Zum Hauptinhalt Zur Navigation

Game of Thrones: Die Kunst, Fiktion mit Wirklichkeit zu verschmelzen

Wenn Daenerys Targaryen am Ende der sechsten Staffel von Game of Thrones mit ihrer Flotte nach Westeros segelt, dann sollen die Schiffe aussehen, als seien sie echt. Dabei stammen sie, wie auch die Starfighter in der gleichnamigen RTL-Produktion, aus den Computern des Stuttgarter Unternehmens Mackevision .
/ Werner Pluta
94 Kommentare News folgen (öffnet im neuen Fenster)
Der Koloss von Braavos: Recherche-Ausflug zum Hermannsdenkmal (Bild: HBO/Mackevision)
Der Koloss von Braavos: Recherche-Ausflug zum Hermannsdenkmal Bild: HBO/Mackevision

Was ist echt an der Aufnahme von Königsmund? Die Straßen? Die Menschen, die die Straßen bevölkern? Der Rote Bergfried im Hintergrund? Die Vögel, die ihn umkreisen? Der dramatische Himmel? Game of Thrones setzt, was die Bilder und visuelle Effekte angeht, neue Maßstäbe. Mit dafür verantwortlich ist Mackevision.

Jan Burda (Senior Compositing Artist) – Interview
Jan Burda (Senior Compositing Artist) – Interview (04:21)

Die Artists des Unternehmens haben aus Dubrovniks Altstadt Königsmund, die Hauptstadt der Sieben Königslande, gemacht, karge Landschaften mit Soldaten bevölkert oder eine riesige Flotte über die Meerenge segeln lassen. "Die Kunst besteht darin, Fiktion mit Wirklichkeit verschmelzen zu lassen und ein imposantes Bild zu erzeugen" , sagt Jan Burda, Senior Compositor und seit der zweiten Staffel der Serie mit dabei.

Mackevision arbeitete an aktueller Staffel mit

Auch an der aktuellem Staffel hat Mackevision(öffnet im neuen Fenster) wieder mitgearbeitet. Die letzten Shots für die siebte Staffel, die in Deutschland auf Sky zu sehen ist, wurden am Tag vor unserem Besuch abgenommen. So haben er und Heiko Burkardsmaier Zeit für ein Gespräch mit Golem.de. Burkardsmaier ist Gründer und Leiter von Mackevisions Abteilung für Computertricks oder visuelle Effekte (VFX).

Hauptsächlich arbeitet das Stuttgarter Unternehmen allerdings für die großen Automobilhersteller, erstellt Visualisierungen und Animationen oder entwickelt Lösungen, um den Designprozess mit Hilfe von virtueller Realität zu beschleunigen . "Ich bearbeite die Bilder künstlerisch, für mich ist das kein Unterschied, ob ich an einem Auto oder Film arbeite" , sagt Burda. "Beides bietet die gleiche Herausforderung: dass ich ein realistisches, echtes Bild erzeuge, was den Zuschauer täuscht"

Autobilder und Spielfilme

Seit vier Jahren erzeugen die Illusionisten nicht mehr nur Autobilder: Er habe, zusammen mit Mackevision-Chef Armin Pohl, die Idee gehabt, zusätzlich VFX für Film anzubieten, sagt Burkardsmaier. Über die Kontakte von VFX-Supervisor Jörn Großhans, der bereits bei seinem vorherigen Arbeitgeber Pixomondo an Game of Thrones mitgearbeitet hatte, kam der Kontakt zum US-Sender HBO zustande, der die Serie produziert. "Das war der Ansatzpunkt, in Season 4 etwas zu bekommen. Das haben wir offensichtlich gut gemacht, und deswegen sind wir seit Season 4 bei Game of Thrones dabei," erzählt Burkardsmaier.

