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FTTH: Wer in Deutschland in aller Stille Glasfaser ausbaut

Was Telekom , Vodafone und Mnet im Bereich Glasfaser bis zum Endnutzer, Docsis 3.1 und Vectoring machen, ist nicht alles: Kleine Betreiber sind hier aktiv, werden aber wenig beachtet. Golem.de hat zusammengetragen, wer sonst noch Glasfaser ausbaut und was 2017 passiert.
/ Achim Sawall
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Die Netzallianz stellte schwammige Ziele auf: FTTH/B bauen derweil andere. (Bild: Achim Sawall/Golem.de)
Die Netzallianz stellte schwammige Ziele auf: FTTH/B bauen derweil andere. Bild: Achim Sawall/Golem.de

Die Auseinandersetzungen um den Ausbau von Glasfaser-Kabeln bis zum Endnutzer und Vectoring haben die festnetzpolitische Debatte des Jahres 2016 beherrscht. Die Deutsche Telekom setzte gegen den Widerstand der Wettbewerber bei der Bundesnetzagentur ein Recht für einen exklusiven Vectoringausbau im Nahbereich durch. 30 Verbände kritisierten, Fördermittelvergabe müsse nachhaltige Glasfaser-Ziele unterstützen oder zumindest hierauf ausgerichtete sinnvolle Zwischenschritte fördern.

Betreiber wie Telekom, Vodafone und Mnet waren ständig in den Medien. Dabei gibt es noch viele andere, die in dem Bereich aktiv sind - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Wir haben uns auf die Suche gemacht und wollten wissen, wie sie ausbauen, ob die Kunden die hohe Datenrate auch wollen und ob das für den Betreiber auch bezahlbar ist. Wir fanden regionale Stadtwerke, die beweisen, dass der Ausbau von Glasfaserinfrastruktur, FTTH/B (Fiber To The Home/Building), wirtschaftlich machbar ist.

Auf der Liste der kleineren Netzbetreiber des Breko (Bundesverband Breitbandkommunikation), sind viele Unternehmen verzeichnet, die FTTH/B bieten. Mit ihnen in Kontakt zu treten, ist nicht ganz einfach. Viele diese Firmen haben keine Pressestelle, keine Telefonnummer auf der Website, viele von ihnen haben bisher kaum Kontakte mit den Medien. Auch mit dem Buglas (Bundesverband Glasfaseranschluss) hatten wir gesprochen.

Eine Ausnahme ist da der Stadtnetzbetreiber Gelsen-net(öffnet im neuen Fenster) , eine Tochter der Stadtwerke Gelsenkirchen. Sprecher Markus Lübbers sagte Golem.de: "Nachdem Gelsen-net in Gelsenkirchen sämtliche Gewerbegebiete und alle 86 Schulen mit Glasfaser angebunden hat, bauen wir in den vergangenen Jahren verstärkt auch für Privatkunden unser Gigabit-Glasfasernetz aus."

Sämtliche Neubaugebiete in Gelsenkirchen werden von Gelsen-net mit Glasfaser erschlossen, auch mehrere große Wohnungsbaugesellschaften haben Verträge abgeschlossen. In den nächsten Jahren beabsichtige Gelsen-net, rund 50.000 Wohneinheiten direkt mit Glasfaser anzubinden, also Glasfaser bis in die Wohnung zu legen. Das sind bei rund 260.000 Einwohnern immerhin 19 Prozent. Flächendeckend ist das noch lange nicht, aber mehr als große Betreiber bisher in ganz Deutschland geschafft haben.

300 MBit/s in Gelsenkirchen

Derzeit bietet Gelsen-net seinen Kunden Datenraten bis zu 100 MBit/s. Der Upload liegt nur bei bis zu 10 MBit/s. Zusammen mit einer Telefon-Flatrate in das deutsche Festnetz, zwei Leitungen und drei Rufnummern ist das Paket in den ersten drei Monaten kostenlos. Danach beträgt der Preis neun Monate lang 29,95 Euro, ab dem 13. Monat werden 51,95 Euro fällig. Im ersten Quartal 2017 starte der Betreiber mit einem Datentarif bis zu 300 MBit/s, kündigte Lübbers an. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass überall dort, wo es bislang nur DSL-Produkte mit Datenraten bis zu maximal 6 MBit/s gab, der Highspeed-Glasfaseranschluss sehr gefragt ist" , sagte Lübbers. Auch in den Einfamilienhaus-Neubaugebieten seien die Immobilienbesitzer "begeistert von den neuen Möglichkeiten" .

