Freie Software: Richard Stallman will weiter GNU-Projektchef bleiben
Nach verstörenden Äußerungen über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und seine Opfer ist der Informatiker und Begründer der Free-Software-Bewegung, Richard Stallman, Anfang vergangener Woche von seiner Position als Präsident der Free Software Foundation (FSF) zurückgetreten. Auch seinen Posten am MIT hat Stallman aufgegeben. In einer sehr kurzen E-Mail besteht er aber nun darauf, weiterhin das GNU-Projekt zu leiten(öffnet im neuen Fenster) .
Wörtlich schreibt Stallman: "Am 16. September trat ich als Präsident der Freien Software Foundation zurück, aber das GNU-Projekt und die FSF sind nicht dasselbe. Ich bin immer noch der Leiter des GNU-Projekts (der Chief GNUisance), und ich beabsichtige, dies zu bleiben" .
Stallman hatte das GNU-Projekt im Jahr 1983 angekündigt. Ziel war und ist die Erstellung eines freien Unix-Systems und sämtlicher dafür notwendiger Werkzeuge. Das GNU-Projekt ist inzwischen aber kein einheitliches Betriebssystemprojekt mehr, sondern ein mehr oder weniger loser Zusammenschluss verschiedener einzelner Projekte. Die juristische Vertretung und Sponsorenschaft des GNU-Projekts wird dabei von der FSF übernommen. Die beiden Organisationen sind dadurch stark miteinander verbunden.
Stallmans GNU-Führung verursacht Probleme
Aber im Gegensatz etwa zu der Satzung der FSF, der Debian-Verfassung oder ähnlichen Projektrichtlinien gibt es keine formale Struktur für das GNU-Projekt. Der nun erneut von Stallman formulierte Führungsanspruch für das von ihm gegründete Projekt und alle anderen damit verbundenen Projekte bezieht sich letztlich allein auf seine bisherige Rolle und auch die Akzeptanz der restlichen GNU-Entwickler.
Doch dies sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Probleme und Streitereien. So hat etwa der Hauptentwickler von GnuTLS, Nikos Mavrogiannopoulos, sein Projekt aus dem GNU-Projekt herausgelöst(öffnet im neuen Fenster) und sich in der Diskussion über fehlende Entscheidungsrichtlinien und Transparenz beschwert. Mavrogiannopoulos schrieb damals: "Der einzige existierende Prozess, den ich gesehen habe, ist 'Stallman hat das gesagt'."
Stallman hat sich darüber hinaus über eine Konsensentscheidung der Glibc-Maintainer hinweggesetzt(öffnet im neuen Fenster) , die einen "unangemessenen Witz" über Schwangerschaftsabbrüche aus der Dokumentation entfernen wollten. Diskussionen im GNU-Projekt über die Einführung eines Code of Conduct (CoC) hat Stallman außerdem als Projektleiter dahingehend entschieden, dass das GNU-Projekt eben keinen CoC mit klaren Regeln und entsprechenden Sanktionen bekam, sondern nur Richtlinien für gute Kommunikation .
Ob und inwiefern die Maintainer der einzelnen GNU-Projekte den nun vorgebrachten Führungsanspruch Stallmans über das Dachprojekt auch nach seinen Äußerungen zu Epstein weiterhin akzeptieren, wird sich zeigen müssen. Der Geschäftsführer der Gnome Foundation, Neil McGovern, forderte nicht nur den Rücktritt Stallmans von der FSF(öffnet im neuen Fenster) sondern eben auch vom GNU-Projekt. Sollte dies nicht geschehen, müsse die historische Verbindung der Projekte gekappt werden.
Auch die eng mit den Idealen der Free-Software-Bewegung verbundene Organisation Software Freedom Conservancy fordert Stallman auf(öffnet im neuen Fenster) , von "allen Führungspositionen in unserer Bewegung" zurückzutreten, was offensichtlich auch das GNU-Projekt betrifft. Der aktuelle Präsident der SFConservancy, Bradley Kuhn, ist derzeit auch im Vorstand der FSF und war früher bei der Organisation angestellt. Auch das ehemalige FSF-Vorstandsmitglied Matthew Garrett fordert die gesamte Free-Software-Bewegung dazu auf(öffnet im neuen Fenster) , eine Zukunft ohne Stallman zu gestalten. Die Bewegung solle künftig ihrem politischen Anspruch nach vielmehr dezentralisiert wirken und alle Beteiligten dazu befähigen, sich für den weiteren Erfolg von freier Software einzusetzen, forderte Garrett.
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