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Fusionspläne mit T-Mobile: Gibt die Telekom den Standort Deutschland auf?

Vom Big Player in Sachen digitaler Souveränität wandelt sich die Telekom zum Konzern, der das Trump-Amerika verherrlicht und europäische Beschlüsse infrage stellt.
/ Markus Feilner
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Timotheus Höttges bei der Hannover Messe im April 2026 (Bild: Ronny Hartmann / AFP via Getty Images))
Timotheus Höttges bei der Hannover Messe im April 2026 Bild: Ronny Hartmann / AFP via Getty Images)

Ein Gerücht macht die Runde: Die Deutsche Telekom soll mit ihrer US-Schwester fusionieren und einen neuen Konzern "im Ausland" bilden, frei von deutschen Problemen, Beschränkungen und Werten – vermutlich aber dann auch frei von digitaler Souveränität. Und das geschieht gerade bei einer Firma, die eben erst mit dem Auftrag versehen wurde, eine Bürger-App für uns alle zu entwickeln?

Man muss gar nicht tief abtauchen in die Vergangenheit von Timotheus Höttges, dem CEO der Deutschen Telekom, um von ihm geleitete Schwenks in der Firmenpolitik zu finden. So wurde etwa dieser Schritt im Sommer 2025 hart kritisiert: "Nicht nur dem Namen nach, sondern auch inhaltlich" ("Not just in name, but in substance)"werde man bei T-Mobile, der amerikanischen (großen) Schwester der Deutschen Telekom, ab sofort alle Programme zum Schutz von Queerem und Diversity (DEI) einstellen, es gebe keine dedizierten Rollen mehr dafür, keine Referenzen, keine Webseiten, auch die Trainingsmaterialien würden angepasst. Von "Pink Magenta" und stolzer queerer Vielfalt der Jahre davor kein Wort mehr.

Schluss mit Pink Magenta

Das kam überraschend, hatte Höttges doch über Jahre hinweg seinen Konzern als divers, inklusiv und vorbildlich gebrandet und sogar den Beyond Gender Award gewonnen(öffnet im neuen Fenster). Doch heute ist alles anders: Wo andere Firmen harte Konsequenzen auf sich nahmen und queerfreundlich blieben, ergab sich T-Mobile dem Trump-Imperium, um anstehende FCC-Verhandlungen (Federal Communications Commission) nicht zu gefährden.

Wenn auf der einen Seite der Waage vier Milliarden US-Dollar schwere Mobilfunkverträge und Services liegen, sinkt das Gewicht von europäischen, westlichen oder queeren Werten offenbar schnell. Wie oft bei Konzernen versandeten offene Briefe und Aktionen gegen die DEI-Rücknahmen(öffnet im neuen Fenster). Noch im Februar 2025 habe Höttges die Vorteile von Diversitätsprogrammen gepriesen, hieß es da, derlei sei aber mit jedem US-Posten leiser geworden – bis im Sommer die komplette Kehrtwende kam. Dabei ginge es auch anders: Apple, Deutsche Bank, Adidas und Lufthansa machen nicht mit, anders als SAP, VW und Aldi.

Als Mehrheitseigentümer an T-Mobile US hat Telekom-CEO Tim Höttges eine besondere Verantwortung und vielfältige Möglichkeiten zur Einflussnahme. In einem Interview von 2024 zeigte er sich als glühender Fan der USA, er bewundere die "Bereitschaft" im US-Markt, viel mehr für Mobilfunkverträge auszugeben als in Europa, und erklärte das mit dem fehlenden freien Markt hierzulande.

Teurer US-Mobilfunk als Ziel für Europa

Der freie Markt in den USA sorgt also Höttges zufolge zu hohen Kosten für die Kunden. Das verwundert, denn sonst lauten wirtschaftsliberale Versprechen doch genau anders herum: Mehr freier Markt mache alles billiger.

Doch in einem hat der CEO nicht ganz unrecht: Aus Konzernsicht muss es wünschenswert sein, dass zukünftig Kunden in der ganzen Welt die in den USA üblichen 100 bis 200 US-Dollar pro Monat für Infrastrukturdienste von mobil bis Kabel bezahlen, obwohl sowohl Netzabdeckung, Geschwindigkeit und Service keinesfalls ein vergleichbares Niveau erreichen wie in Europa (für im Schnitt 20 bis 40 Euro).