Damit ist unter anderem die Eröffnungsszene der sechsten Folge in Staffel vier gemeint: eine 20-sekündige Sequenz in der die freie Stadt Braavos eingeführt wird, deren Zugang von einer 200 Meter hohen Bronzestatue bewacht wird. Wenig an der Szene ist real: lediglich die Schiffskulisse, auf der die Schauspieler waren. Der Rest entstand an den Rechnern von Burda und seinen Kollegen. Die "offensichtlich gut gemachte" Szene brachte den Künstlern den Award der Visual Effect Society(öffnet im neuen Fenster) ein, die höchste Auszeichnung in dem Bereich.

Und eine Belohnung für viel Arbeit.

Alles muss in den Game-of-Thrones-Look passen

Bei der Sequenz handelt es sich um einen Establishing Shot oder Establisher, durch den ein neuer Ort der Handlung vorgestellt wird. Da die Szene recht lang ist, war sie auch aufwendig zu bauen: Sechs Mitarbeiter arbeiteten etwa drei Monate daran.

Game of Thrones Season 7 Official Trailer (HBO)
Game of Thrones Season 7 Official Trailer (HBO) (01:48)

Bei einer Produktion wie Game of Thrones hätten die Verantwortlichen schon eine recht klare Vorstellungen, wie ein Shot aussehen solle, erzählt Burda. Mackevision bekomme – als Vorlage – Konzeptzeichnungen und eine Prävisualisierung, eine Animation im Stil einer Game-Grafik von vor 10 oder 15 Jahren, die Kamerafahrt, Aufnahmewinkel, Brennweite etc. zeige. Auf dieser Basis machen sich dann die Mackevision-Artists an die Arbeit.

Es geht schrittweise weiter ins Detail

Als erstes kommt ein grobes Blocking, das die Anordnungen der Inseln der Kanalstadt Braavos und die Geometrie des Koloss' zeigen. Dann geht es immer weiter ins Detail: Wie sieht die Oberfläche des Titans aus, wie der Helm? Wieviele Schiffe fahren durch das Bild? In welche Richtung? Wenn das geklärt ist, geht es in die nächste Detailstufe, etwa wie die Segel aussehen sollen, wie die Vegetation.

Das Ganze geschehe in enger Abstimmung mit dem Auftraggeber, sagt Burda "Wir bauen nicht die Szene und schicken das fertig zum Kunden, sondern wir stehen in einem regelmäßigen Kontakt, einem regelmäßigen Austausch." Beide Parteien entwickelten die Szene gemeinsam immer weiter. So wollte der Auftraggeber etwa, dass mehr Kanäle in der Totale zu sehen seien, damit klar werde, dass es sich um eine Kanalstadt wie Venedig handelt.

Inspiration aus dem Teutoburger Wald

Das Team um Burkardsmaier und Burda recherchiert auch selbst, etwa die Materialität des Koloss' anhand von antiken Bronzestatuen oder die Pose am Beispiel des Hermannsdenkmals. Für die Gestaltung der Stadt Mandala im Film Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer etwa seien sie zur Inspiration nach China gereist.

"Wieviel Freiheit man bekommt, hängt auch von dem einzelnen Projekt und dem Regisseur ab" , sagt Burkardsmaier. "Das ist von Shot zu Shot unterschiedlich. Aber unseren Stempel drücken wir schon auch drauf." Wichtig seien die Vorgaben von Steve Kullback und Joe Bauer, VFX-Producer und VFX-Supervisor der Serie, die auch Überblick über die Arbeit der anderen VFX-Dienstleister hätten und sicherstellen könnten, dass alles in den Game-of-Thrones-Look passe.

Bei deutschen Produktionen ist Mackevision schon beim Drehbuch dabei

Die Herangehensweise sei bei bei einer US-Produktion anders als etwa bei einer deutschen oder europäischen Produktion, erzählt Burkardsmaier. Bei einem Projekt wie der RTL-Produktion Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern(öffnet im neuen Fenster) oder Jim Knopf seien sie oft schon beim Drehbuch mit dabei und arbeiteten an den Storyboards, also der gezeichneten Version des Drehbuchs mit.

