FOSDEM 2026: Wo das "Herz der freien Welt" schlägt
An die Arbeit, liebe Open Source Community! Hier schlage das Herz der freien Welt, sagte Richard Hartmann während seiner Eröffnungsrede der Fosdem 2026. Viele Besucher bestätigten dieses "neue Gefühl".
Die Aufbruchsstimmung, die die Weltpolitik, aber auch Donald Trumps politische Manöver und der damit einhergehende Demokratieverfall, hervorgerufen haben, war ein zentrales Thema. Im politischen wie auch gesellschaftlichen Mainstream ist Open Source als digitale Souveränität oder technologische Unabhängigkeit angekommen. Der Nachholbedarf ist erkannt, und so will auch die Fosdem selbst politischer werden.
Schon im Fosdem Fringe rund um Konferenz zeigte sich, wie sehr die Technologiedebatte auch konservative Kreise und höchste politische Ebenen erreicht hat. Entsprechend setzte die Erföffnungskeynote von Michiel Leenaars(öffnet im neuen Fenster), dem Strategiechef von NLnet, den Ton für diverse Devrooms: "Die Fosdem in Zeiten von Kriegen und KI".
"Widerstand. Organisieren. Schützen"
Emotional verortet(öffnet im neuen Fenster) Richard "RichiH(öffnet im neuen Fenster)" Hartmann von Grafana das Zentrum der freien Welt in der Université Libre de Bruxelles (ULB) und heißt die geschätzt über 40 Prozent neuen Besucher zur "größten Open-Source-Konferenz der Welt" willkommen.
"Viele sagen, Open Source sei nicht politisch, aber die lagen schon immer falsch", sagt der Fosdem-Mitorganisator. Gerade die letzten Wochen hätten gezeigt, wie wichtig Engagement sei. Auch Open Source folge da den Prinzipien der Ökonomie. Souveränität sei wahnsinnig ("insanely") wichtig geworden: "Wenn wir unsere Demokratien verlieren, wird auch Open Source irrelevant und verschwindet".
"Ich bin Deutscher, ich habe in Geschichte in der Schule aufgepasst, und ich kann euch sagen: Was da gerade passiert, ist extrem angsteinflößend. Wir sind am Scheidepunkt." Mit brechender Stimme und Tränen in den Augen fährt er fort: Die Zeit, wo man immer nur nett sein könne, sei vorbei, jetzt gelte: "Widerstand. Organisieren. Schützen". Das sei doch nur selbstverständlich, und ihm sei egal, auf wie vielen Listen er stehe. Extra lange lässt er die Folie stehen und bekommt Applaus dafür, ehe er – gefasst – mit den Standard-Announcements fortfährt. Die Fosdem hat jetzt übrigens auch eine Mailadresse für Policy-Fragen: policy@fosdem.org.
Die Announcements sind durchaus eindrucksvoll.
Rund 1.000 Vorträge, 1.200 Sprecher, enorme Themenvielfalt
Bald wird die Fosdem die 1.000-Vorträge-Grenze knacken, 200 davon waren schon am Sonntagabend als Videos verfügbar, weil das Videoteam – und viele Sprecher – noch während der Konferenz schnitten, E-Mails lasen und diverse Server fleißig transcodierten. 1.200 Sprecher gaben sich die Klinke in die Hand, mit den BoFs kamen bereits 1.079 Sessions zusammen. Zu den 5.000 bis 10.000 Anwesenden kommen weitere 1.000, die jeden Tag im Live Stream teilnehmen, und 50.000 Video-Views auf der Webseite.
Die Themen sind auf 65 Dev-Rooms aufgeteilt – weniger als im vergangenen Jahr, obwohl sich 140 Teams beworben hatten. Dafür gab es mehr Ganztags-Devrooms und mehr Projektübergreifendes, ganz im Sinne der Veranstalter. Dementsprechend verteilten sich die Devrooms auf 37 physische Räume(öffnet im neuen Fenster); wer da nur ein paar sehen will muss viel laufen und Treppen steigen, über vier Stockwerke in fünf Gebäuden der ULB.
Die Bandbreite der Themen ist gewohnt riesig, von Paketmanagement über Office, E-Mail, Biologie und Geoinformatik bis zu Medizintechnik, Virtualisierung, RISC-V, Browser, CRA, Python, ARM, Legal & Policy, GCC und dem Aufbau einer Europäischen Digitalen Infrastruktur mit Eurostack und Euroshack. Jeder einzelne der Devrooms kommt mit zehn bis 20 oft hochkarätigen Vorträgen. Es ist unmöglich, alle live zu verfolgen.
