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Freifunk: Kostenloses Internet für Flüchtlinge

Damit Flüchtlinge mit Freunden und Verwandten in Verbindung bleiben können, bringen Freifunkaktivisten das Internet in deren Unterkünfte. Das Netz ist für die Flüchtlinge so wichtig wie die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung.
/ Keywan Najafi Tonekaboni
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Vahid Mahdian und Michel Vorsprach haben gemeinsam das Freifunk-Projekt aufgesetzt. (Bild: Keywan Najafi Tonekaboni)
Vahid Mahdian und Michel Vorsprach haben gemeinsam das Freifunk-Projekt aufgesetzt. Bild: Keywan Najafi Tonekaboni

Zwei junge Männer stehen auf einem Balkon in der obersten Etage eines Plattenbaus. Von hier aus haben sie eine gute Aussicht auf den Magdeburger Stadtteil Neu-Olvenstedt. Die Höhe des Gebäudes ist wichtig, denn der Freifunk-Aktivist Michel Vorsprach und der Flüchtling Vahid Mahdian haben gemeinsam eine Richtfunk-Antenne installiert. Darüber versorgen die beiden die Plattenbau-Siedlung, deren Gebäude als Unterkünfte für Flüchtlinge dient, mit Internet.

Verteilt wird die Internetverbindung über ein halbes Dutzend Freifunk-Router, die Vorsprach und Mahdian in den Wohneinheiten der Siedlung aufgebaut haben. Die Freifunker haben den Internetzugang für die Richtfunkstrecke organisiert. Mahdian hat für den Zugang zu der Gemeinschaftsunterkunft gesorgt, in der er auch selbst mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Kind wohnt. Die Hardware spendeten lokale Firmen und der Freifunk Magdeburg(öffnet im neuen Fenster) . Gleich am ersten Abend loggten sich fast 30 Flüchtlinge in das Netz ein.

"So kann ich mit meiner Familie in Verbindung bleiben und bin beruhigt, wenn es ihnen gut geht" , sagt Mahdian, der in Afghanistan vor seiner Flucht als IT-Experte gearbeitet und Satelliten-Uplinks installiert hat. Der Kontakt zur Familie ist auch der Hauptgrund, warum er als Flüchtling ein internetfähiges Telefon besitzt. Das Internet ist für Mahdian so wichtig wie Essen und Trinken. Bevor es die Internetverbindung gab, war sein Telefonguthaben nach wenigen Minuten aufgebraucht.

Angefangen habe er als einfacher Techniker, berichtet Mahdian. In Botschaften, UN-Büros und afghanischen Bildungseinrichtungen installierte er Satellitenverbindungen. Dabei reiste er durchs ganze Land, in fast alle Provinzen. "Das war gefährlich, aber ich habe das Geld gebraucht" , sagt der 29-Jährige. Sein Informatik-Studium musste er nach zwei Jahren aus finanziellen Gründen abbrechen. Dafür lief es in der Firma gut, er wechselte in die Kundenbetreuung, am Ende in den Verkauf.

Auf der Flucht vor den Taliban

Doch dann bekam er eine Warnung, da er für westliche Einrichtungen arbeitete: "Sie drohten mir und meiner Familie." Mit sie meint er die Taliban. Er sollte sich ihnen anschließen. Vor die Wahl gestellt zwischen Tod und Taliban, ergriff er mit Frau und Kind die Flucht, über Iran und die Türkei nach Europa. "Dieser Lkw in Österreich, in genau so einem Fahrzeug sind wir hierhergekommen. Was den Leuten passiert ist, macht mich sehr traurig" , kommentiert er das Schicksal der 71 erstickten Flüchtlinge(öffnet im neuen Fenster) .

Jetzt steht Mahdian zusammen mit Vorsprach hinter dessen Auto. Kennengelernt haben sich die beiden in einem Café, organisiert von einem lokalen Willkommensbündnis. Hier erzählte Vorsprach gemeinsam mit anderen Freifunkern den Flüchtlingen von dem Projekt, jetzt sind sie ein Team. Der Kofferraum ist geöffnet. Über Vorsprachs Laptop auf der Hutablage inspizieren die beiden auf der Freifunk-Karte(öffnet im neuen Fenster) das Netz. Mehrere Etagen über ihren Köpfen ist der Empfänger der Richtfunkstrecke per Kabelbinder am Geländer des Balkons befestigt. Über ein LAN-Kabel wird von da der erste Freifunk-Router versorgt.

