Forspoken im Test: Rollenspiel zwischen episch und elend

Die 20-jährige Kleinkriminelle Frey Holland hat Glück: Kurz vor Weihnachten lässt eine Richterin in New York Gnade walten – und wir als Frey kommen noch mal mit dem Schrecken und ein paar mahnenden Worten davon. Ein paar Verwicklungen und einen Wohnungsbrand später gelangen wir in Forspoken jedoch unfreiwillig durch ein magisches Portal in eine Umgebung, die auf den ersten Blick schlimmer ist als jedes Gefängnis: in die düstere Fantasywelt Athia.
Forspoken ist ein Rollenspiel von Square Enix, in dem wir als Frey in Athia unterwegs sind. Anfangs ist unser größeres Ziel, wieder zurück in die Heimat zu gelangen. Rasch stellt sich aber heraus, dass wir irgendwie besonders sind und der Restbevölkerung von Athia helfen können, indem wir gegen mehrere böse Herrscherinnen kämpfen.
Dabei hilft uns ein sprechender Armreif. Das Schmuckstück ist unser mit Abstand wichtigster Begleiter, es liefert Tipps und schräge Sprüche – wovon auch Frey nicht wirklich begeistert ist. Die beiden liefern sich regelmäßig mehr oder weniger lustige Wortgefechte.
Die Grundlagen dieser Story hat Amy Hennig (Uncharted) entworfen, ausgearbeitet wurden Geschichte und Welt von Profis aus dem Film- und Serienbereich, darunter Gary Whitta (Star Wars Rogue One). Das merkt man durchaus – was positiv gemeint ist.
Forspoken ist zwar Fantasy, aber Frey spricht wie eine moderne junge Frau. Wer in einem Rollenspiel eine elfische oder orkische Ausdrucksweise erwartet, dürfte sich angesichts des häufigen Gebrauchs von "Alter" und "cool" gruseln. Nebenbei: Wir finden zwar rasch Kleidung mit Zauberkräften, an den Füßen von Frey bleiben aber die Turnschuhe vom Planeten Erde.
Athia ist eine riesige offene Umgebung. Es gibt gewaltige Felstäler, an Wüsten erinnernde Ebenen, dazu Höhlen und Wälder. Verlaufen können wir uns nicht: Das aktuelle Ziel ist immer als Markierung sichtbar. Wir haben in Forspoken relativ konsequent die Haupthandlung verfolgt, das hat sich einfach so ergeben.
Die Kampagne bietet einen Umfang von 40 bis 50 Stunden. Zusätzlich können wir einfache Nebenaufgaben und etwa besondere Monster erlegen oder Labyrinthe nach Ausrüstung durchsuchen. Klassische Nebenquests mit kleinen Geschichten von NPCs gibt es auch, aber für ein Spiel dieser Art vergleichsweise selten.
Die meiste Zeit verbringen wir mit Kämpfen gegen Untote, Orks, riesige Drachen und andere Fantasywesen. Frey schlägt ausschließlich mit Zaubern zu. Anfangs hat sie primär Fernkampfkräfte, die an eine magische MP oder Schrotflinte erinnern. Später gibt es auch übernatürliche Feuerschwerter – und Fäuste.
Fast noch wichtiger ist das Parkour-System – die vermutlich größte Besonderheit von Forspoken. Auf Knopfdruck kann Frey übernatürlich hoch springen sowie kurz fliegen und in der Luft Feinden ausweichen sowie Felswände hochhüpfen und mehr. Teils sieht das elegant aus wie bei Ninjas, teils chaotisch wie bei der Ziege im Goat Simulator. Aber es funktioniert und macht Spaß!












Mit etwas Übung können wir sogar den zielsuchenden Flammenzaubern ausweichen, die einige Oberbosse in unsere Richtung schicken. Oder wir nehmen per Parkour sprichwörtlich die Beine in die Hand und flüchten vor großen Monstermassen über ein paar Gebäude hinweg.
Forspoken bietet mehrere Schwierigkeitsgrade, zusätzlich dürfen wir im Optionenmenü den erlittenen Schaden stark verringern – dann sind wir fast unverwundbar. Wer die Vorgaben unverändert lässt, muss sich auf fordernde und vor allem lange Kämpfe mit Überraschungen einstellen.