Weiter ist bereits R-Kom, ein kommunales Unternehmen der Stadt Regensburg. Regensburg ist nach dem Wirtschaftswoche Städteranking 2016(öffnet im neuen Fenster) die deutsche Großstadt mir der besten Breitbandversorgung. Bereits seit 20 Jahren setzt der Betreiber auf den Ausbau einer eigenen Glasfaserinfrastruktur.

In den ersten Jahren adressierte der Betreiber vor allem Geschäftskunden und Carrier; seit 2009 auch den Privatkundenmarkt. Dort tritt das Unternehmen unter der Marke Glasfaser Ostbayern(öffnet im neuen Fenster) auf. Vor dem Beginn eines breiten Glasfaserausbaus habe der Betreiber die führenden Glasfaserausbauer in Europa besucht und von deren Erfahrungen gelernt, sagte Geschäftsführer Alfred Rauscher Golem.de

Glasfaser Ostbayern diene heute als Referenz für einen nachhaltigen, erfolgreichen FTTB/H Ausbau, meint Rauscher, und das trifft auch zu. Aktuell sind rund 25 Prozent der Regensburger Wohneinheiten und nahezu 100 Prozent der Gewerbeeinheiten an das Glasfasernetz angebunden. "Obwohl Regensburg in Sachen Breitband als vollversorgt gilt und wir unsere Netze eigenwirtschaftlich und im Wettbewerb zu den bestehenden Infrastrukturen wie TAL, Koax und Funk errichten, erreichen wir in unseren Ausbaugebieten eine Kundenquote von über 40 Prozent" , sagte Rauscher.

500 MBit/s für 84,95 Euro im Monat

Auf Projektbasis bietet R-Kom im Geschäftskundenbereich uneingeschränkte Bandbreiten an, bis hin zu Lambdawellen. Die Standardprodukte für Geschäftskunden enden aktuell bei 10 Gbit/s. Im Privatkundenbereich bietet der Betreiber aktuell bis zu 500 MBit/s für 84,95 Euro im Monat. "Technisch könnte auf Basis der aktuellen Systemtechnik auch die Privatkundenbandbreite in Richtung 10 GBit/s erweitert werden" , sagte Rauscher.

Die Preise von R-Kom bleiben nach zwei Jahren gleich. Die Firma wirbt nicht mit reduzierten Preisen innerhalb der ersten 24 Monate Vertragslaufzeit. Stattdessen gewährt sie Neukunden zum Beispiel eine kostenfreie sechsmonatige Testphase zu Beginn der Vertragslaufzeit oder stellt dem Kunden dauerhaft eine Fritzbox 7490 zur Verfügung. Die überregionalen Betreiber verdoppeln dagegen oft die Preise nach der 24-monatigen Vertragslaufzeit.

Glasfaserausbau in ganz Flensburg

Eine andere Stadt setzt schon auf einen flächendeckenden Ausbau: Flensburg. Im September fasste der Aufsichtsrat der Stadtwerke Flensburg den Beschluss, dass deren regionales Versorgungsgebiet flächendeckend mit Glasfaser ausgebaut werden soll. Dabei setzt das Unternehmen konsequent auf FTTH, wie Sprecherin Eyleen John Golem.de sagte. Der Betreiber will in den nächsten zehn Jahren allen Privat- wie Geschäftskunden in Flensburg, Glücksburg und Harrislee einen Glasfaseranschluss sowie die entsprechenden Produkte anbieten.

Im ersten Stadtteil in Flensburg, in dem mit der Glasfaservermarktung im Oktober 2016 begonnen wurde, habe der Netzbetreiber "die Anschlusszielzahlen deutlich übertroffen" , genauere Angaben machte John dazu aber nicht. In den nächsten zehn Jahren sollen mehrere tausend Kilometer Glasfaserkabel unter die Erde gebracht und rund 90 Millionen Euro investiert werden.

