Gaming: Konsolenkrieg statt Spielestreaming
Playstation 4 und Xbox One sind zwar schon Auslaufmodelle, aber die nächste Hardwaregeneration ist noch nicht so recht in Sicht. Wesentlich konkreter ist da schon die Konkurrenz aus dem Streaming-Lager. Vielleicht brauchen wir ja im Angesicht von Stadia & Co. gar keine neuen Konsolen mehr?
Knapp sechs Jahre alt sind die PS4 und die aktuelle Xbox inzwischen – und sollten sie tatsächlich gegen Ende 2020 von der nächsten Generation abgelöst werden, dann hätten sie ungefähr das gleiche Alter erreicht wie ihre Vorgänger, als sie ausgemustert wurden. Viel bekannt ist bisher nicht über die neuen Topmodelle von Sony und Microsoft. Nicht mal über das angestrebte Geschäftsmodell der Hersteller ist man sich ganz sicher.

Die Frage nach der Zukunft der Konsolen ist untrennbar mit der Frage nach Cloud- und Abo-Gaming verknüpft. Konzepte wie Stadia oder Apple Arcade könnten anstelle von greifbarer Hardware die Zukunft sein. Immerhin verspricht uns der Zock aus der Dose ein unkompliziertes "Wann du willst, wo du willst und worauf du willst".
Im günstigsten Fall könnte der Erfolg von Spielestreaming für eine schöne neue Spielewelt sorgen, die sich endgültig von der Hardware-Rüstungsspirale entkoppelt und in der irgendwie jeder mit jedem kann. Der schon seit 8-Bit-Zeiten gängige "Ätsch, meine Hardware ist aber viel geiler als deine!"-Habitus würde damit endgültig der Vergangenheit angehören.
Schlimmstenfalls wäre die grenzenlose Gaming-Welt eine, in der wir als Nutzer immer mehr Rechte verlieren – zum Beispiel das Recht darauf, ein Produkt wirklich zu besitzen. Und es auch dann zu genießen, wenn unsere Internetleitung streikt oder der Vertrag des Spieleherstellers mit dem des Plattformbetreibers endet. Schon jetzt haben große Publisher Vorteile, weil sie sich bessere Produktplatzierungen im Einzelhandel oder auf digitalen Vertriebsplattformen leisten können.
Streamingkanäle hätten die Möglichkeit, derartige Monopole noch zu stärken. Eine reelle Chance auf Sichtbarkeit hätte hier nur, wer sich durch schiere Markt- oder Markenmacht in einer guten Verhandlungsposition befindet, während die Kleinen und Allerkleinsten schwächeln könnten. Sie würden für ihre vergleichsweise geringen Aufrufzahlen bestenfalls homöopathische Geldbeträge bekommen.
Indiegames wären in diesem neuen Business nur überlebensfähig, wenn sie unmittelbar durch den Plattformbetreiber kuratiert oder durch einen größeren Publisher vertreten werden. Kein Wunder, dass große Drittanbieter wie Activision, Electronic Arts oder Ubisoft den Durchbruch der Streaming-Ära schon lange herbeisehnen. Sie hoffen, dass ihnen durch günstige Abomodelle und die Entkoppelung von Hardwaregrenzen oder Systemvoraussetzungen mehr Konsumenten denn je ins Netz gehen.
Dass diese Diskussion ausgerechnet in dem Moment entfacht wird, in dem Google mit der Streaming-Bühne beginnt, hat einen guten Grund: Vergleichbare Konzepte gibt es zwar schon, seit David Perry vor rund zehn Jahren mit Gaikai angefangen hat. Aber erst mit dem Engagement des Youtube-Eigentümers und Online-Service-Konzerns Google hat das interaktive Streaming-Zeitalter wirklich begonnen.
Denn wenn jemand die technischen, monetären und netzwerkseitigen Ressourcen hat, um diese Vision umzusetzen, dann Google. Auch der Starttermin ist clever gewählt, denn derzeit befinden wir uns wieder mal im Niemandsland zwischen zwei Hardwaregenerationen. Beim Auslaufen der letzten Geräte waren es Android-basierte Quasi-Konsolen wie die OUYA, die – befeuert vom Erfolg der Smartphones und Tablets – die Übergangszeit genutzt haben, um unser Interesse zu wecken. Der Geruch von etwas Neuem lag in der Luft, aber noch war nicht klar, was genau dieses Neue sein würde. Darum waren wir bereit, so ziemlich jedem unser Vertrauen zu schenken, der das Vakuum mit einem klangvollen Konzept füllen konnte.
Vor allem Sony könnte Probleme bekommen
Zwischenfazit: Je länger die Konsolenhersteller warten, bis sie ihre neuen sogenannten Flaggschiffe entweder vom Stapel laufen oder uns zumindest einen kurzen Blick in die Schiffswerft werfen lassen, desto größer die Chance, dass ein anderer den leeren Hafen anläuft und es sich am Pier gemütlich macht.