"Natürlich ist der Einfluss und die kreative Mitsprache bei Projekten, die finanziell schwächer aufgestellt sind, wesentlich größer von unserer Seite als bei so einem Projekt wie Game of Thrones" , sagt Burkardsmaier. "Deswegen machen wir auch sehr gerne deutsche Projekte, weil es einfach total spannend ist, so eng mit dem Regisseur zusammenzuarbeiten und mit der Produktion, vom Buch her zu entwickeln, wie das aussieht, was wir nachher machen."

Also die Arbeit der Artists.

Ein Spezialist für Segeltuch

Gearbeitet wird mit sehr starker Spezialisierung: Der Digital-Matte-Painter etwa malt digitale Landschaften oder Gebäude, etwa den Roten Bergfried. Der 3D-Artist modelliert 3D-Elemente der Burg, ein Schiff oder Figuren wie den Titan von Braavos, ein anderer versieht das 3D-Modell mit Texturen. Ein weiterer Artist baut das Licht, das Königsmund beleuchtet, so nach, wie es auch in Dubrovnik war, wo die Realszenen gedreht wurden. Die Spezialisierung geht soweit, dass sich einer ausschließlich damit beschäftigt, die Stoffe der Segel zu gestalten.

Alle Bilder – sowohl die vor einer grünen oder blauen Leinwand gedrehten als auch die digital bearbeiteten – laufen schließlich bei Burda zusammen. Auf seinem Bildschirm erscheinen sie als Stapel kleiner Kästchen. Jedes steht für eine Operation: Bilder werden übereinander gelegt, die Farbe wird verändert, die Bildstimmung angepasst. "Ich füge alle Elemente so zusammen, dass zum Schluss ein Bild herauskommt, das so aussieht, als ob es direkt durch die Kamera gedreht wurde" , beschreibt er.

Die Artists arbeiten am PC

Burda und seine Kollegen arbeiten an PCs, die mit Xeon Prozessoren und 64 bis 128 GByte Arbeitsspeicher bestückt sind. Objekte mit harten Oberflächen wie Schiffe und Gebäude modellieren die Artists mit dem Animationsprogramm 3ds Max von Autodesk, komplexe oder organische Modelle mit ZBrush von Pixologic. Texturen und Matte Paintings werden mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop erstellt. Die Software Golaem macht aus Scans von Menschen animierte digitale Soldaten.

Game of Thrones Season 7 – Trailer (Preview)
Game of Thrones Season 7 – Trailer (Preview) (01:00)

Die digitalen und gedrehten Sequenzen fügt Burda in der Software Nuke von The Foundry zusammen. Gerendert schließlich wird mit der Engine Chaosgroup V-Ray. An Hardware steht eine Renderfarm mit etwa 130 Renderknoten mit 24 bis 48 Prozessorkernen zur Verfügung.

4K ist die Zukunft

Zwar werde die Hardware, mit der er arbeite, immer leistungsfähiger, sagt Burda. Dennoch scheine sich die Rechnergeschwindigkeit nicht zu verändern. Grund seien die gestiegenen Anforderungen. Hätten sie anfangs noch in PAL produziert, sei HD jetzt Standard und in nicht allzu ferner Zukunft 4K.

Bei diesen Datenmengen – ein Einzelbild ist 200 bis 300 MByte groß – sind Speicher und vor allem das Rendering nicht so einfach. Für sehr große Szenen werden unter Umständen so viele Geräte benötigt, dass der Stromanschluss überlastet ist. Ein Londoner VFX-Unternehmen sei inzwischen dazu übergegangen, in der Cloud zu rendern, weil sie an ihrem Standort nicht genug Strom bekommen, um eine ausreichend große Renderfarm zu betreiben.

Aber trotz aller Technik: "Bei uns geht es um Artists, nicht um Rechner" , sagt Burkardsmaier. "Wir sind People's Business." Die Artists seien diejenigen, die Bilder erzeugten, nicht die Maschinen, und das werde sich auch so schnell nicht ändern.