Das sind einfach WLAN-Router (TP-Link TL-WR841N), auf die Vorsprach die Freifunk-eigene Gluon-Firmware(öffnet im neuen Fenster) installiert hat. Die Freifunk-Router verbinden sich untereinander durch ein Mesh-Netzwerk(öffnet im neuen Fenster) . Doch immer wieder fällt ein Knoten aus. Die beiden gehen zu einem der Häuser. Mahdian ruft auf Dari(öffnet im neuen Fenster) einem siebenjährigen Jungen im vierten Stock etwas zu. Dann gehen sie hoch.

Freifunk gibt es im gesamten Land

In ganz Deutschland haben sich Freifunk-Initiativen um den Aufbau von freien Internet-Zugängen für Flüchtlinge(öffnet im neuen Fenster) gekümmert. Die positiven Erfahrungen brachten beispielsweise das DRK in Westfalen-Lippe dazu, die Kooperation mit Freifunk-Gruppen zu empfehlen(öffnet im neuen Fenster) , und auch die Münchner SPD-Fraktion sprach sich dafür aus(öffnet im neuen Fenster) .

Selbst die Telekom will Flüchtlingsunterkünfte mit WLAN versorgen(öffnet im neuen Fenster) , das von allen genutzt werden kann.

Freifunker suchen Internetzugänge

Die Freifunker aus Magdeburg, Halle und dem Harz wollen alle Flüchtlingsunterkünfte in Sachsen-Anhalt mit WLAN ausstatten. Dafür benötigen sie nicht nur Sach- und Geldspenden für die Hardware, sondern vor allem den Uplink. In der Nähe der Unterkünfte gibt es wenige bis gar keine Freifunk-Knoten. Daher suchen die Aktivisten per Flyer(öffnet im neuen Fenster) (PDF) und mittels Öffentlichkeitsarbeit Anwohner, die bereit sind, ihren Internetzugang für Freifunk zu teilen.

Da der Freifunk-Datenverkehr vom heimischen Netz abgetrennt ist und per VPN-Tunnel ins Ausland geführt wird, sieht Vorsprach auch praktisch keine Risiken für die Internet-Spender. Am einfachsten wäre es, wenn die Stadt oder der Betreiber einen Anschluss bereitstellen würde, wie es etwa in Halle der Fall ist. "Wir würden uns freuen, wenn mehr Städte, Landkreise und Betreiber von Flüchtlingsunterkünften auf uns zukommen würden" , sagt Vorsprach.

Die Betreiber der Unterkünfte müssen zustimmen

Für den Aufbau der Freifunk-Knoten sind die Aktivisten auch auf die Zustimmung oder Duldung durch die Betreiber der Unterkünfte angewiesen, denn diese verfügen im Regelfall über das Hausrecht. In manchen Unterkünften ist selbst das Betreten für Außenstehende nicht möglich. Um das Ziel einer flächendeckenden Versorgung zu erreichen, haben die Freifunker FAQs(öffnet im neuen Fenster) erstellt. So soll auch Problemen wie Lärm vor einem Knoten durch nächtliche Nutzer vorgebeugt werden.

Technische Probleme bleiben nicht aus. Vorsprach und Mahdian sitzen auf dem Teppichboden in der Wohnung, wo Yossef, sein Bruder Elham und deren Mutter wohnen. Beim einem Router war die Stromversorgung unterbrochen. Mahdian hat noch zwei weitere mitgebracht, die Vorsprach an seinem Laptop überprüft, wobei die beiden Kinder ihm neugierig zusehen. Dann ruft Mahdians Frau an, er verabschiedet sich, während Vorsprach für den Router eine gute Position sucht. Noch hat er die beiden anderen Router nicht zu Ende konfiguriert, da lädt ihn die Mutter der Kinder zu einem typisch afghanischen Mittagessen ein. Vorsprach kann sich zwar kaum vom Terminal lösen, aber Yossef und Elham ziehen ihn schon zu Tisch.


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