Für Microsoft wäre ein derartiger Ausverkauf des klassischen Hardwarekonzepts vermutlich nicht mal schmerzhaft. Der Windows-Hersteller verfügt in der aktuellen Konsolengeneration nicht über sonderlich große Hardwarebasis – aber dafür über eine Menge Nutzer, die er gerne an eine hardwareunabhängige Streaming-Plattform wie seine neue Xcloud binden würde.

Etwas anders sieht das bei Sony aus. Der Konzern hat mit Playstation Now derzeit zwar das einzige wirklich funktionierende Streaming-Angebot, aber das ist aktuell wenig mehr als ein Testangebot. So werden aktuelle PS4-Exklusiv-Titel den Abonnenten noch immer systematisch vorenthalten, denn Sony möchte lieber Konsolen und Spiele verkaufen als Now-Abonnenten gewinnen. Nirgendwo sonst zeigt sich so vortrefflich, wie sehr sich das an harte Retail-Verkäufe gebundene Konsolengeschäft und das Streaming-Modell widersprechen.
Ob Sony es schaffen würde, sein hardwaregetriebenes Geschäftsmodell rechtzeitig von Verkauf auf Streaming und Abo umzuschalten, ist fraglich. Aber vielleicht muss es das auch gar nicht: Denn als die Playstation 4 Ende 2013 erschien, galten Konsolen im Angesicht von Smartphone- und Selfpublishing-Revolution bereits als tot.
Darum versuchte sich Nebenbuhler Microsoft für die Xbox One nicht an einem klassisch konsolischen, sondern einem multimedialen Hybridkonzept – und erlebte damit prompt eine brutale Schlappe, während Sony durch Altbewährtes siegte. Und das mit gigantischem Vorsprung. Denn längst nicht alle Gamer ticken so einfach, wie sich die Konzerne das wünschen. Zwar schrumpft die ehemals dominante Identifikation mit den Herstellern, während die plattformunabhängige Bindung an die Communitys wächst. Aber noch immer wollen viele Spieler sammeln, horten und die Artefakte ihrer geradezu kultischen Verehrung in Schrank oder Vitrine stellen.
Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist der psychologische Trigger-Effekt durch neue Hardware. Würde man das Games-Geschäft von der Notwendigkeit entkoppeln, neue und attraktive Hardwareplattformen zu entwickeln, würde es rasant stagnieren. Es würde sich in eine triste Servicelandschaft verwandeln, in der wir jedem neuen Release gleichgültig gegenüberstehen und wir uns lustlos durch Spielewelten ackern, die darauf ausgelegt sind, uns in ewigen Endlosschleifen gefangen zu halten.
Dabei würden sie aber der menschlichen Natur widersprechen, denn auch der Mensch selber denkt und funktioniert in Zyklen. Er entwickelt sich nicht nach und nach, sondern in Sprüngen. Zum Beispiel, weil er dazu gezwungen wird, sich auf neue Umstände einzustellen oder auf Ereignisse zu reagieren. Dann erwacht der Mensch aus seiner Lethargie, wird die Neugierde in höchste Alarmbereitschaft versetzt und macht sich die Begeisterungsfähigkeit sprungbereit. Entfernt man diese zyklische Triebfeder aber aus der Entwicklung, sind früher oder später Desinteresse und Dämmerzustand die Folge.
Und jetzt mal ehrlich: Wäre eine Welt ohne Diskussion über Hardware oder ohne Neugierde auf frische Technologie wirklich erstrebenswert? Möchten wir die Vorfreude missen, die mit der bevorstehenden Ankündigung neuer Systeme und ihrer Leistungsdaten oder besonderen Funktionen einhergeht? Oder die Streitbarkeit, die ein schöner, altmodischer Konsolenkrieg mit sich bringt? Mitsamt all seinen erhitzten Online-Debatten, Shitstorms und Troll-Aufständen?
Immerhin ist die Aufregung doch seit jeher ein wesentlicher Teil des ganzen Spaßes. Und ja, darum brauchen wir die neue Konsolengeneration unbedingt. So schnell wie möglich, so stark wie möglich, so klassisch wie möglich – und dabei trotzdem innovativ genug. Nicht nur mit in die Länge gezogenen Servicespielen, für deren Lösung wir die halbe Konsolengeneration benötigen. Sondern vor allem mit kurzen, knackigen sowie lustvollen Games, die uns genau das Spektakel liefern, das nur eine mit Big Screen und Heimkino verstöpselte Konsole kann.
Mit Exklusiventwicklungen voller technischer und spielerischer Revolutionen, die uns mit offenen Mündern zurück-, die Wände beben und die Nachbarn mit drohend erhobener Faust vor unserer Wohnungstür Sturm läuten lassen. Darum sollten wir die nächste Konsolengeneration herbeisehnen und feiern, als wäre es tatsächlich die letzte – damit danach noch eine kommt. Und dann noch eine und noch eine und noch eine.
Robert Bannert ist freier Autor und gibt das E-Magazin Elektrospieler(öffnet im neuen Fenster) heraus.
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