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For Honor im Test: Gipfeltreffen der Kriegsstahlschwinger

Ritter gegen Wikinger gegen Samurai: For Honor bietet brachiale Nahkämpfe in der Kampagne und im Multiplayermodus. Wer gerne unkomplizierte Action mag, sollte sich das Zuschlagen aber gut überlegen – zumal es Ärgernisse wie einen Onlinezwang und Bezahlinhalte gibt.
/ Peter Steinlechner
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Im Ausstattungsmenü von For Honor bekommt der Wikinger einen neuen Helm. (Bild: Golem.de)
Im Ausstattungsmenü von For Honor bekommt der Wikinger einen neuen Helm. Bild: Golem.de

Falls sich Ritter, Wikinger und Samurai jemals begegnet sein sollten, könnte es auf zweierlei Art abgelaufen sein. Entweder die Herrschaften haben sich mit Krügen voller Bier, Met und Sake in einen Burgfried gesetzt, sich ordentlich betrunken und gemeinsam anzügliche Mittelalterschlager gegrölt. Oder – das ist die Version im Actionspiel For Honor von Ubisoft(öffnet im neuen Fenster) – sie haben Schwert, Axt und Katana gezückt und sich gegenseitig die Rübe vom Rumpf geschlagen.

For Honor – Fazit
For Honor – Fazit (02:15)

For Honor schickt uns mit den bombastisch gut aussehenden und toll animierten Kriegern – die sich in Wirklichkeit vermutlich nie begegnet sind – als Fraktionen in mehreren Modi in die Schlacht gegeneinander. Entscheidend ist dabei das Nahkampfsystem. Einfach nur Knöpfchen drücken, führt nämlich nur zum Verlust wichtiger Körperteile und damit zur Niederlage.

Stattdessen sind neben dem manuellen Aufschalten vor allem Timing und Taktik gefragt. Gleich im gut gemachten Tutorial lernen wir, dass es vor allem auf eines ankommt: Ob unser Gegner von links, von rechts oder von oben mit seinem Schwert zuschlägt. Dann können wir per Analogstick unsere Klinge so halten, dass der feindliche Angriff nicht uns trifft. Und gleichzeitig können wir zur Gegenattacke ansetzen – natürlich am besten in die gerade offene Flanke.

Dieses Grundprinzip – drei Seiten für die Deckung und drei Seiten für Angriffe – wird dann immer weiter verfeinert. So sollten wir bei einem fixen Samurai als Gegner mit ebenfalls langsamen, aber schweren Hieben arbeiten. Und falls sich ein Wikinger hinter seinem Schild verschanzt, können wir versuchen, mit einem Tritt seine Deckung zu verringern oder ihn von einem Abgrund zu schubsen.

Aber Vorsicht! Sowohl KI-Gegner als auch menschliche Rivalen könnten darauf mit einem beherzten Griff zu unserem Fuß reagieren und uns damit Schaden zufügen. Letzten Endes verwendet For Honor also ein relativ komplexes Stein-Schere-Papier-System aus Angriffen und Kontern, das wir nach und nach über eingeblendete Hilfstafeln lernen und dann immer weiter verfeinern.

Mit Hilfe dieses Kampfsystems können wir uns im Multiplayermodus – dazu gleich mehr – und in der Kampagne durch Gegnerhorden schnetzeln. Der Solomodus von For Honor schickt uns erst in ein Kapitel rund um die Ritter, dann geht es zu den Wikingern und zum Schluss zu den Samurai. Es gibt eine rudimentäre Handlung, die mehr schlecht als recht von irgendwelchen mysteriösen Vorgängen, von Verrat und ähnlichem erzählt.

Zehn Wochen Fraktionskrieg

Die insgesamt um die sieben oder acht Stunden langen Abenteuer erzählen keine gelungene Story, sondern fühlen sich über weite Strecken wie ein überlanges Tutorial an. Trotzdem ist es unterhaltsam: Es gibt einige ziemlich sinnlose, aber trotzdem schön anzusehende und toll animierte Zwischensequenzen. Und die Schauplätze – alte Dörfer, Burgen, Wälder und so weiter sind sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt und durchaus sehenswert.

For Honor – Story-Trailer (E3 2016)
For Honor – Story-Trailer (E3 2016) (03:51)

Das eigentliche Herzstück von For Honor sind die Multiplayermodi und da insbesondere der Fraktionskrieg. Das ist ein langfristig angelegter Feldzug, bei dem Ritter, Wikinger und Samurai darum kämpfen, möglichst viel Territorium auf einer globalen Karte zu besetzen. Alle sechs Stunden gibt es ein Update über die aktuelle Lage, alle zwei Wochen wird eine Runde abgeschlossen und die ganze, bereits laufende, Saison dauert zehn Wochen. Am Ende bekommen die Sieger eine Belohnung, dann folgt eine kurze Pause und alles geht von vorne los.

Dieser Kampf um Territorien wird in relativ normalen Multiplayermatches aus zwei Partien mit jeweils vier Personen ausgetragen – in denen wir übrigens mit allen Fraktionen und Klassen antreten können, ohne unsere zu Spielbeginn gewählte Hauptfraktion verlassen zu müssen. Wir verzichten hier darauf, die weiteren Details aufzudröseln. Wichtig: Es gibt relativ typische vier Klassen und die Charaktere können mit allerlei Ausrüstung aufgebrezelt werden, um in Modi wie Team Deathmatch und Eroberung anzutreten.

