Flucht in die Zukunft: H.G. Wells versus Jack the Ripper
Flucht in die Zukunft (Time After Time) aus dem Jahr 1979 mag im Verlauf der Jahrzehnte etwas in Vergessenheit geraten sein, aber der Debütfilm von Nicholas Meyer, der später Star Trek II: Der Zorn des Khan drehte, gehört zu den großen Klassikern des Zeitreise-Subgenres. Er reicht fast an Zurück in die Zukunft heran, was nur passend ist, spielt Mary Steenburgen doch sowohl in diesem Film als auch im dritten Teil der Trilogie die weibliche Hauptrolle. Hier ist sie eine moderne Frau des 20. Jahrhunderts, die auf den etwas steifen H.G. Wells stößt.
Der Film beginnt im Jahr 1893. Der Autor und Erfinder H.G. Wells hat seine besten Freunde eingeladen, weil er ihnen von seiner bahnbrechenden Erfindung erzählen will, mit der er beweisen will, dass seine Vision einer sozialistischen Utopie, in der es keine Kriege mehr gibt und der Mensch friedlich und harmonisch zusammenlebt, wahr werden wird. Als er erzählt, dass er eine Zeitmaschine entwickelt hat, glaubt ihm natürlich niemand.
Als die Polizei an die Tür klopft, weil sie Jack the Ripper jagt, zeigt sich: Der Ripper ist einer von Wells' Gästen – der Freund Dr. John Leslie Stevenson. Aber er ist im Haus nicht aufzufinden. Ebenso wenig wie die Zeitmaschine.
Wells wird klar, dass Stevenson in die Zukunft gereist ist. Als die Zeitmaschine zurückkehrt, bleibt ihm keine Wahl, als ebenfalls den Trip in die Zukunft anzutreten, da er Utopia vor Jack the Ripper schützen muss. Im San Francisco des Jahres 1979 merkt er aber, dass die Zukunft sich nicht ganz so entwickelt hat, wie er es sich vorgestellt hat.
Von Sherlock Holmes zu Jack the Ripper
Nicholas Meyer schrieb den Roman The Seven Per-Cent Solution, in dem Sherlock Holmes auf Sigmund Freud trifft. Der Roman wurde zum Bestseller und 1976 auf Basis eines Meyer-Drehbuchs verfilmt.
Etwa zu der Zeit zeigte ihm der Autor Karl Alexander, den Meyer aus einem Autoren-Workshop der University of Iowa kannte, die ersten gut 60 Seiten seines Romans, in dem H.G. Wells und Jack the Ripper in die Moderne reisen. Meyer gefiel die Idee so gut, dass er die Filmrechte dafür optionierte und begann, das Drehbuch zu schreiben.
Alexander schrieb derweil weiter am Roman, wobei beide Männer Ideen austauschten und so einander im Schreibprozess immer wieder beeinflussten. Danach gelang es Meyer, das Skript Warner Bros. schmackhaft zu machen.
Seine Bedingung: Er wollte es nur dann verkaufen, wenn er auch Regie führen durfte. Das Studio ging darauf ein.
McDowell als Held
Warner Bros. wollte Richard Dreyfuss als H.G. Wells und Mick Jagger als Jack the Ripper. Beide sagten Meyer nicht im Mindesten zu. Bei Jagger fürchtete er sogar, dass der Musiker die Herausforderung der Figur einfach nicht meistern könnte.
Ein Kompromiss fand sich in Malcolm McDowell, der ebenfalls von Warner Bros. vorgeschlagen wurde. Meyer fand diesen Vorschlag genial. Denn McDowell war vor allem dafür bekannt, dass er Schurken spielte. Ihn in der Heldenrolle zu besetzen, brach mit Konventionen.
McDowell(öffnet im neuen Fenster) selbst war überrascht: "Seltsamerweise musste ich nicht um die Rolle kämpfen, und das ist ganz Nicholas Meyer zu verdanken, denn er hätte mich ohne Weiteres als Jack the Ripper besetzen können. Tatsächlich hat er mit David Warner die absolut beste Person für diese Rolle besetzt – er war schlicht brillant, und niemand hätte besser sein können als er."
Der richtige Ripper
Den Ripper spielte David Warner, der wohl eine bessere Wahl war als Mick Jagger. Denn der Schauspieler ist in der Lage, auf subtile Art furchteinflößend zu sein, was für die Rolle essenziell war.
Ebenso essenziell war, dass er einen starken Kontrast zu McDowells H.G. Wells bot. Das zeigt sich in keiner Szene besser als in der, in der Wells den Ripper in seinem Hotel aufspürt.
Stevenson schaltet den Fernseher ein und zeigt Wells beim Zappen Bilder der Gewalt, von Krieg, von Attentaten, von Brutalität. Die beiden Männer sitzen auf der Couch und Stevenson sagt: "Ich gehöre hierher, vollständig und restlos. Ich bin zu Hause. Die Welt hat mich eingeholt und überholt. Vor neunzig Jahren war ich ein Monster. Heute bin ich ein Amateur."
Das ist ein Moment der Wahrhaftigkeit, denn die moderne Welt hat Schrecken ersonnen, die im Jahr 1893 unvorstellbar wären – der Ripper passte sich ihr an. Das zeigt sich auch darin, dass Stevenson, der nur kurz vor Wells ankam, bereits moderne Kleidung trägt, während Wells nie aufhört, seinen viktorianischen Zwirn zu tragen.