Die Funklöcher in den USA sind bisweilen so groß wie das Land weit. Außerhalb der Metropolen, in ländlichen Regionen abseits der Touristenströme, bleibt Kunden oft kaum Auswahl außer teurer Satelliten oder Richtfunkstrecken, deshalb ist Starlink dort auch so populär. Wer einmal mit US-Hotlines kommunizieren musste, weil etwas nicht funktioniert, fühlt sich wie in Terry Gilliams Brazil oder bei David Lynch – die vielbeschworene "Servicewüste Deutschland" verliert nach solchen Erlebnissen viel an Schrecken.

Spenden für Trumps Ballroom

Auch im Februar 2026 machte US-Fan Höttges von sich reden: Nicht nur hatte T-Mobile großzügig für Donald Trumps 300-Millionen-Dollar-Ballroom gespendet, Höttges gab sich auch alle Mühe zu erklären, warum das absolut in Einklang mit den Idealen und Werten des Konzerns stehe(öffnet im neuen Fenster). Wem es bis dato noch nicht klar ist: Höttges, der auf der Hauptversammlung der Aktionäre 2026 mit Legosteinen digitale Souveränität, Sicherheit und Cloud erklärte, ist ein Verkäufer.

Ein sehr guter, ohne Frage, aber eben auch niemand, der mehr als die Erträge seines Konzerns im Fokus hat. Er ist ein Opportunist, kein ideologisch oder gesellschaftlich interessierter Manager. "Wir sind digital souverän, weil überall Telekom-Mitarbeiter arbeiten", sagt er sinngemäß(öffnet im neuen Fenster). Ja dann.

Digital souverän, weil Telekom?

Nur deshalb kann ein Höttges auch ignorieren, welchen Einfluss Überlegungen wie die derzeitigen rund um eine Übernahme der Deutschen Telekom durch die große Schwester T-Mobile US hätten. Zwar suchen Manager seiner Kategorie die großen Entscheidungen, die wegweisenden Schritte, die den betroffenen Konzern auf Jahre prägen.

Die Finanzplattform Financial Post nennt das "karriereprägende Deals" oder die "Herausforderung eines ganzen Lebens". Fast schon im Personenkult enden manche Beifallsbekundungen(öffnet im neuen Fenster):

"Auf der Jahreshauptversammlung des Unternehmens Anfang dieses Monats lobten einige Investoren Höttges dafür, dass er einen pragmatischen Mittelweg gefunden habe zwischen der Förderung internationaler Zusammenarbeit und dem Eintreten für europäische Souveränität, ohne dabei in Isolationismus zu verfallen – ein diplomatischer Schachzug, der sogar Fragen aufwarf, ob er eine Kandidatur für das Amt des deutschen Bundeskanzlers in Betracht ziehen würde."

Da bekommt jemand also Ovationen dafür, dass er öffentlich Souveränitätswashing betreibt. Angesichts der Gegensätze zwischen US-Gesetzen und EU-Richtlinien, angesichts der politisch in Minnesota, Grönland, Venezuela und Iran erkennbaren Verhaltensmuster wird gerade einer breiten Öffentlichkeit klar, dass eine klare Trennung zwischen US-Konzernen und europäischen Firmen die einzige Option für Unabhängigkeit, digitale Souveränität, Datenschutz und Sicherheit ist.

Zur Unzeit

Genau zu dieser Unzeit prescht Höttges vor und bringt internen Gerüchten zufolge eine Übernahme und Zusammenführung von T-Mobile US und der Telekom aufs Tapet. Eine Holding "im Ausland" solle die ungleichen Schwestern aufnehmen, von denen die kleinere die Mehrheit hält bei der deutlich wertvolleren.

Ein Börsengang in den USA und in Europa werde angestrebt, auch um den Branchenkonkurrenten in den USA etwas halbwegs gleich Großes entgegenzusetzen. Die Holding unterläge dann dem US Cloud Act sowie dem Patriot Act und wäre in etwa so unglaubwürdig wie die "souveränen" Angebote von SAP ("Delos"), Microsoft, Google oder Apple. Denn: All diese Konzerne müssten der NSA Einlass gewähren, wenn die es ersucht – ohne die betroffenen Kunden zu informieren, egal wo sie sitzen, wer das Rechenzentrum administriert oder wo es angesiedelt ist.

Von wegen digital souverän

Es ist schwer zu glauben, dass ein CEO, der eben erst "digital souveräne" KI-Rechenzentren, "digital souveräne" Clouds und nicht zuletzt die offizielle Deutschland-App des Bundes lanciert, die rechtlichen Sachverhalte nicht erkannt haben soll. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass der Verkäufer Höttges glaubt, das bekäme man schon hin.