Das Ganze ist relativ komplex, teils auch in sehr unübersichtlichen Menüs verpackt, durch die sich auch erfahrene Spieler erst mal arbeiten müssen. Die eigentlichen Partien laufen dann wie ein Call of Duty für Nahkämpfer und mit einem anspruchsvollen Kampfsystem ab: Gegner suchen und stellen, möglichst schnell mit dem Schwert in die Knie zwingen, Extras sammeln, verstecken, Hinterhalte legen und so weiter.

Neben dem Fraktionskrieg gibt es über die Menüpunkte "Schnelles Spiel" und "Benutzerdefiniert" noch weitere Optionen und Modi. Sogar klassische Duelle sind möglich, in denen wir mit unserem Charakter im Kampf gegen einen anderen Spieler antreten müssen. In den meisten Modi können wir bestimmen, ob wir mit und gegen menschliche Mitstreiter antreten oder erst mal gegen relativ schlau agierende Bots.

Der Multiplayermodus von For Honor setzt trotz des Fokus auf Player versus Player ausschließlich auf Peer-to-Peer-Verbindungen statt auf dedizierte Server. Laut Ubisoft gebe es im Hintergrund immerhin Systeme, die irgendwie darauf achten, dass kein Spieler durch diese Netzwerkarchitektur Nachteile hat. Details nennt die Firma nicht, aber vermutlich laufen da Plausibilitätsprüfungen, die Ausreißer nach oben oder unten kompensieren.

Wir hatten beim Test tatsächlich keine Probleme mit Lags, aber gefühlt alle zwei Stunden – eher öfter – plötzliche Verbindungsabbrüche, die nicht an unserem WLAN lagen. In der Praxis bedeutet das, dass eine laufende Multiplayerpartie fast sofort abbricht und wir im Startbildschirm landen.

Verfügbarkeit und Fazit

Ebenfalls ärgerlich: Obwohl For Honor alles andere als ein günstiges Spiel ist, setzt Ubisoft recht stark auf zusätzliche Einnahmen über den Itemshop. Dabei geht es nicht nur um kosmetische Extras, wie es sie etwa in Overwatch gibt. Stattdessen können Spieler für die Ingame-Währung Stahl auch Ausrüstung mit besseren Werten kaufen.

For Honor – Vikinger Gameplay (E3 2016)
For Honor – Vikinger Gameplay (E3 2016) (10:18)

Dazu kommen Extras wie der Champion-Status, der unter anderem mehr Beute am Ende eines Matches sowie mehr Erfahrungspunkte bringt. Den dafür nötigen Stahl kann der Spieler sich durch Erfolge verdienen oder ihn schnöde für echtes Geld kaufen.

For Honor ist für Windows-PC (ab 60 Euro, Systemanforderungen ), Xbox One und Playstation 4 (jeweils ab 65 Euro) erhältlich; Sammlerausgaben sind teils deutlich teurer. Alle Versionen laufen – auch in der Kampagne – nur mit immer aktivierter Onlineverbindung zu den Servern bei Ubisoft. Wer die PC-Version bei Steam kauft, muss sie dort und bei Ubisoft aktivieren. Die USK hat dem Programm eine Freigabe ab 18 Jahren erteilt.

Fazit

For Honor gehört wegen der packenden Atmosphäre zu den Spielen, die wir toll finden möchten. Leider macht es uns das Spiel aber ganz schön schwer. Auf der Habenseite hat es die fantastisch aussehenden Krieger, wunderschöne Rüstungen sowie die stimmungsvoll aufbereiteten Szenarios. Es gibt haufenweise Stellen und Figuren in For Honor, aus denen man ohne weiteren Aufwand die Kinoplakate für einen mittelalterlichen Schlachtenfilm zaubern könnte.

Die Schwertkämpfe mit dem Blocken und Austeilen in drei Richtungen sowie den weiteren Feinheiten, gefallen uns auch. Das System ist herausfordernd und erlaubt taktische Freiheiten und Überraschungen. Allerdings fühlt es sich so gut wie gar nicht intuitiv an, sondern muss recht mühsam gelernt und dann immer wieder trainiert werden.

Wer so etwas mag, erfüllt die wichtigste Voraussetzung, um mit For Honor glücklich zu werden. Auf den ersten Blick wirkt das Programm zwar wie die massenkompatible Nahkampf-Fantasy-Version eines Call of Duty. Tatsächlich ist der wichtigste Teil, nämlich der Multiplayermodus, aber ein Fall für Spezialisten, die sich wochenlang eingraben und intensiv mit Angriffsmanövern, Waffen und den gut aufgebauten Maps beschäftigen möchten.

Wir sehen aber noch viel Optimierungspotenzial. Nachbesserungen wünschen wir uns in den unnötig kompliziert aufgebauten Menüs und Modi. Vor allem im Fraktionskrieg können wir nicht nachvollziehen, was genau vor sich geht und welchen Einfluss wir haben.

Ärgerlich finden wir auch die Sache mit den Bezahlinhalten. Nebenbei würden wir uns freuen, wenn Ubisoft den Anmelde- und Onlinezwang für die Kampagne abschafft oder zumindest abmildert. Der Solomodus fühlt sich über weite Strecken sowieso wie ein langes Tutorial an. Der banalen Handlung konnten und wollten wir schon nach dem dritten Kapitel nicht mehr folgen. Unter dem Strich ist For Honor vor allem für Fans komplexer Nahkampf-Multiplayer-Action eine lohnende Investition.


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