Die dritte wichtige Rolle war die der Bankangestellten Amy, die sich in Wells verliebt. Der Part wurde Sally Field angeboten(öffnet im neuen Fenster), aber sie lehnte ab.
Meyer wollte dann seine damalige Freundin Shelley Hack besetzen, was nicht nur dem Studio, sondern auch ihr nicht gefiel, denn sie wollte nicht den Eindruck erwecken, sie hätte eine Rolle nur wegen ihrer Beziehung zum Regisseur bekommen. Beim Vorsprechen zahlreicher Schauspielerinnen stach dann Mary Steenburgen heraus.
Eine echte Liebe
Das Interessante an Flucht in die Zukunft ist, dass nicht mit aller Gewalt eine Romanze eingebaut wird, während Wells noch den Ripper jagt. Diese Romanze kommt erst ins Spiel, als Wells denkt, dass Stevenson tot und somit die Gefahr für das 20. Jahrhundert gebannt ist.
Sie funktioniert nicht nur inhaltlich, sondern auch wegen der beiden Darsteller, die sich hier kennen und lieben lernten. Von 1980 bis 1990 waren sie verheiratet und haben zwei gemeinsame Kinder.
Im Interview mit AV Club(öffnet im neuen Fenster) sagte Steenburgen: "Nun, Gott sei Dank habe ich es gemacht. Ich habe wegen dieses Films Kinder! Ich habe ihn geliebt. Ich habe die Arbeit mit Malcolm geliebt. Er war ein so wichtiger Mensch in meinem Leben."
Er sei nicht nur der Vater ihrer Kinder, sondern auch ein Freund und eine Inspiration gewesen, sagte Steenburgen. Er habe etwas angefacht, das bereits in ihrer Kindheit in Gang worden sei, "eine Liebe zu England und zur dortigen Theaterwelt, mit der ich durch ihn und vermutlich auch wegen ihm in Berührung gekommen bin."
Szene mit nur einer Lichtquelle
Die Dreharbeiten begannen am 18. September 1978 in San Francisco und dauerten 52 Tage. In der Zeit wurde nicht nur im Studio, sondern auch im Palace of Fine Arts, der Grace Cathedral, Union Street, den japanischen Tea Gardens im Golden Gate Park, North Beach und Muir Woods in Marin County gedreht.
Die Szenen im viktorianischen England, die in Wells' Haus spielen, wurden von Kameramann Paul Lohmann mit nur einer Lichtquelle ausgeleuchtet, um den Look von den Szenen in San Francisco abzuheben, wo er verschiedene Lichtquellen nutzte.
Eine Zeitmaschine aus Fiberglas
Kostüm und Dialoge sollten authentisch sein. Das einzige Outfit, das Wells über weite Strecken des Films trägt, wurde als typischer englischer Sportanzug der 1890er-Jahre identifiziert: ein Kaschmir-Herringbone-Tweed mit Norfolk-Jacke, dessen historische Genauigkeit Kostümbildner Sal Anthony sorgfältig recherchiert hatte.
Nicholas Meyer war es wichtig, dass Malcolm McDowell und David Warner im viktorianischen Englisch blieben. Das schränkte ihre Möglichkeiten zur Improvisation deutlich stärker ein als bei den zeitgenössischen Figuren des Films.
Die Konstruktion der Zeitmaschine fand in den Burbank Studios statt. Sie bestand aus Fiberglas und maß rund vier Meter in der Länge, anderthalb Meter in der Breite und knapp drei Meter in der Höhe. Die Kosten für den Bau beliefen sich auf 70.000 US-Dollar – ein relativ günstiger Posten des insgesamt 3,5 Millionen Dollar teuren Films.
Für Warner Bros. lohnte es sich – damals – dennoch nicht, der Film spielte nur fünf Millionen US-Dollar ein, entwickelte sich aber im Heimkinomarkt und später im Fernsehen zum Erfolg.
Dass der Film auch heute noch sein Publikum findet, führt Meyer darauf zurück, dass er verschiedene Genres miteinander kombiniert, und zwar Science-Fiction mit Thriller, Drama und Komödie, und all das abgeschmeckt mit einem Schuss sozialkritischem Kommentar.
Eine literarische Fortsetzung
Eine filmische Fortsetzung stand nie zur Diskussion. Schriftsteller Karl Alexander publizierte jedoch im Jahr 2009 den Roman Jaclyn the Ripper(öffnet im neuen Fenster). In dem macht die heimwehkranke Amy, Ehefrau von H. G. Wells, heimlich eine Zeitreise ins Los Angeles des Jahres 2009. Dabei befreit sie unbeabsichtigt Jack the Ripper und bringt ihre DNA durcheinander – ein Unfall, der den Psychopathen in eine auf Rache sinnende Frau verwandelt.
Im Jahr 2017 debütierte zudem die Fernsehserie Time After Time(öffnet im neuen Fenster), die es nie nach Deutschland schaffte. Das lag auch daran, dass die von Kevin Williamson (Scream) entwickelte Serie floppte und in den USA nur fünf von zwölf Folgen ausgestrahlt wurden.
H.G. Wells wird hier von Freddie Stroma (Vigilante in der Serie Peacemaker) und Jack the Ripper von Josh Bowman (bekannt aus der Serie Revenge) gespielt. Die erste Hälfte der Pilotfolge hält sich relativ nahe an die Vorlage, danach weicht die Serie immer weiter vom alten Film ab.
Obwohl sie heutzutage weitestgehend vergessen ist, ist Flucht in die Zukunft eine Perle, die auch fast 50 Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Reiz eingebüßt hat.
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