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Flugsicherheit: Nur Surfen ist schöner

Von Handys, Smartphones oder Laptops soll im Flugzeug keine Gefahr mehr ausgehen – ihre Nutzung bleibt trotzdem eingeschränkt. In den USA und der EU kommt aber endlich Bewegung in die Sache.
/ Friedhelm Greis
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Darf ungestört im Flugzeug telefonieren: US-Präsident Barack Obama in der Air Force One. (Bild: Pete Souza/Weißes Haus)
Darf ungestört im Flugzeug telefonieren: US-Präsident Barack Obama in der Air Force One. Bild: Pete Souza/Weißes Haus

Das am besten gehütete Geheimnis der Luftfahrt ist mitnichten der Eröffnungstermin des neuen Berliner Flughafens BER. Viel schwieriger scheint die Frage zu beantworten, warum bestimmte elektronische Geräte wie ein iPad in einem Flugzeug ausgeschaltet bleiben müssen, während der Passagier auf dem Nebensitz sein Kindle benutzen darf, und warum das Handy ausgeschaltet bleiben muss, obwohl EU und Bundesregierung schon seit fünf Jahren keine Bedenken mehr haben. Doch endlich scheint Bewegung in die Debatte zu kommen.

Bereits vor zehn Jahren begannen Luftverkehrsunternehmen damit, die Auswirkungen von Mobilfunktechnik auf die Bordelektronik eines Flugzeugs genauer zu untersuchen. 2008 gab dann die EU grünes Licht, und auch die Bundesregierung sprach sich damals schon für Handynutzung im Flugzeug aus. Einheitliche Standards gibt es jedoch immer noch nicht, auch wenn der EU-Verkehrskommissar erst kürzlich den Fluggesellschaften die letzte Entscheidung überlassen hat. International könnte es Klarheit geben, wenn die US-Regulierungsbehörde FCC auf ihrer Sitzung am heutigen 12. Dezember 2013(öffnet im neuen Fenster) über die weitergehende Erlaubnis der Handynutzung entscheidet. Aber schon jetzt ist abzusehen: Die Fluggesellschaften lassen auch in Zukunft nicht alles zu, was ohne Sicherheitsbedenken möglich ist.

Piloten berichten von Störungen wegen Geräten von Passagieren

Rein technisch ist die Sache klar: Alle elektronischen Geräte emittieren elektromagnetische Strahlung. Mal stärker, wie ein Handy mit maximal 2 Watt. Mal schwächer, wie ein WLAN-Sender mit rund 100 Milliwatt. Oder auch ganz schwach, wie ein MP3-Player. Die Navigationsgeräte der Flugzeuge, die zur sogenannten Avionik zählen, müssen jedoch elektromagnetische Signale empfangen und verarbeiten. Ebenso wie die Zahl der elektronischen Geräte, die Flugzeugpassagiere mit an Bord bringen, seit Jahren zunimmt, wird auch die Bordelektronik immer komplexer.

"Es gibt zahlreiche Berichte von Piloten über Störungen wichtiger Geräte, die von Passagierelektronik hervorgerufen wurden", sagt Peter Ladkin, Professor für Rechnernetze und verteilte Systeme an der Universität Bielefeld. Die Bordelektronik verändere sich und die Passagiere hätten ständig neue Geräte. Hinzu kommt: Wenn es Defekte am Bordnetz oder an Geräten der Fluggäste gibt, können ganz unerwartete Probleme auftauchen. Es sei unmöglich, sämtliche Kombinationen zu testen, sagt Ladkin.

Störfälle lassen sich nicht reproduzieren

Unmöglich scheint aber auch, den gemeldeten Störungen mit wissenschaftlichen Methoden auf den Grund zu gehen. Die Nasa führt ein Berichtssystem für Flugsicherheit, das auch Störungen durch Handys, Laptops und weitere Geräte erfasst. So wie auf einem Flug mit dem Regionaljet CR200(öffnet im neuen Fenster), bei dem ein iPhone im Standby-Modus offensichtlich die Kompassanzeige durcheinanderbrachte. Der Flugzeughersteller Boeing untersuchte in den neunziger Jahre mehrere solcher Vorfälle(öffnet im neuen Fenster), konnte aber nie einen direkten Zusammenhang zwischen den Geräten und den Störungen der Bordelektronik reproduzieren.

