Galaxy Gear im Praxistest: "Einzelheiten finden Sie auf dem Mobilgerät!"

Mit Samsungs auf der Ifa 2013 präsentierter Smartwatch Galaxy Gear kann sich der Nutzer Benachrichtigungen wie E-Mails, neue Facebook-Statusmeldungen und SMS anzeigen lassen, ohne sein Smartphone aus der Tasche zu nehmen. Anders als bei der Smartwatch 2 von Sony oder der Pebble kann der Galaxy-Gear-Nutzer dank eines kleinen Lautsprechers und eines Mikrofons auch über die Uhr telefonieren.

Dafür ist sie nur mit wenigen Samsung-Modellen kompatibel. Eine Bluetooth-Verbindung zum Smartphone ist zudem nötig, denn eine eigene SIM-Karte hat die Smartwatch nicht. Im zweiwöchigen Praxistest hat Golem.de überprüft, ob sich die Galaxy Gear im Alltag bewährt oder nur eine 250 Euro teure Spielerei ist.

Wie wir bereits in unserem Hands on auf der Ifa festgestellt haben, wirkt die Galaxy Gear durch ihre Dicke etwas klobig. Das macht sich besonders an schlanken Handgelenken bemerkbar. Beim Mantelanziehen sind wir ab und zu hängen geblieben. Der obere Rahmen der Galaxy Gear ist wie die Verschlussschnalle aus gebürstetem Metall, der Rest des Uhrengehäuses ist aus Kunststoff. Das Armband ist aus einem gummiartigen Material, unter dem der Nutzer bei höheren Temperaturen am Handgelenk schwitzen dürfte. Der Verschluss lässt sich immerhin leicht auf unterschiedliche Handgelenksumfänge einstellen.
Hochwertige Verarbeitung
Insgesamt ist die Galaxy Gear hochwertig verarbeitet und wirkt erst auf den zweiten Blick wie ein elektronisches Gadget. Lediglich die Kameralinse am vorderen Teil des Armbandes und der schwarze Bildschirm deuten darauf hin, dass es sich nicht um eine normale Armbanduhr handelt.
Mit einem 1,63 Zoll großen OLED-Display hat die Galaxy Gear einen leicht größeren Bildschirm als die Smartwatch 2 von Sony. Die Auflösung beträgt 320 x 320 Pixel, aufgrund der geringen Größe des Bildschirms reicht das absolut aus. Immerhin ergibt die Auflösung eine Pixeldichte von 277 ppi. Das Display ist bei voller Helligkeit auch bei Sonnenlicht gut ablesbar.
Steuerung per Touch-Gesten
Gesteuert wird die Galaxy Gear komplett per Touchgesten, der einzige Knopf ist der Einschalter. Um die Uhr zu aktivieren, muss dieser allerdings nicht zwingend gedrückt werden: Über den Gear Manager kann eingestellt werden, dass sie sich automatisch aktiviert, wenn der Arm angehoben und die Uhr zum Gesicht des Nutzers gedreht wird. Dazu muss diese Geste aber sehr deutlich ausgeführt werden, was nicht immer gleich gelingt. Dann sitzt der Nutzer vor einem dunklen Bildschirm und muss entweder noch einmal mit dem Arm wedeln oder doch den Einschalter bemühen.