Nicht einmal die Familie weiß Bescheid

Es ist aber nicht Kreativität allein, die zählt. Qualität und Verlässlichkeit sind ebenso wichtig. Deshalb würden täglich die Arbeitsschritte mit den Beteiligten besprochen und von eigenen VFX-Supervisoren abgenommen. So gebe es keine bösen Überraschungen, wenn der Kunden die fertigen Shots bekomme, sagt Burkardsmaier. Was aber nicht heißt, dass es nicht auch im letzten Moment nochmal hektisch werden kann: "Es gibt schon Regisseure, die sehr spät nochmal ihre Meinung ändern."

Doch auch dann gilt: Fehler sind nicht erlaubt. "Dann sind wir weg vom Fenster. Da gibt es meistens auch keine zweite Chance mehr" , sagt Burkardsmaier. "Man verliert lieber Geld, als dass man einen Bock schießt."

HBO wurde gehackt

Zur Verlässlichkeit schließlich zählt auch die Sicherheit, vor allem nachdem kürzlich ein Skript sowie eine ganze Folge der aktuellen Staffel von Game of Thrones im Netz aufgetaucht sind. Inzwischen, erzählt Burkardsmaier, verlangten die Auftraggeber genaue Angaben über die Rechnerausstattung und Sicherheitsvorkehrungen.

Game of Thrones Ausstellung angesehen
Game of Thrones Ausstellung angesehen (00:45)

Dass auf Sicherheit mehr Wert gelegt werde, habe angefangen, nachdem im Jahr 2009 eine Arbeitskopie des Films X-Men Origins: Wolverine(öffnet im neuen Fenster) im Netz aufgetaucht sei. Erst habe es gereicht, die Maßnahmen schriftlich darzulegen. Doch mit den Jahren – und vor allem nach weiteren spektakulären Hacks wie etwa bei Sony Pictures 2014 – seien diese sogenannten Audits strenger geworden.

Rechner müssen vom Netz genommen werden

Disney schickte sogar einen Sicherheitsbeauftragten nach Stuttgart, der die Büros besichtigte und sich von der IT-Abteilung über die Sicherheitsmaßnahmen aufklären ließ. Das gehe soweit, dass Rechner, an denen für bestimmte Projekte gearbeitet wird, vom Internet getrennt werden müssten.

Für die Menschen, die an den Filmen arbeiten, gilt Verschwiegenheit: "Alles, was Game of Thrones betrifft, wird nur in diesen Räumen behandelt" , sagt Burda. Das gehe bis in die Familie: "Meine Frau hat keinerlei Ahnung, was bei Game of Thrones geschieht. Und sie weiß auch, es nützt nichts, mich zu fragen. Ich sage ihr eh nichts."

Mackevsion kennt keine ganzen Folgen

Den Inhalt der ganzen Staffel kennen die Stuttgarter ohnehin nicht. Sie wüssten nur, was in den Shots passiere, an denen sie arbeiteten. Das ist nicht viel: Ein Shot ist meistens um die vier Sekunden lang. Die 20 Sekunden lange Kamerafahrt um den Koloss von Braavos war eine Ausnahme. In der siebten Staffel arbeitete Mackevision an 60 Shots. Daraus könnten sie sich manches zusammenreimen, sagt Burkardsmaier. "Wenn bei uns einer abgemurkst wird, dann wissen wir es halt." Und das ist in der Serie, in der auch Hauptfiguren und Sympathieträger vor einem jähen Ende nicht sicher sind, eine wichtige Information für die Fans.

Aber von den beiden ist nichts zu erfahren – nur soviel: Ein großer Schiff-Shot am Anfang der neuen Staffel sei von Mackevision erstellt, verrät Burkardtsmaier. Außerdem hätten sie für große Schlachtszenen Soldaten animiert. Die Soldaten seien komplett digital erzeugt und nicht vor einer grünen Leinwand gedreht worden. Und zwar so, dass die Illusion die Wirklichkeit übertrifft: "Ich habe mal gemeckert und gesagt: Der Mensch sieht aber unecht aus. Er war gar nicht digital, sondern in echt gedreht."


Relevante Themen