Optik und Atmosphäre sind durchwachsen. Es gibt schöne Orte, etwa eine Waldlandschaft mit großen Brücken oder halbzerstörte Dörfer an Felswänden. Wir laufen aber auch durch hässliche und triste Umgebungen. Die Welt ist relativ leer, insbesondere findet sich nur in Ausnahmefällen mal ein nicht feindliches Lebewesen. Bauern, Handwerker oder ähnliches gibt es gar nicht in der offenen Welt.
Die allermeisten Feinde sind kein Hingucker: Viele sind von Kopf bis Fuß mit einer dunklen Matschtextur überzogen. Nur gelegentlich (später öfters) begegnen wir aufwendiger gestalteten Wesen, dazu kommen teils nett anzusehende Oberbosse – aber auch viele, die furchtbar aussehen.
In Athia gibt es weder dynamisches Wetter noch Tag- und Nachtwechsel, an bestimmten vorgegebenen Stellen laufen wir aber innerhalb weniger Meter von Sonnenschein in Nebel. Das hat dann meist mit Story oder Mission zu tun.
Forspoken: Verfügbarkeit und Fazit
Technische Grundlage von Forspoken ist die neu programmierte Luminous Engine, die bei dem zu Square Enix gehörenden Entwicklerteam Luminous Productions(öffnet im neuen Fenster) entstanden ist. Die offiziellen PC-Systemanforderungen(öffnet im neuen Fenster) sind relativ hoch.
Selbst für 720p (1.280 x 720 Pixel) bei einer Bildrate von 30 fps wird als CPU ein Intel Core i7-3770 oder AMD Ryzen 5 1600 benötigt. Als GPU muss es mindestens eine Nvidia Geforce GTX 1060 oder AMD Radeon RX 5500 XT sein, dazu kommen 16 GByte RAM und 150 GByte auf Festplatte oder SSD (PS5: 87,3 GByte).
Auf der Playstation 5 gibt es drei Grafikmodi: Qualität mit einer Auflösung von 4K und dynamischer Bildrate, Raytracing mit sich anpassenden Bildraten und Auflösungen sowie Performance mit einer Bildrate um die 60 fps und mit VRR sogar um die 120 fps. Das Bild sieht immer recht ähnlich aus, die Bildrate finden wir nur in Performance angenehm und würden deshalb immer diese Option wählen.
Forspoken erscheint am 24. Januar 2023 für Windows-PC (Steam, Epic Games Store, Microsoft Store) und Playstation 5, die Standardversion kostet auf allen Plattformen rund 80 Euro – das ist kein Scherz oder Versehen! Es gibt weder Multiplayer noch Mikrotransaktionen. Für die PS5 gibt es eine spielbare Demo.
Die deutsche Stimme von Frey unterscheidet sich sehr von der Originalversion, wir finden sie aber ganz stimmig. Der Armreif gefällt uns auf Deutsch nicht besonders, das englische Pendant klingt aber ähnlich gestelzt.

In den Optionen kann man die Häufigkeit der Plaudereien zwischen Frey und Armreif in mehreren Stufen verändern und so auf essenzielle Gespräche beschränken. Von der USK hat Forspoken eine Freigabe ab 16 Jahre erhalten.
Fazit
So oft wie bei Forspoken haben wir beim Spielen schon lange nicht mehr unsere Meinung geändert. Prolog in New York: spannend! Die ersten Schritte und Kämpfe in Athia: schrecklich. Fünf Stunden Abenteuer in der offenen Welt: Wow, hier gibt es viel zu entdecken und frische Ideen. Die nächsten fünf Stunden: Wir haben genug von dieser leblosen Ödnis ...
Dann kommt es zur epischen Schlacht, darauf folgen im Wechsel unfassbar blöde, aber auch berührende Momente. Die Dialoge zwischen Heldin Frey und ihrem Begleiter, dem sprechenden Armreif, pendeln regelmäßig zwischen Quasseln zum Fremdschämen und gelungenen Wortgefechten.
Sogar die Optik wirkt durchwachsen: Felstäler mit grünen Wiesen, schwebenden Felsbrocken und riesigen Brücken sehen toll aus. Aber wenig später stehen wir dann wieder im Nebel oder in einem Labyrinth, dessen Farbgebung wie ein Grafikfehler aussieht. Zwischensequenzen wirken teils schick, teils wie in einem Retrospiel.












Etwas besser ist die Situation bei den Kämpfen, die uns mit ihrer Mischung aus Zauber und Parkour fast immer Spaß gemacht haben. Im Spielverlauf bekommen wir mehr und mehr neue Optionen, so dass wir nicht einfach nur mit magischem Dauerfeuer durchkommen, sondern neben guten Reflexen auch taktisches Gespür brauchen.
Tja, wem könnten wir Forspoken denn nun empfehlen? Am ehesten Spielern, denen akrobatische Action wichtiger ist als ein Rollenspielsystem mit sehr vielen Rüstungen, Waffen und Charakterwerten.
Wer noch dazu Heldin und Szenario sympathisch findet und Lust auf eine ungewöhnliche Fantasystory ohne rauschbärtige Zauberer und griesgrämige Goblins sowie Zeit zum Erkunden der Welt hat, dürfte mit Forspoken durchaus Spaß haben. Bei allen anderen ist die Gefahr zu groß, dass irgendwann die Motivation in den Weiten von Athia verloren geht.