Viele Besucher sind sich daher jedes Jahr aufs Neue einig: Es sind die Gespräche und der direkte Austausch mit den Menschen, die die Fosdem so einzigartig machen.
Fediverse & Euroshack, Git & Rust
Hier wird seit vielen Jahren aber auch Netzpolitik und Policy gemacht: Im schon traditionellen, von Aktivisten und Prominenten wie Simon Phipps, Jordan Maris, Sebastian Raible, Tasos Stampelos, Madalin Neag, Paula Grzegorzewska, Claire Pershan, Ciarán O'Riordan organisierten Devroom(öffnet im neuen Fenster) treffen sich Europa-Parlamentarier wie Alexandra Geese, um über die Bedeutung des Fediverse zu diskutieren(öffnet im neuen Fenster), einen Euroshack vorzuschlagen (André Rebentisch), das EU Cloud Sovereignty Framework zu erklären (Emiel Brok) oder den Digital-Omnibus der EU zu hinterfragen (Denise R. S. Almeida). Themenübergreifend wird es in Vorträgen, wo Fediverse und Digital Services Act zusammenkommen.
Im Main Track geht es derweil weiter mit Themen wie Git und Rust, aber auch Fragen der Offenheit(öffnet im neuen Fenster) und wie man sie erhält, wenn Communities bedroht werden oder Arbeitgeber sich bösartig entwickeln(öffnet im neuen Fenster), wie man mit "souveräner KI(öffnet im neuen Fenster)" umgehen soll.
Überlastung von OSS-Projekten – und Probleme mit KI
Ein großer Block an Vorträgen beschäftig sich mit Fragen der Überlastung und mangelnder finanzieller Ausstattung von zahlreichen OSS-Projekten und den damit einhergehenden Problemen und Risiken – für Contributors wie Gesellschaften(öffnet im neuen Fenster) – oder auch der CRA-Compliance(öffnet im neuen Fenster).
Viel Aufsehen erregten Vorträge wie der des Entwicklers Michael Meeks(öffnet im neuen Fenster) über all die Probleme, auf die man beim Bau einer Office Suite stößt, oder am Sonntagabend die Abschlusskeynote von Curl-Mastermind Daniel Stenberg, der über OSS Security in Zeiten von bösartiger KI sprach.
KI kann ja hilfreich sein, aber was Menschen damit machen ...
Stenberg referiert über die sinnlosen Aufwände, die OSS-Teams leisten müssen, weil KI-Systeme heute massenhaft inhaltsleeren Unfug als wichtige Patches einreichen. Die seien so glaubwürdig, dass es teilweise lange dauere – also viel Manpower brauche – bis man schlussendlich herausfinde, dass es die von der KI beschriebene Funktion gar nicht gebe. Derzeit finde ein DDOS-Angriff auf Open Source statt, wie es ihn so noch nicht gegeben habe, so Stenberg, der auch gleich eine Anleitung zum Erkennen von KI-Systemen und ihrem Slop mitliefert.
Dabei liegt es ihm fern, KI zu verteufeln. Er nutze auch KI-Systeme, um Fehler zu suchen, zu debuggen und sei immer wieder überrascht, dass KI-Tools oft Sachen finden, die sonst kein anderes Werkzeug bemerkt hat. Auch bei Tests auf das Einhalten von Standards haben sich die Tools als hilfreich erwiesen. Ob die umfangreichen ethischen und ökologischen Probleme jedoch in Einklang zu bringen seien mit den eigenen Werten, müsse jeder selbst entscheiden, sagt der Schwede.
"Totale Energieverschwendung"
Die DDOS-Angriffe auf Open Source seien "totale Energieverschwendung", die bereits 30 bis 70 Prozent der Submissions ausmache und erst seit zwei Jahren vorkomme. KI sei da nicht das eigentliche Problem, sondern der Missbrauch und die einfache Verfügbarkeit. Menschen würden irregeleitet, Anwender täten sich zunehmend schwer, KI-Lügen von Wahrheiten zu unterscheiden.
Stenberg bekommt viel Applaus, die Fragen nehmen kein Ende. Doch irgendwann ist sie vorbei, die Fosdem, und wie es die Tradition will, müssen – "This is mandatory" (Hartmann) – alle Organisatoren, Freiwilligen und Helfer auf die Bühnen und den Fosdem Dance tanzen.
Markus Feilner(öffnet im neuen Fenster) ist Berater für Open-Source-Strategien aus Regensburg. Seit dem Jahr 1994 arbeitet er mit Linux, seit 2000 mit eigener Firma, die sich auf die OSI Layer 8 bis 11 spezialisiert hat. Er war stellvertretender Chefredakteur des Linux-Magazins und der Heise iX sowie Team Lead Documentation bei Suse.
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