Damals tauchte das Problem sogar in einer Simpson-Folge auf(öffnet im neuen Fenster), als Bart Simpson mit seinem Gameboy die Flugzeug-Triebwerke abschaltete. Auch das Luftfahrt-Bundesamt erfasst in einer Datenbank Störungen im Flugverkehr. Dort finden sich jedoch keine Störungen, die "eindeutig" auf Passagierelektronik zurückgeführt werden können, wie es auf Golem.de-Anfrage hieß. Bei der Lufthansa würden bislang keine "nennenswerten" Probleme mit elektronischen Geräten registriert, teilte die größte deutsche Fluglinie auf Anfrage mit.

Ist das Benutzungsverbot also völlig überflüssig? Dafür spricht auch, dass einer aktuellen US-Umfrage zufolge(öffnet im neuen Fenster) 30 Prozent aller Passagiere angeben, während des Fluges ein elektronisches Gerät nicht ausgeschaltet zu haben. Dabei sind es die stark strahlenden Smartphones, die am häufigsten eingeschaltet bleiben. Auch wüssten mehr als 40 Prozent der Passagiere nicht, wann sie genau ihre Elektronik ausschalten müssten. Sollte von den Handys und Laptops tatsächlich eine Gefahr für den Flugbetrieb ausgehen, hätte es offenbar wesentlich mehr Störfälle geben müssen.

Flugzeughersteller sehen keine Probleme

Dennoch dürfen die Fluglinien die Geräte nicht ohne weiteres zum Gebrauch freigeben. Das liegt in Deutschland an der Luftfahrzeug-Elektronik-Betriebs-Verordnung(öffnet im neuen Fenster), kurz LuftEBV genannt. Diese verbietet prinzipiell den Gebrauch elektronischer Geräte, definiert aber auch Ausnahmen. So dürfen Geräte mit Sendefunktion nur benutzt werden, "solange das Luftfahrzeug an einer Parkposition steht und die Triebwerke nicht in Betrieb sind". Eine Zulassung ist allerdings erlaubt, wenn der Flugzeughersteller die Verträglichkeit der Geräte mit der Bordelektronik "unter Berücksichtigung der verwendeten Frequenzen und Sendeleistungen nachgewiesen hat".

An einem solchen Nachweis dürfte es inzwischen aber nicht mehr scheitern. "Die Nutzung elektronischer Geräte ist in modernen Verkehrsflugzeugen wie von Airbus oder anderen Herstellern technisch kein Problem", sagte Airbus auf Anfrage von Golem.de. Damit sind wieder Fluglinien und Luftfahrtbehörden dran. Gerade bei Letzteren ist in den vergangenen Wochen viel Bewegung bei diesem Thema zu registrieren gewesen.

Die europäische Luftfahrtbehörde EASA hat am Montag die Beschränkungen für den Gebrauch von Handys, Tablets und Laptops an Bord von Flugzeugen gelockert. Laut der EASA soll der Flugmodus, den moderne Smartphones und Tablets bieten, in Zukunft ausreichen. Das Telefonieren soll vorerst bei Start und Landung verboten bleiben. In den kommenden Monaten wolle man neue Leitlinien veröffentlichen. Die Behörde hatte sich schon zuvor für eine Lockerung ausgesprochen.

Auf Basis einer ausführlichen Studie(öffnet im neuen Fenster) sprach sich auch die US-Flugsicherheitsbehörde FAA dafür aus(öffnet im neuen Fenster), den Gebrauch elektronischer Geräte in allen Phasen des Fluges zu ermöglichen. Im Gegensatz zur EASA erlaubt die FAA sogar die Nutzung von Geräten mit WLAN-Sendern, wenn die Fluglinie einen Hotspot in der Maschine anbietet.

Schnittstellen sind nicht zu erkennen

Damit tun sich aber gleich neue Probleme auf. Vielen elektronischen Geräten sieht man es nicht an, ob und wie sie drahtlos mit der Umgebung kommunizieren. So gibt es Amazons Kindle-Reader oder Apples iPad mit WLAN oder 3G-Schnittstelle. Rein theoretisch müsste das Kabinenpersonal bei jedem dieser Geräte den Passagier fragen, welche Art von Sender er benutzt. Vor allem dann, wenn WLAN erlaubt, aber die Handynutzung verboten bliebe. Auch bei der Einschaltung des Flugmodus ist die Fluglinie auf die Kooperation mit den Passagieren angewiesen. Da fast alle Passagiere (94 Prozent) laut der genannten Umfrage inzwischen elektronische Geräte mit an Bord bringen, ist eine detaillierte Kontrolle kaum praktikabel.

