, wie Köster sagt. Im Gegenteil: Die Technik bietet ganz neue Möglichkeiten, Besucher-Feedback zu erhalten. Die Computer können die Nutzung erfassen. Die Museen erfahren, welche Inhalte und Präsentationsformen von den Besuchern angenommen werden und welche nicht.
Die Besucher gehen wenig ängstlich mit den Geräten um - zuweilen sogar bemerkenswert arglos. Elias erzählt uns, wie eine Besucherin während einer Ausstellung auf einem der großen Touch-Displaytische ihr Kind gewickelt hat. Für sie war die an sich empfindliche Technik offenbar tatsächlich unsichtbar geworden.
In gewisser Weise ist den Tüftlern von Garamantis bei der Mutter gelungen, was ihr selbst gestecktes Ziel ist: Den Besucher zu physischen Interaktionen zu ermutigen und damit einen Ausstellungsbesuch interessanter zu machen und in der Erinnerung zu verankern.
Nicht nur weg vom Smartphone
Dabei spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass viele mehr aufs Smartphone starren als auf die Kunstwerke und Altertümer selbst. Es geht den Tüftlern bei ihren Installationen zwar nicht nur um einen Kampf um die Aufmerksamkeit, doch er spielt eine Rolle. Denn selbst Audioguides und einfache Lesetexte können laut ihrer Aussage zuweilen vom eigentlichen Ausstellungsobjekt ablenken und den Betrachter von ihm isolieren.
Moderne Technik ermöglicht es, neue Ausstellungskonzepte auszuprobieren, bei denen sogar mehr Zusatzinformationen vermittelt werden, während der Betrachter trotzdem physisch nah am Objekt bleibt. Oliver Elias und Marcus Dittebrand setzen große Hoffnungen auf Augmented und Virtual Reality und experimentieren bereits damit.
Doch parallel dazu müssen sie andere, profanere Aufgaben lösen. Noch finden sich interaktive Vitrinen nicht in jedem Museum und jeder Ausstellung. Garamantis arbeitet daran, aus den Einzelstücken Serienmodelle zu machen. Vitrinen zu berühren, könnte also in Zukunft öfters erwünscht sein.