"Too big to fail" ist ein vielgebrauchtes Meme bei Konzernen, doch nicht wenige davon sind schon darüber gestolpert. Der Verkäufer Höttges schwärmte aber noch auf der Hannover Messe vor wenigen Tagen: "Wo KI und Souveränität zusammenkommen, entsteht Fortschritt."

Auch im politischen Berlin, unter Abgeordneten, regt sich Kritik. Carolin Wagner, für die regierende SPD im Bundestag und Mitglied des Ausschusses für Digitales, ist skeptisch, was die Fusionspläne angeht: "Ich sehe das sehr kritisch! Die Deutsche Telekom ist nicht irgendein Unternehmen. Für unsere Kommunikationsnetze und damit für einen relevanten Bereich der kritischen Infrastruktur ist die Telekom der Nukleus. Mit Blick auf unserer digitale Souveränität dürfen nicht nur wirtschaftliche Abwägungen ins Auge gefasst werden – das wäre fatal!"

"Verantwortung darf nicht durch die Hintertür in die USA entgleisen!"

Es gehe hier nicht nur um nationale Sicherheitsinteressen, sondern auch um europäische. Eine mögliche Fusion könne der US-Regulierungs- und Sicherheitsdimension deutlich mehr Gewicht zuteilen, die strategische Ausrichtung des Unternehmens würde weiter in die USA verschoben werden: "Insbesondere in der aktuellen geopolitischen Lage dürfen wir bei zentraler digitaler Infrastruktur nicht an Gestaltungsmacht verlieren. Wer Netze in Deutschland betreibt und staatliche Infrastruktur mitverantwortet, dem muss seine strategische Verantwortung bewusst sein. Diese Verantwortung darf nicht durch die Hintertür in die Hände der USA entgleisen."

Bürger-App mit Gefahren für die Bürger

Die Digitalpolitikerin Anke Domscheit-Berg war bis Februar im Deutschen Bundestag tätig und saß ebenfalls im Digitalausschuss. Sie verweist vor allem auf die Gefahren, die jetzt mit der Vergabe der Deutschland-App (an die Telekom) für alle Bürger einhergehen.

Deren Entwicklung hat der Bund gerade erst als Auftrag an die Telekom gemeinsam mit SAP vergeben und "ganz sicher extra Rahmenverträge mit zwei großen deutschen Unternehmen dafür genutzt". Auch wenn noch unklar ist, was die App genau können soll, liege doch nahe, dass es sich um eine Art One-Stop-Bürger-App für die Abwicklung von Verwaltungsdienstleistungen handeln wird.

Wenn CEO Höttges seine Pläne umsetzt, könnte sich der Bund damit einen Bärendienst erwiesen haben. "Eine solche App muss natürlich den Anforderungen digitaler Souveränität entsprechen, darf also auf gar keinen Fall irgendwelchen Einflüssen der US-Regierung unterliegen. Das wäre einerseits ein eklatantes Sicherheitsrisiko und andererseits würde es das Vertrauen der Nutzenden untergraben."

Keine große Überraschung bei Digitalexperten

Überraschend kommt der Schritt für Domscheit-Berg jedoch nicht: "Bei beiden Unternehmen konnte man schon vorher wissen, dass ihnen der US-Markt extrem wichtig ist und dass sie keine Hemmungen haben, für Marktvorteile jenseits des Atlantiks vorauseilend den Wünschen eines Donald Trump zu entsprechen, wie bei der Streichung von DEI-Initiativen."

Domscheit-Bergs Appell geht dementsprechend auch an die Regierung: "Wenn die Bundesregierung es ernst meint mit der Digitalen Souveränität, muss sie im Falle einer Fusion der Telekom mit ihrer US-Tochter T-Online alle Möglichkeiten nutzen, den Deutschland-App-Vertrag vorzeitig zu beenden und neu auszuschreiben – am besten mit einer Klausel, die eine Vergabe nur an rein europäische Unternehmen erlaubt."

Markus Feilner(öffnet im neuen Fenster) ist Berater für Open-Source-Strategien aus Regensburg. Seit dem Jahr 1994 arbeitet er mit Linux, seit 2000 mit eigener Firma, die sich auf die OSI Layer 8 bis 11 spezialisiert hat. Er war stellvertretender Chefredakteur des Linux-Magazins und der Heise iX sowie Team Lead Documentation bei Suse.

IMHO ist der Kommentar von Golem [IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)]


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