Bei Privatkunden starten die Stadtwerke Flensburg mit 60 MBit/s im Download und 15 MBit/s im Upload zum Preis von 39,50 Euro. Wer mehr Bandbreite benötigt, kann 120/60 MBit/s buchen und zahlt dafür 49,50 Euro. 10 Euro kommen jeweils hinzu, wenn man über die Glasfaser auch fernsehen möchte. "Mit Blick auf die Zukunft verbauen wir in den Haushalten bereits heute Gigabit-fähige Medienwandler" , sagte John. Stelle das Unternehmen fest, dass die angebotenen Bandbreiten nicht mehr ausreichten, würden sie ganz einfach erhöht. "Dafür fährt kein Techniker raus, und es wird keine zusätzliche Investition fällig."

Symmetrische Bandbreiten für Geschäftskunden

Für Geschäftskunden liefern die Stadtwerke symmetrische Bandbreiten. Das leistungsfähigste Standard-Produkt(öffnet im neuen Fenster) liegt derzeit bei 480 MBit/s, individuelle Lösungen mit sehr viele höheren Datenraten seien möglich. "Aber die beste Zeit der Glasfaser liegt noch vor uns. Die Kupfernetze werden auf absehbare Zeit dem Bandbreitenbedarf nicht mehr standhalten" , erklärte John zutreffend den ambitionierten Plan.

Nicht beantwortet haben unsere Anfrage die Glasfasernetzbetreiber BBV Deutschland, Com-In aus Ingolstadt, Datel aus Dessau, Eins Energie Sachsen, HeLi-NET aus der Region Hamm und Lünen, KomMITT Ratingen, die Stadtwerke Neumünster und Walldorf sowie die Vereinigten Stadtwerke der Landkreise Stormarn und Herzogtum Lauenburg.

Mitgliedsunternehmen des Bundesverbands Glasfaseranschluss (Buglas) haben im Jahr 2016 in Deutschland 220.000 weitere Wohn- und Geschäftseinheiten direkt mit Glasfaser (FTTB/H) angeschlossen. Das gab der Branchenverband im November 2016 bekannt . Buglas-Geschäftsführer Wolfgang Heer sagte Golem.de, dass ausbauende Unternehmen die Stadtwerke München/M-net, Wilhelm.tel/Willy.tel, MDCC, Netcologne, Stadtnetz Bamberg, Mega Monheimer (Monheimer Elektrizitäts- und Gasversorgung aus Monheim am Rhein), Deutsche Glasfaser, ComIngolstadt und weitere seien.

Zusammen stellen die Verbandsunternehmen rund 1,9 Millionen Haushalten und Unternehmen einen Glasfaseranschluss ins Gebäude oder direkt in die Wohnung bereit. Die Gesamtzahl der FTTB/H-Anschlüsse in Deutschland liegt zum Jahresende 2016 bei knapp 2,7 Millionen. Von den Buglas-Unternehmen seien rund 70 Prozent dieser Anschlüsse realisiert worden, betonte Heer.

Telekom zieht sich zurück

Die Deutsche Telekom hat sich aus dem Glasfaserausbau bis auf einige wenige Projekte zurückgezogen. Deutschland soll "bis 2025 eine gigabitfähige Infrastruktur aufbauen" . Das hatte Bundesinfrastrukturminister Alexander Dobrindt (CSU) am 8. November 2016 im Anschluss an die Sitzung der Netzallianz bekanntgegeben . Die Aussage "weitgehend flächendeckend" , die im internen Entwurf stand, und die die Konkurrenten gefordert hatten, hatte die Telekom jedoch verhindert. Die Konkurrenten hätten "in den Beratungen der Netzallianz nicht aufzeigen können, wie sie die Ziele erreichen wollen und auch keine höheren Investitionen in Aussicht gestellt" , hatte ein Sprecher Golem.de gesagt.

FTTC und Vectoring als Kerngeschäft

Bruno Jacobfeuerborn, Technik-Chef der Deutschen Telekom, sagte im April 2016 im Gespräch mit Golem.de, das Kerngeschäft sei "FTTC und Vectoring, also der Glasfaserausbau bis zu den grauen Kästen am Straßenrand, sowie mit FTTH in Neubaugebieten" .

Kleine Stadtnetzbetreiber, die den Kommunen gehören, zeigen dagegen, dass sie zukunftsweisender und verantwortungsvoller als die Telekom handeln.


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