Die Smartwatch hat eine Art Hauptmenü und ein untergeordnetes App-Menü: Durch das Hauptmenü navigiert der Nutzer mit Wischgesten nach links und rechts, im Unterpunkt Menü finden sich alle restlichen Apps. Die Navigation erfolgt wie bereits in unserem Hands on erwähnt nicht ganz ruckelfrei, stellenweise dauert es etwas, bis die Apps geladen sind. Per Wischgeste von oben nach unten navigiert der Nutzer zurück. Im Hauptmenü wird so zudem die Kamera aktiviert. Mit ihr kann der Nutzer quadratische Fotos mit einer Auflösung von 1.392 x 1.392 Pixeln oder im 4:3-Format mit 1.280 x 960 Pixeln machen. Ein Doppeltipp mit zwei Fingern ruft das Einstellungsmenü für die Displayhelligkeit und Lautstärke auf, so dass diese Parameter bequem verändert werden können.
Einfache Ersteinrichtung
Die Ersteinrichtung der Galaxy Gear ist einfach. Die Verbindung zum Smartphone wird vom Gear Manager überwacht, den der Nutzer zunächst installieren muss. Dafür reicht es, das Smartphone, in unserem Falle ein Galaxy Note 3 , über die mitgelieferte Aufladestation der Galaxy Gear zu halten. Per NFC wird der Download des Gear Managers gestartet. Anschließend wird die Smartwatch nach Eingabe eines Überprüfungscodes mit dem Smartphone verbunden.
Über den Gear Manager stellt der Nutzer diejenigen Programme ein, von denen er auf seiner Galaxy Gear Benachrichtigungen erhalten möchte. Außerdem können speziell für die Smartwatch angepasste Apps installiert und weitere Einstellungen vorgenommen werden, beispielsweise die Übertragungsart der mit der Smartwatch aufgenommenen Fotos. Die Auswahl der verfügbaren Programme beschränkt sich auf weniger verbreitete Social-Media-Dienste und Chat-Clients sowie Sport-Apps, Nachrichten-Apps wie beispielsweise Zite und einige Tools. Momentan sind über 50 Apps verfügbar, die Auswahl ist insgesamt jedoch wenig attraktiv.
Etwas langweiliges App-Angebot
Die nachinstallierbaren Dienste erweitern das Standard-Nachrichtenspektrum der Galaxy Gear nur bedingt. Neben E-Mails, SMS, Telefonaten, Wetternachrichten, Facebook- und Google-Plus-Benachrichtigungen können so beispielsweise auch Chaton-Nachrichten auf der Uhr angezeigt werden. Verbreitete Programme wie Whatsapp und Twitter fehlen hingegen komplett.
Bitte auf das Smartphone schauen!
Bei den Benachrichtigungen gibt es jedoch einige Einschränkungen, die nur stellenweise umgangen werden können. Wenn beispielsweise E-Mails auf dem Smartphone über die Gmail-App abgefragt werden, erhält der Nutzer Benachrichtigungen über neue E-Mails, ohne dass der Inhalt der Nachrichten auf der Smartwatch angezeigt wird. Nur wenn das Gmail-Konto in der Standard-E-Mail-App eingebunden ist, werden die Nachrichten auch mit Inhalt auf der Uhr angezeigt. Von hier können sie direkt auf dem Smartphone weitergelesen werden, ab der Stelle, die zuletzt auf der Galaxy Gear angezeigt wurde.

Auch bei anderen Apps wie Facebook und Google+ erhält der Nutzer keine informativen Benachrichtigungen - und hier gibt es keinen Trick, dieses Problem zu umgehen. Anstelle des Inhaltes der Facebook-Meldung zeigt die Galaxy Gear wie bei Gmail lediglich einen Hinweis an, dass der Nutzer für weitere Informationen auf sein Smartphone schauen soll. Bestätigt der Nutzer diesen Hinweis, wird immerhin auf dem Smartphone die Facebook-App mit dem betreffenden Eintrag geöffnet. Dies dürfte den Nutzwert der Galaxy Gear für manchen Nutzer zusätzlich zur etwas dürftigen Softwareausstattung und der geringen Kompatibilität mit Smartphones weiter einschränken. Selbst das erste Smartwatch-Modell von Sony, die am Ende für 25 Euro verramschte Liveview, konnte das besser: Hier wurden Facebook- und Twitter-Nachrichten bereits in voller Länge direkt auf dem Uhrendisplay dargestellt. Und sie ist im Grunde mit allen Android-Geräten kompatibel.
Anders als die aktuelle Smartwatch 2 von Sony hat die Galaxy Gear eine 2-Megapixel-Kamera, die erstaunlich akzeptable Ergebnisse abliefert. Die Fotos und Videos können aber nicht direkt von der Uhr verschickt werden, sondern werden auf das angeschlossene Smartphone übertragen. Dies kann automatisch während des Ladevorgangs erfolgen oder manuell über den Gear Manager.
Maue Akkulaufzeit
Die Akkulaufzeit liegt bei uns im Alltagsbetrieb zwischen anderthalb und zwei Tagen. Dabei haben wir kaum Fotos oder Videos gemacht und nur ab und an eine Benachrichtigung überprüft. Ist die Helligkeit auf voller Stärke, hält die Uhr gerade mal einen Arbeitstag durch. Hier hätten wir uns doch mehr versprochen - alle ein, zwei Tage zusätzlich zum Smartphone noch die Armbanduhr aufzuladen, finden wir unpraktisch.
Um die Galaxy Gear aufzuladen, muss sie in die mitgelieferte Aufladestation gelegt werden. Nur hier kann der Nutzer das Micro-USB-Kabel einstecken, bei der Uhr selbst hat Samsung wohl aus Platzgründen auf einen Ladekabelanschluss verzichtet. Wird die Ladestation vergessen, kann die Galaxy Gear nicht aufgeladen werden. Um die Uhr schnell unterwegs zu laden, muss die Ladeschale zudem immer mitgenommen werden. Zwar ist sie nicht besonders groß und schwer, dafür aber sehr prädestiniert, vergessen zu werden. Der Akku ist immerhin bereits nach knapp über einer Stunde wieder voll geladen.
Telefonieren mit dem Geister-Smartphone
Die Telefonfunktion ist für uns mehr Spielerei als ernstzunehmende Funktion. Zwar klappen Telefonate in unseren Tests sehr gut, entgegen mancher Annahme muss die Galaxy Gear auch nicht direkt vor das Gesicht gehalten werden. Es reicht, den Arm mit der Uhr in Richtung Ohr zu führen, als ob mit einem unsichtbaren Smartphone in der Hand telefoniert würde. Allerdings können alle Umstehenden das Gespräch mithören, zudem sieht diese Geste eigenartig aus.