Derzeit unterscheiden die Fluglinien in der Regel zwischen sendefähigen und nichtsendefähigen Geräten. In den Flugzeugen von Air Berlin gibt es ein Verbot für "jede Art von Kommunikation mittels eines drahtlosen Netzwerks (Wifi, IR, Blue Tooth, UMTS etc.)", wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte. Dem Betriebshandbuch zufolge müssten alle elektronischen Geräte zum Start und zur Landung ausgeschaltet sein. Für mobile Telefone und Organizer gelte, "dass diese Geräte während des Reisefluges nur im Flugmodus genutzt werden dürfen und vor dem Start und der Landung ebenfalls ausgeschaltet werden müssen". Auch auf Lufthansa-Flügen müssten bislang alle sendefähigen Geräte während des Rollens, Startens und Landens komplett ausgeschaltet bleiben, sagte Unternehmenssprecher Michael Lamberty auf Anfrage. Welcher Gerätetyp für den Flugbegleiter als sendefähig gilt oder nicht, scheint bei den Fluglinien häufig dem Zufall überlassen. Es sei "nicht praktikabel, dass dies einzeln geprüft wird", sagte Lamberty weiter. Daher beziehe sich die Angabe generell auf bestimmte Gerätegruppen. "Im Zweifelsfall muss vielleicht auch mal ein Gerät ausgeschaltet bleiben, denn eine Flugzeugkabine ist natürlich nicht der Ort für eine Fachdiskussion", sagte der Lufthansa-Sprecher.

Handynutzung soll kommen

Konsequent wäre daher, auch die Nutzung von Mobiltelefonen zu erlauben. Eine entsprechende Initiative kündigte der neue Chef der US-Kommunikationsbehörde FCC, Thomas Wheeler, Ende November an. Es werde Zeit, "unsere veralteten und restriktiven Bestimmungen zu überprüfen". Aus technischen Gründen ist dies zu vertreten. "Eine Zelle im Flugzeug, Picozelle, ist sehr hilfreich. Wenn das Handy in unmittelbarer Nähe eines Empfängers ist, strahlt es nicht so viel aus", sagt Ladkin. Insbesondere nicht so viel, dass es das Bodennetz stören könne. Ohne solche Zellen ist der Handyempfang ohnehin kaum möglich, da sich das Gerät in großer Höhe häufig nicht in eine eindeutige Funkzelle einloggen kann. Mit Hilfe der Picozellen ist die Funkverbindung mit Handy oder Smartphones über den Wolken kein Problem. In diesem Fall taucht aber gleich das nächste Problem auf: Ist es wirklich wünschenswert, dass während eines langen Interkontinentalfluges ständig die Handys klingeln und laut gequatscht wird?

"Wir sind dabei, alle Langstreckenflugzeuge neben dem WLAN-Zugang zu Lufthansa Flynet auch mit GSM-/GPRS-Picozellen auszustatten", sagte Lufthansa-Sprecher Lamberty. Es bleibe allerdings dabei, dass Sprachtelefonie an Bord von Lufthansa nicht erwünscht sei. Das gelte auch für Skype. "Für Telefonate stehen auf der Langstrecke fest installierte Satellitentelefone zur Verfügung", sagte Lamberty. Damit entspricht die Fluglinie dem Wunsch vieler Passagiere. Gegen das Telefonieren an Bord sprachen sich in der zitierten Umfrage sechs von zehn Passagieren aus. Vor allem, weil die Mitreisenden dadurch abgelenkt werden. Ähnlich argumentieren die US-Flugbegleiter. Sie sorgen sich um eine ruhige Kabinenatmosphäre und befürchten, dass wichtige Durchsagen überhört werden könnten.

Ganz gleich wie sich die Luftfahrtbehörden und Fluglinien entscheiden: Die Nutzung elektronischer Geräte an Bord wird auch in Zukunft genügend Konfliktpotenzial bergen. Gegen den exzessiven Gebrauch scheinen weniger technische Gründe als andere Fragen wie Sicherheit und der Wunsch nach ungestörtem Reisen zu sprechen. Unabhängig von den Richtlinien der Fluggesellschaften und Luftfahrtbehörden kann das Bordpersonal aber auch in Zukunft die Nutzung jedweder Geräte an Bord verbieten. Denn das letzte Wort hat in jedem Flugzeug der Kapitän.


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