Forschungsministerin: Kernfusion ist das Flugtaxi des nächsten Jahrzehnts

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung(öffnet im neuen Fenster) (Paywall) bekräftigt Dorothee Bär (CSU), Bundesforschungsministerin und Mitglied der Bundesregierung, dass der weltweit erste Fusionsreaktor in Deutschland stehen solle. So ähnlich hatten das auch schon ihre Parteikollegen von der CSU Anfang 2026 in einem Positionspapier bekundet.
Deutschland solle selbst forschen, um nicht China oder Indien das Feld zu überlassen. Von ihren Interviewpartnerinnen darauf angesprochen, dass sie jahrelang Flugtaxis im Himmel über Deutschland gefordert hätte, diese aber nun in China fliegen, erkannte Dorothee Bär durchaus Parallelen zur Erforschung der Kernfusion. Sie "bedauere sehr, dass vorhandene Technologien nun zuerst anderswo zum Einsatz kommen und wir Chancen liegen lassen" .
Gefährliche Unkenntnis der Situation
Einmal davon abgesehen, dass der Vergleich zwischen einer noch kaum beherrschbaren, höchst experimentellen Zukunftstechnologie und der Weiterentwicklung des Hubschraubers, der bereits vor hundert Jahren flugfähig war, ganz schön hinkt, fragt man sich hier, ob der Forschungsministerin Deutschlands Beitrag zur Kernfusion überhaupt bewusst ist.
Schließlich zählt sie mit Indien und China zwei Länder auf, die wie Deutschland am derzeit erfolgversprechendsten Kernfusionsprojekt zusammenarbeiten, genau wie die meisten anderen europäischen Länder, Russland und die USA.
Physiker fehlen überall
Und das liegt nicht an den Baukosten von bis zu 50 Milliarden Euro oder der Tatsache, dass fast parallel noch ein weiteres, viel größeres Fusionskraftwerk gebaut werden muss, mit dem dann tatsächlich Strom gewonnen werden kann. Es ist die Arbeits-, Forschungs- und Konstruktionsleistung, die ein Land allein nicht aufbringen kann.
In Deutschland, einem Land mit solidem Bildungssystem und weltberühmten, gefeierten Physikern, gibt es pro Jahr 3.000 Absolventen in Physik. Lediglich ein Bruchteil davon geht in die Forschung, wiederum nur ein Teil davon in die Plasma- und Teilchenphysik.
Ähnlich, tendenziell sogar niedriger, fallen die Quoten in anderen Ländern aus. Man muss die passenden Wissenschaftlerinnen und Ingenieure deshalb weltweit suchen und auch arbeiten lassen. Kein Wunder also, dass die Einzelteile von Iter ebenfalls auf der ganzen Welt gebaut und nach und nach Richtung Südfrankreich transportiert werden, auch aus Deutschland.
Falsches Verständnis für die wissenschaftliche Arbeit
Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Kernfusionsforschung. Ohne Zusammenarbeit, ohne Austausch, aber auch ohne eine freie Forschung, bei der manchmal noch gar nicht klar ist, welchem Ziel sie dienen kann, wird der Fortschritt ausgebremst.
Da wirkt es eher kontraproduktiv, immer wieder, nun auch durch ein Mitglied der Bundesregierung, einen Fusionsreaktor in Deutschland zu fordern, der dann in Bayern oder mitunter auch in Hessen stehen soll, je nachdem, wo mehr Fördergeld gezahlt wird – und damit indirekt eines der derzeit wenigen globalen Forschungsprojekte zu gefährden.
Wobei es natürlich ebenso sinnvoll ist, Forschungen am Stellarator wie in Greifswald oder an der Laserfusion wie in Darmstadt ebenso voranzutreiben. Aber ohne internationale Zusammenarbeit dürften auch solche Projekte kaum gelingen.
Eine nationale Fixierung, teils eingefärbt mit einer rein bayrischen Fixierung, ist dagegen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie verkennt, wie komplex Aufgabenstellungen wie die Entwicklung einer stabilen Kernfusion sind. Zu wissen, wie es gelingen könnte, heißt noch längst nicht, dass die ursprünglichen Erfinder auch ein wirtschaftlich tragfähiges Kraftwerk betreiben können.
Zumal: Immer der Erste sein zu wollen, muss gar nicht mal so gut sein. Man denke an Deutschland als Weltmarktführer in der Photovoltaik im Jahr 2010. Auch der damals höchst innovative Thoriumhochtemperaturreaktor THTR-300(öffnet im neuen Fenster) in Hamm hat den Standort Deutschland nicht unbedingt vorangebracht.
IMHO ist der Kommentar von Golem.de. IMHO = In My Humble Opinion (Meiner bescheidenen Meinung nach)