Auskünfte per S Voice funktionieren zuverlässig, allerdings wie die meisten Funktionen der Galaxy Gear nur bei bestehender Verbindung mit dem Smartphone. Samsung hat es leider immer noch nicht geschafft, dem persönlichen Assistenten eine freundliche oder wenigstens halbwegs menschlich klingende Stimme zu verpassen. Stattdessen plärrt dem Nutzer eine stark nach Sprachsynthese klingende Stimme entgegen.
Praktisch hingegen ist die Steuerung des Musikplayers. Mit ihm kann der Nutzer Titel überspringen und die Lautstärke einstellen, ohne das Smartphone aus der Tasche nehmen zu müssen. Auch das konnte allerdings bereits die Liveview von Sony vor drei Jahren.
Komfortablere Sicherheitsfunktion dank der Smartwatch
Interessant ist die Möglichkeit, mit der Galaxy Gear das Entsperrverhalten des Smartphones zu beeinflussen. Manche Nutzer verwenden kein Entsperrmuster, da es ihnen zu lästig ist, es bei jedem Aufwecken des Smartphones eingeben zu müssen. Im Gear Manager kann der Nutzer einstellen, dass sich das Smartphone durch einfaches Streichen entsperren lässt, wenn die Galaxy Gear erkannt wird. Befindet sich die Smartwatch nicht in Reichweite, wechselt das Smartphone automatisch zum vorher definierten Entsperrmuster.
Über den Gear Manager kann die Galaxy Gear auch gesucht werden, wenn der Nutzer sie verlegt hat. Auf Knopfdruck wird der Bildschirm der Uhr aktiviert und ein Signalton abgespielt. Dies funktioniert sinnvollerweise auch, wenn der Ton der Uhr abgestellt ist.
Alltagsnutzen fraglich
Den Alltagsnutzen der Galaxy Gear einzuschätzen, ist etwas schwierig, er hängt zum einen von der Nutzungssituation ab, zum anderen vom Nutzerprofil des Trägers. Sicherlich ist es unter Umständen praktisch, eine E-Mail während einer Besprechung schnell auf der Smartwatch ablesen zu können. Allerdings gilt dies auch nur für gelegentliche E-Mails oder SMS - bei ständigem E-Mail-Verkehr andauernd auf die Uhr zu schauen, wirkt womöglich genauso unhöflich wie ein Blick aufs Smartphone. Zudem können Nachrichten nicht mit der Uhr beantwortet werden, und sei es nur durch vorgefertigte Kurzantworten wie "OK", "Ja" oder "Nein".

Für Nutzer, die häufig auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Google+ unterwegs sind, eignet sich die Galaxy Gear im aktuellen Zustand wegen fehlender Informationen nicht. Aber auch für andere Vielnutzer, die häufig E-Mails und SMS bekommen, sehen wir den Nutzen nicht zwingend. Zum einen liegt das daran, dass es gerade im Winter mit Mantel und Pullover meist nicht weniger umständlich ist, auf sein Smartphone zu schauen als auf seine Armbanduhr - bis die Uhr am Handgelenk freigelegt ist, haben wir meist auch das Smartphone aus der Tasche gezogen. Zum anderen können mit der Galaxy Gear keinerlei Antworten auf Nachrichten gegeben werden, was den Nutzen stark einschränkt: Im Endeffekt schauen wir doch wieder auf unser Smartphone.
Android-Apps per ADB installieren
Eine interessante Verwendung haben wir für die Galaxy Gear letztlich aber doch gefunden. Da die Uhr mit ihrem Single-Core-Prozessor mit 800 MHz und einem Arbeitsspeicher von 512 MByte ein echtes Android-System installiert hat, können per Android Debugging Bridge (ADB) Android-Apps im APK-Format installiert werden.
Dazu muss in den Einstellungen der Galaxy Gear zunächst das USB-Debugging eingestellt und auf dem PC die Android SDK installiert werden. Anschließend wird die Smartwatch über die Ladestation mit einem PC verbunden. Hat der Rechner die Uhr erkannt, können über die ADB mit Hilfe des Befehls "adb install" Android-Apps im APK-Format aufgespielt werden.
Auf diese Weise können wir problemlos kleine Spiele wie Angry Birds auf der Galaxy Gear installieren. Entgegen unserer Vermutung lässt sich Angry Birds auf dem kleinen Bildschirm sogar recht gut spielen. Das Bild sieht zudem dank der anständigen Pixeldichte gut aus. Auch andere Apps wie Musik- oder Videoplayer können samt Medien auf die Smartwatch gespielt werden, auch ein alternativer Launcher ist denkbar.
Keine echte Internetverbindung
Lediglich Programme, die eine Internetverbindung benötigen, bringen nicht viel auf der Galaxy Gear: Da sich die Smartwatch ausschließlich über das angeschlossene Smartphone mit dem Internet verbindet und kein eigenes Funkmodul hat, können Apps wie Twitter oder Zattoo keine Daten beziehen.
Verfügbarkeit und Fazit
Die Galaxy Gear kostet momentan im Onlinehandel 250 Euro. Zwei Wochen mit der Smartwatch konnten uns allerdings nicht davon überzeugen, dass der Anschaffungspreis für die Uhr gerechtfertigt ist. Zwar ist sie tadellos verarbeitet, auch die Einrichtung und Verwaltung vom Smartphone aus funktioniert sehr gut.

Zu oft werden wir im Alltag aber darauf hingewiesen, auf unser Smartphone zu schauen, ohne dass uns auf der Uhr wirkliche Inhalte angezeigt werden. Und auch wenn wir E-Mails oder SMS lesen können - zum Beantworten müssen wir das Smartphone dann doch aus der Tasche ziehen. Viele Smartphone-Nutzer tun dies den Tag über sowieso schon sehr oft, und aufgrund der stellenweise uninformativen Benachrichtigungen dürfte die Galaxy Gear daran auch nicht viel ändern.
Die Galaxy Gear bringt aber auch für Nutzer, die ihr Smartphone den Tag über meist in der Tasche tragen und nicht ständig draufschauen, eher wenig. Dazu sind viele wichtige Benachrichtigungen entweder unvollständig oder können gar nicht erst angezeigt werden, wie etwa Whatsapp oder Twitter.
Das App-Angebot für die Galaxy Gear ist momentan noch überschaubar und vor allem nur in Einzelfällen interessant. Zwar können Nutzer auch normale Android-Apps auf die Galaxy Gear spielen, jedoch dürfte das nicht für jeden verständlich und vor allem praktikabel sein. Zudem ist dank fehlender direkter Internetanbindung auch hier die Auswahl beschränkt.
Die Galaxy Gear ist immer noch mit nur einer Handvoll Samsung-Geräte kompatibel, was den Kundenkreis von vorneherein erheblich einschränkt. Sonys Smartwatch 2 zeigt hier eine weitaus höhere Kompatibilität. Die Akkulaufzeit der Galaxy Gear ist ziemlich gering, auch wenn die Uhr schnell wieder aufgeladen ist. Hat der Nutzer seine Ladestation vergessen, nützt ihm jedes Ladekabel nichts - ein weiteres Teil also, das mitgenommen werden muss und potenziell vergessen werden kann.
Insgesamt ist die Galaxy Gear eher eine teure Spielerei als ein sinnvolles technisches Gerät. Samsung zeigt mit ihr zwar, in welche Richtung der Smartwatch-Markt in Zukunft gehen könnte - ein sinnvolles und praktisches Produkt ist die Galaxy Gear aber noch nicht.
Nachtrag vom 18. November 2013, 11:15 Uhr
Samsung hat den Funktionsumfang der Galaxy Gear mit einem Update erweitert . Jetzt kann die Uhr nicht nur Benachrichtigungen von Drittanbieter-Apps wie Whatsapp oder Flipchart anzeigen, sondern auch konkrete Inhalte. So wird beispielsweise bei Gmail und Facebook nicht mehr nur der Eingang einer neuen Nachricht angezeigt, sondern auch deren Inhalt. Zudem können entgangene Anrufe mit einer vorgefertigten Nachricht beantwortet werden



